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Den ersten Traum erfüllt – den nächsten im Visier

Der neue Sauber-Pilot Charles Leclerc spricht über seine Erwartungen und Träume – und über seine Beziehung zu Sauber und zur Schweiz.

Den ersten Traum erfüllt – den nächsten im Visier

Mit seinem überlegenen Titel­gewinn in der Formel 2 im vergangenen Jahr hat sich der neue Sauber-Fahrer Charles Leclerc als eine der grossen Nachwuchshoffnungen für die Formel 1 in Szene gesetzt. Jetzt muss er sich unter nicht ganz einfachen Umständen bewähren – nicht in einem Topteam wie zuletzt in den Nachwuchsklassen, sondern im hinteren Teil des Feldes.

Fühlen Sie sich nach den zwei Testwochen in der Formel 1 schon angekommen?
Charles Leclerc: Ich bin auf jeden Fall bereits komplett im Team angekommen – und ich fühle mich definitiv bereit. Die Tests haben mir viel gebracht, ich habe viel gelernt, vor allem in den Rennsimulationen, die völlig neu für mich waren. Andere Dinge wie überholen oder das dichte Hinterherfahren hinter einem anderen Auto, wenn man viel Grip verliert, werde ich erst in Melbourne kennenlernen.

Mit welchen Erwartungen gehen Sie nach Australien?
Schon mit einiger Zuversicht. Ich glaube, wir haben alle zusammen einen sehr guten Job gemacht.

Wo steht das Sauber-Team derzeit Ihrer Meinung nach?
Das Auto fühlt sich gut an, die Balance ist gut. Ich glaube, wir haben gerade in der zweiten Testwoche ein paar wichtige Schritte gemacht und haben viele Kilometer abgespult. Auch meine Quali-Simulation sah nicht so schlecht aus. Wo wir im Verhältnis zur Konkurrenz wirklich stehen, ist schwer zu ­sagen. Ich denke, da müssen wir Australien abwarten.

«Wir müssen voll angreifen.»
Sauber-Pilot Charles Leclerc

Sehen Sie eine Chance, es ins Q2 zu schaffen?
Ich hoffe es. Wir müssen es auf jeden Fall versuchen und voll angreifen. Wir haben im Moment ein gutes Auto, aber wir müssen natürlich vorsichtig sein, die ­anderen werden sich bis Melbourne noch weiter verbessern. Das müssen wir auch schaffen.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Besuch bei Sauber?
Ja, das war letztes Jahr. Ich weiss noch, dass es sehr stark ­geschneit hat. Und es war schon sehr eindrucksvoll für mich, denn ich war bis dahin ja nur Formel-2-Teams gewöhnt, die viel, viel kleiner sind.

Viele Formel-1-Fahrer leben in der Schweiz – aber viele auch in Ihrer Heimat, in Monaco. Wäre die Schweiz für Sie auch einmal eine Alternative, solange Sie für Sauber fahren?
Nein, ich bin sehr glücklich in Monaco, ich liebe mein Land. Ich bin ja kein «Zugezogener», ich bin der einzige echte Monegasse in der Formel 1. Ich werde auch dort bleiben.

Gibt es etwas, was Sie an der Schweiz besonders mögen?
Die Schokolade … (lacht).

Dürfen Sie die überhaupt ­essen – so aus Gewichts­gründen?
Nicht viel – aber ab und zu ein bisschen schon. Und dann muss man sie halt wieder wegtrainieren …

Charles Leclerc testet seinen neuen Dienstwagen. (Quelle: Sauber Motorsport AG)

Sie sind Ferrari-Nachwuchsfahrer. Verfolgen Sie, was die roten Autos machen – auch mit der Hoffnung, bald selbst schon in einem zu sitzen?
Ich schaue immer auf die roten Autos. Aber nicht, weil ich schon darüber nachdenken würde, da selbst bald einmal drinzusitzen. Ich konzentriere mich auf meinen Job hier bei Sauber und versuche, hier meine bestmögliche Leistung abzuliefern. Aber Ferrari hat schon immer meine Aufmerksamkeit geweckt. Ich war von Kindheit an Ferrari-Fan. Eine gewisse natürliche Verbindung gibt es also. Und dann war ich sehr eng mit Jules Bianchi befreundet, der dort viel über mich erzählt und mir so auch geholfen hat, da reinzukommen.

Sie haben eine schwierige Zeit hinter sich, haben erst Ihren guten Freund Jules Bianchi, dann im letzten Jahr auch ihren Vater verloren.
Das war persönlich nicht leicht. Aber es hat mich definitiv ­stärker gemacht, auch mental. Ich schaue jetzt etwas anders auf den Motorsport, weiss jetzt, dass es im Leben noch wichtigere Dinge gibt. Das nimmt viel Druck raus.

«Ich wollte immer mit beiden Füssen auf dem Boden bleiben.»
Sauber-Pilot Charles Leclerc

Ans Aufhören haben Sie nie gedacht, auch nicht nach dem Unfall von Bianchi?
Nein, nie …

2010 hätten Sie fast aufhören müssen, als Ihre Familie Ihren Sport nicht mehr weiter finanzieren konnte …
Ja, das war ein ganz kritischer und entscheidender Moment. Es sah so aus, als müsste ich auf­hören. Aber dann habe ich den Monaco Kart Cup gewonnen, und kurz darauf hat mich Nicolas Todt – wieder auf Vermittlung von Jules – angerufen und sich entschlossen, mir zu helfen. Sonst wäre da wohl Schluss gewesen …

Haben Sie sich dann Ihrem Traum schon näher gefühlt?
Ich habe mich der Formel 1 eigentlich nie nahe gefühlt, bevor ich meinen Vertrag bei Sauber unterschrieben hatte. Ich wollte immer mit beiden Füssen auf dem Boden bleiben. Jetzt bin ich tatsächlich hier, und das ist toll, aber ich muss weiterkämpfen, um meinen zweiten Traum zu verwirklichen. Der heisst, Formel-1-Weltmeister zu werden. Und das ist noch sehr weit weg. Aber ich glaube daran, dass ich eines Tages diese Chance ­bekommen werde, wenn ich hart genug arbeite. (Interview: Karin Sturm, Montmelo)

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