«Er verdient den schlechten Ruf nicht»
Einem Klischee wurde Marcus Ericsson dann doch noch gerecht. Als sein Renningenieur ihm auf der Auslaufrunde gratulierte mit den Worten: «Ich habe es Dir gesagt, harte Arbeit zahlt sich immer aus», war Ericsson ganz der kühle Nordländer und bedankte sich beim Team – aber ohne einen Anflug von Euphorie.
Vielleicht aber ist Ericsson auch einfach ein guter Schauspieler, vielleicht sah es in ihm drin ganz anders aus. Denn dass es ausgerechnet er sein würde, der dem Hinwiler Sauber-Team die ersten Punkte der Saison bescheren würde, davon war niemand ernsthaft ausgegangen. Er schien nur die Nummer zwei neben Ferrari-Protégé Charles Leclerc, dem Nachwuchstalent, das in den letzten beiden Jahren die Gesamtwertungen in den beiden nächst tieferen Serien gewonnen hatte. Ericsson hingegen ist abgestempelt als Paydriver – weil er sein Sauber-Cockpit 2015 dank Sponsorengeldern bekam und letztlich Leute aus seinem Umfeld das Team kauften.
Ein mutiger Plan
Was Ericsson aber in Bahrain zeigte, entspricht so gar nicht dem Klischee eines Bezahlfahrers. Als einziger Fahrer neben den Top-3 Sebastian Vettel, Valtteri Bottas und Lewis Hamilton war er auf einer Ein-Stopp-Strategie unterwegs und setzte den mutigen Plan nahezu perfekt um. «Es war unsere beste Chance, aber auch eine schwierige Aufgabe», sagte der Schwede. Denn er musste seinen Reifen Sorge tragen, sich gleichzeitig aber auch gegen andere Autos verteidigen. «Ich musste mich clever verteidigen. Ich durfte nicht zu hart kämpfen gegen Autos, die frischere Reifen hatten, wollte die Konkurrenz aber auch nicht einfach vorbeiziehen lassen.» Das gelang ihm gut. «Ich fuhr am Limit, aber nicht über dem Limit», sagt er selber.
(Video: Youtube/Formula 1)
Der neunte Rang und zwei WM-Punkte waren der Lohn dafür – und daneben viel mediale Anerkennung. In einem Videozusammenschnitt der besten fünf Momente des Rennens auf der offiziellen Formel-1-Website wird als erstes sein Überholmanöver gegen Sergio Perez im Force India gezeigt – eine Szene, die noch letzte Saison eigentlich undenkbar war und nach dem Qualifying in Bahrain unwahrscheinlich schien, weil die Sauber-Piloten da nur mit den beiden Williams mithalten konnten.
Nicht aufs Qualifying gesetzt
Die schwache Qualifying-Pace hatte man in der Hinwiler Equipe aber bewusst in Kauf genommen. «Wir haben uns aufs Rennsetup konzentriert und deshalb etwas mehr Performance als erwartet weggegeben fürs Qualifying», sagte Ericsson. Auch diese Entscheidung stellte sich als richtig heraus.
Überhaupt machte Sauber in dieser Saison bisher vieles richtig. Bereits im zweiten Rennen gelang es beiden Fahrern, im Mittelfeldpulk um Positionen zu kämpfen. Auch Charles Leclerc, der am Ende 12. wurde. Für ihn wäre mehr möglich gewesen, ein früher Boxenstopp aufgrund von Reifenproblemen machte aber seine Hoffnungen zunichte.
Für ein Team, das 2017 abgeschlagen Letzter war und nun am Auto so viel veränderte wie sonst wohl kein anderer Rennstall, ist es keine Selbstverständlichkeit, bereits jetzt im Mittelfeld bei den Leuten zu sein. Als einen «sehr guten ersten Schritt» bezeichnete Teamchef Frédéric Vasseur die Sauber-Leistungen in Bahrain, «es ist eine Belohnung für die harte Arbeit über den Winter.»
Hart gearbeitet hat auch Ericsson. Mit seiner Körpergrösse von 1,80 Metern ist er einer der grössten und damit auch schwersten Fahrer in der Formel 1. Über den Winter absolvierte er massgeschneiderte Trainingsprogramme, um zwar Gewicht zu verlieren, aber keine Kraft einzubüssen. Fünf Kilo verlor er auf diese Weise und fühlt sich deshalb nicht mehr im Nachteil, gerade auch gegenüber Leclerc. Vom Monegassen wird er gelobt. «Er ist ein sehr guter Fahrer», sagt Leclerc, «er hat einen schlechten Ruf, aber das verdient er überhaupt nicht.»
Wie ein neues Kapitel
Auf alle Fälle hat Ericsson mit seinem Auftritt in Bahrain seinen Ruf etwas aufpolieren können. Zupass kam ihm, dass mit den beiden Red-Bull-Boliden und Kimi Räikkönen drei Autos ausfielen, die im Normalfall sicher in den Punkterängen sind. Seine Leistung schmälert das allerdings nicht. Er sprach von einer grossen Erleichterung und gab zu, dass die vergangenen Jahre frustrierend waren. «Auch wenn du weisst, dass du nicht das Auto dafür hast, willst du immer in die Punkte fahren», sagt er.
Nun scheint der Sauber-Bolide Top-Ten-Plätze wieder zu ermöglichen – zumindest unter guten Umständen. In Hinwil dürften die Hoffnungen zurecht gestiegen sein, dass auch an diesem Wochenende im GP von China in Schanghai Sauber positive Schlagzeilen schreiben kann. Auf dem achten WM-Rang liegt Sauber nach zwei Rennen – eine Position, die das Team seit 2015 nie mehr belegt hatte. «Es fühlt sich wie der Start in ein neues Kapitel an», sagt Ericsson. Eines, in dem er eine bessere Rolle spielen könnte, als ihm viele zutrauen.

