Der Provokateur mit dem Topskorer-Trikot
Es ging im Dübendorfer Meistertrubel am Sonntag in Huttwil fast unter. Und auch Steven Widmer kriegte nicht recht mit, wofür er nach dem entscheidenden Sieg gegen Brandis noch vor der Pokalübergabe geehrt wurde. «Als ich eine Uhr in der Hand hielt und nicht eine Bratwurst dämmerte mir, dass das etwas Spezielles sein muss», sagt er. Tatsächlich: Der EHCD-Topskorer wurde als wertvollster Spieler der Finalserie ausgezeichnet.
Für Widmer ist der Meistertitel in der MSL die Krönung jener Saison, in der er so produktiv war wie noch nie in seiner Karriere. In 43 Spielen erzielte er 35 Skorerpunkte (19 Tore/16 Assists). Im Ligavergleich sind das gar keine überragenden Werte. Widmer weiss das – und er nimmt es mit Humor. «Ich bin wohl der schlechteste Topskorer der Liga. Es ist mir aber ganz recht, denn am Ende hätte sicher jeder gerne sein Topskorertrikot gegen den Meisterpokal getauscht.»
«Ich bin wohl der schlechteste Topskorer der Liga.»
EHCD-Stürmer Steven Widmer
Tatsächlich sind die Topskorer der meisten anderen Teams produktiver gewesen als Widmer – nach der Qualifikation liess er nur Yann Millet von Star Forward und den Bülacher Remo Ottiger hinter sich. «Das widerspiegelt auch die Saison der Mannschaft. Bei uns war nicht nur eine Linie für die Tore zuständig», sagt Widmer. Und er selber gibt sich bescheiden: «Es waren nicht viele schöne Tore dabei – und Raoul Seiler setzte mich viel in Szene.»
Solche leisen Töne passen auf den ersten Blick gar nicht zu einem Spieler, der auf dem Eis die Rolle des Provokateurs übernimmt. Widmer gilt als einer, den man lieber im eigenen Team hat denn als Gegner. Bei den eigenen Fans geniesst er fast schon Kultstatus, für manchen Gegner ist er eine Hassfigur. Mit seiner Gangart auf dem Eis polarisiert er. «Es hat mir niemand gesagt, dass ich so spielen muss. Es ist einfach mein Spiel. Wenn ein Gegner rot sieht und mich angreift, öffne ich so auch Räume für die Teamkollegen», sagt Widmer.
Das Lob des Sportchefs
EHCD-Sportchef Urs Wüst sagt, Widmer habe sich «in eine positive Richtung» verändert. Nach Jahren in denen er «einfach da war und mal besser und mal weniger gut spielte», habe Widmer heuer gezeigt, was er kann. «Er hat im richtigen Moment wertvolle Punkte gemacht und auch Verantwortung übernommen», sagt Wüst. «Das hing natürlich auch mit seinen Mitspielern zusammen. Er trug das Topskorerleibchen aber nicht unverdient.»
Der 25-Jährige hat laut Wüst aber noch Luft nach oben. «Wenn du provozierst, darfst du dich nicht selber provozieren lassen.» Das weiss Widmer selber auch. «Ich bin ein Hitzkopf», sagt er, «mit dem Alter wurde das nicht besser, aber ich wurde doch etwas cleverer.»
«Ich bin ein Hitzkopf. Mit dem Alter wurde das nicht besser, aber ich wurde doch etwas cleverer.»
EHCD-Stürmer Steven Widmer
Cleverness – das war für Dübendorf in diesen Playoffs einer der Schlüssel zum Erfolg. «Ohne Reto Stirnimann wäre das wahrscheinlich nicht machbar gewesen», sagt Widmer, «er sagt nicht viel, aber wenn, dann findet er die passenden Worte. Er hat uns perfekt eingestellt, kleine taktische Anpassungen vorgenommen wenn es nötig war. Wir wussten, wann der Gegner was macht, und konnten darauf reagieren.»
Das Lob für Stirnimann will Widmer nicht als Aussage gegen Ex-Trainer Andrea Cahenzli verstanden haben. «Auch er hat seinen Anteil am Titel. Er hat gut gearbeitet mit uns. Aber es ist wie in einer Beziehung: Wenn sie am bröckeln ist, hilft dir ein einzelner schöner Abend auch nicht mehr weiter.» Die Beziehungskrise gipfelte letztlich im Trainerwechsel – einige Spieler hätten Cahenzli angezweifelt, hiess es damals. Widmer sagt: «Wir haben viel in der Mannschaft geredet, weil wir merkten, dass wir als Kollektiv nicht weiterkamen, sondern von Individualisten abhängig waren. Aber wir haben beim Trainerwechsel nicht mitentschieden.»
Entschieden, wie es in seiner Karriere weitergeht, hat der 25-Jährige bereits. «Ich will nirgendwo anders hin. Wenn ich nicht mehr in Dübendorf spiele, höre ich auf.» Womit klar wäre, dass Widmer auch in der nächsten Saison das gelbrote Trikot tragen wird.
Wenig Änderungen im Kader
Er wird dann Teil einer Mannschaft sein, die sich voraussichtlich weniger stark verändert als im letzten Sommer, als sich rund ein Dutzend Spieler die Türklinke in die Hand gab. Sportchef Urs Wüst will noch keine Namen nennen – die schon länger laufenden Vertragsgespräche wurden über die Playoffs sistiert, bis nach Ostern soll aber alles unter Dach und Fach sein. «Es wird einige wenige Veränderungen geben», sagt Wüst. Für einen neuerlichen Umbruch gibt es auch keinen Grund.

