Sport

«Der Klub ist erfolgshungrig – das passt zu mir»

Reto Stirnimann führt mit dem MSL-Team Dübendorf erstmals eine Aktivmannschaft als Headcoach. Der ehemalige Stürmer zieht eine erste Zwischenbilanz – und sagt, wann bei ihm im Training gelacht werden darf.

«Der Klub ist erfolgshungrig – das passt zu mir»

Vor sieben Wochen haben Sie den Posten des Cheftrainers im EHC Dübendorf übernommen. Wie fällt Ihre Bilanz bisher aus?
Reto Stirnimann: Wir haben viel Qualität und können in der Liga gut mitspielen. Es braucht aber harte Arbeit. Wir brauchen mehr Ehrgeiz und müssen zielstrebiger arbeiten. Unsere Mentalität muss sein, in jedem Spiel 60 Minuten lang unsere Leistung zu bringen.

Sie sprechen Punkte an, die schon Ihr Vorgänger Andrea Cahenzli bemängelt hatte.
Ein Trainerwechsel gibt einen Energieschub, die Karten werden neu gemischt, die Spieler müssen sich beweisen. Doch irgendwann kehrt der Alltag zurück. Dann ist man als Trainer gefordert, das Team voranzutreiben.

Spürten Sie den Moment, als der Alltag kam?
Anzeichen sah ich schon. Der eine oder andere zeigte nicht mehr denselben Effort wie zu Beginn. Ich merkte auch, dass in gewissen Momenten wieder Frust hochkommen kann – obwohl wir eigentlich auf gutem Weg sind. Niederlagen gehören nun einmal zu einem Spiel. Man kann nicht immer gewinnen.

Reto Stirnimann hat knapp 900 NLA-Spiele als Stürmer mit dem HC Davos, den ZSC Lions (2 Meistertitel) und Ambri-Piotta auf dem Buckel. 2011 trat der heute 43-jährige Davoser zurück. Nach einem Abstecher in die Gastronomie kehrte der dreifache Vater ins Hockey zurück und übernahm die Elite-B-Junioren in Herisau. Im April wurde er Cheftrainer Nachwuchs im EHC Dübendorf. Am 20. Oktober löste er Andrea Cahenzli als Headcoach des EHCD-Fanionteams ab.

Wo hat der EHCD am meisten Steigerungspotenzial?
Weil uns nach dem Trainerwechsel drei Spieler verlassen haben, ist unser Kader kleiner geworden. Gerade in der Anfangsphase merkten die Spieler, dass sie körperlich an den Anschlag kamen. Mit vier Linien könnte man die Energie verteilen und hätte die Möglichkeit, zuzulegen, wenn es nötig ist.

Sie haben den Abgang des Trios Brandi, Buchmüller und Zumbühl erwähnt. Nahmen Sie das persönlich?
Ich bin ihnen nicht böse, aber es war für mich schwierig nachzuvollziehen. Ich war 20 Jahre lang Profi. Trainerwechsel waren zwar nicht Alltag, aber wenn es einen gab, war das der Entscheid des Klubs, den ich als Spieler akzeptierte. Hier sind wir im Amateurbereich, und diese Spieler kamen wohl damit nicht zurecht. Sie sagten mir, es hätte nichts mit meiner Person zu tun – aber am Ende gaben sie mir ja auch keine Chance.

Die Trennung von Andrea Cahenzli war für viele sehr überraschend. Wie gross waren Ihre Bedenken, sein Amt zu übernehmen?
Ich tat mich unheimlich schwer. Cahenzli hatte mich nach Dübendorf geholt, ich hatte gegenüber ihm ein sehr schlechtes Gewissen. Ich schlief in dieser Nacht praktisch nicht. Ich war hin- und hergerissen. Denn für mich ist es auch eine Riesenmöglichkeit. Es war mein Traum, mit Erwachsenen zu arbeiten.

«Ich habe meine Vorstellungen, bin ein Perfektionist und verlange von mir selber viel.»

Was gab für Sie den Ausschlag, zuzusagen?
Cahenzli und ich waren beide unter Vertrag. Mir wurde signalisiert, dass jemand anderes kommt, wenn ich es nicht mache. Dann wäre einer zuviel gewesen – das ist ein Punkt. Der zweite: Ich bin ehrgeizig. Ich habe meine Vorstellungen, bin ein Perfektionist und verlange von mir selber viel. Ich sagte mir: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Wie gross waren die Bedenken, es könnte nicht der richtige Moment sein?
Bedenken, es könnte zu früh sein, hatte ich nicht. Ich bringe ja etwas Know-how mit, weil ich nach meiner Spielerkarriere zwei Jahre lang NLA-Assistent bei Ambri war. Da konnte ich viel profitieren. Man sieht als Spieler nie so stark, was dahinter steckt. Man geht sorgloser mit den Dingen um.

Beim EHCD ist Paul Berri ihr Assistent, im Lions-Nachwuchs ist es genau umgekehrt. Ist dieser Rollentausch schwierig?
Nein, überhaupt nicht. Wir ergänzen uns gut und fordern einander heraus. Ich kann sehr von ihm profitieren, er hat eine lange Trainerkarriere hinter sich. Ich erlebte ihn in den 90er-Jahren schon in Davos.

Sie trainieren erstmals eine Aktivmannschaft. Hat Sie bisher etwas überrascht?
Jein. Im Amateurbereich muss man damit kämpfen, dass die Spieler Jobs haben und an gewissen Tagen halt nicht da sind. Das ist eine Umstellung für mich, das kannte ich aus dem Profibereich natürlich nicht. Aber eine Überraschung war das nicht.

Muss man auf dem Eis anders arbeiten als mit Profis? Müssen Sie mehr erklären?
Nicht unbedingt. Man muss Amateuren vermitteln, dass der mentale Fokus wichtig ist, um eine gute Leistung zu zeigen.  Lustig haben kann man es, wenn das Spiel oder das Training fertig ist. Auch im Amateurbereich muss man sich im Training gegenseitig fordern und im Spiel den Kopf beim Hockey haben, und nicht in der Pause über dieses oder jenes diskutieren.

Das heisst, bei Ihnen wird im Training nicht gelacht?
Lachen darf man natürlich, wenn es im Training komische Situationen gibt. Aber das Private und das Geschäftliche muss draussen bleiben. Das hat Platz, wenn das Training fertig ist. Es braucht Freude, aber vor allem Ehrgeiz und Siegeswillen. Man kann nicht einfach aus Plausch spielen.

Spielen Sie selber noch plauschmässig?
Ich würde sehr gerne, aber mein Pensum erlaubt es im Moment nicht. In Ambri spielte ich mit den Senioren, ging aber mit Freude hin und kam hässig nach Hause. Ich hatte dieselbe Attitüde wie bei den Profis, wollte alles für den Sieg tun. Anderen war das nicht mehr so wichtig. Letztes Jahr machte ich in Herisau einige Spiele mit der zweiten Mannschaft.

«Ich habe gekellnert, gekocht – hatte dabei sicher meine Limiten, aber es ging gut.»

Ihr Weg schien weg vom Hockey zu führen. Nachdem 2013 ihr Vertrag als Teammanager und Assistenztrainer in Ambri nicht verlängert worden war, waren Sie in der Gastronomie tätig. Wie kamen Sie auf die Idee, in Ambri das Hotel-Restaurant Monte Pettine zu führen?
Meine Frau und ich wären gerne zurück in die Deutschschweiz. Es machte aber für die Kinder mehr Sinn, zu bleiben, denn sie gingen im Tessin zur Schule. In Ambri hatten wir nicht viele Optionen. Meine Frau arbeitete seit Jahren in der Gastronomie, wir waren deshalb offen, als sich die Möglichkeit mit dem Monte Pettine ergab. Ich bin gelernter Maurer, und es liegt mir, mit den Händen etwas zu tun. Ich habe gekellnert, gekocht – hatte dabei sicher meine Limiten, aber es ging gut.

Vom Hockey waren Sie komplett weg?
Nein, ich half bei Ambri im Nachwuchs aus als Assistenztrainer. Dabei spürte ich, dass ich mein Leben im Hockey sehe.  Wir merkten auch, dass es auf Dauer nicht aufgeht mit der Gastronomie und der Familie. Wir hatten zu wenig Zeit für unsere Kinder. Erst fragte mich Ambri für eine Festanstellung als Trainer im Nachwuchs an, es wurde aber nach langem Zögern nichts daraus. Dann ergab sich die Möglichkeit, in Herisau Elite-B-Trainer zu werden und beim Verband zu arbeiten. Unterdessen ist die Familie im Engadin, und wir haben einen Pächter für den Betrieb.

Sie in Dübendorf, die Familie ist im Engadin – das klingt schwierig.
Meine Tochter fährt Alpin-Snowboard und ist an der Sportschule in Ftan. Wir telefonieren viel, und einmal pro Woche fahre ich hoch. Als ich in Herisau war und die Familie in Ambri, war ich mehr unterwegs, da fuhr ich zweimal pro Woche hin und her. Klar kann das kein Dauerzustand sein. Aber es macht für die Zukunft der Kinder Sinn.

Sie haben viele verschiedene Stationen hinter sich – wo fühlen Sie sich zu Hause?
Auf dem Eis – egal wo es ist. Wir waren acht Jahre lang in Zürich, ich fühle mich wohl hier, und ich fühle mich im Bündnerland zu Hause. Das sind meine Bezugsorte.

Wo sehen Sie Ihre Zukunft als Trainer? Schwebt Ihnen ein Weg in eine höhere Liga vor?
Darüber mache ich mir keine grossen Gedanken. Ich will hier profitieren, mich selber verbessern und mich festigen. Klar kann ich mir vorstellen, eine Stufe weiter hochzuklettern. Aber das ist momentan weit weg. Ich bin glücklich hier, es gefällt mir gut und ich will mein Bestes bewirken.

Dübendorf ist seit Jahren eine gute Adresse. Spüren Sie, dass von dieser Mannschaft Ergebnisse erwartet werden?
Als ich beim ZSC spielte, schaute ich mir manchmal hier Spiele an. Ich weiss, dass der Klub Tradition hat und immer vorne dabei war. Ich bin selber ehrgeizig und will immer gewinnen – für mich ist das nichts Neues. Ob nun im Hockey, im Jassen oder im Bingo. Die Erwartung von aussen ist für mich deshalb nicht so wichtig. Der Klub ist erfolgshungrig – das passt zu mir.

Fehler gefunden?