Auf der Jagd nach Tickets für Pyeongchang
So mancher Olympia-Kandidat dürfte Claudio Pätz beneiden. Während in vielen Sportarten bezüglich Selektionen die heisse Phase erst noch ansteht, hat der Curler aus Uster das Ticket für die Spiele in Pyeongchang längst in der Tasche. Schon seit Ende letzter Saison, nachdem Pätz mit dem Genfer Team um Skip Peter De Cruz WM-Bronze geholt hatte, ist klar, dass das Quartett die Schweiz in Südkorea vertreten wird. «Wir hatten als einzige die Kriterien erfüllt», sagt Pätz. Olympia-Trials, wie sie bei den Frauen ausgetragen wurden, waren damit hinfällig geworden.
Für Pätz und das Genfer Team erleichterte diese Tatsache natürlich die Planung. «Wir konnten von Juni bis Februar alles durchplanen.» Keine zweigleisige Planung also, keine Weichenstellung in Form von Trials im Oktober, kein Plan B mit den Schweizer Meisterschaften und den Weltmeisterschaften als Alternativziel. Die Saison ist auf Pyeongchang ausgerichtet.
Schon jetzt der letzte Test
Aber nicht ausschliesslich auf die Spiele in Südkorea. Derzeit spielen die Genfer etwa an den Europameisterschaften in St. Gallen, was für Pätz einerseits ein wichtiger Test ist, «es ist der letzte Grossanlass vor den Spielen, und wir spielen gegen viele Olympiateilnehmer.» Andererseits aber sind die Genfer sehr ambitioniert – nur schon aufgrund ihres Palmares gehören sie an Grossanlässen zu jenen Teams, die man auf der Rechnung haben muss. Zweimal holten die Genfer bereits WM-Bronze, an Europameisterschaften gewannen sie schon Bronze und Silber; Pätz selber wurde gar schon einmal Europameister – 2013 mit Adelboden.
«Wir haben unsere Ziele neben Olympia», sagt Pätz. «Wir wollen in der Weltrangliste nach vorne kommen.» Dieses Ziel verfolgen die Genfer vornehmlich in Kanada, mehrfach reisen sie pro Saison dorthin. «Die Turniere dort sind sehr stark besetzt. Wir messen uns eigentlich ständig mit den Top-Ten bis Top-15 der Weltrangliste», sagt Pätz. Das grenzt an ein Understatement – die Genfer messen sich nicht nur mit der Weltspitze, sie haben sich etabliert. Derzeit liegen sie in der Weltrangliste auf dem 7. Platz – nationenbereinigt entspricht dies dem dritten Rang.
Die Genfer betreiben viel Aufwand für den Erfolg. Wenn sie nicht gerade international unterwegs sind, trainieren sie an drei Tagen pro Woche in Biel. An und für sich haben die Olympia-Curler Profi-Status – so erwartet es zumindest Swiss Olympic. Pätz allerdings arbeitet noch in stark reduziertem Mass, «tröpfchenweise» nennt er es – «als Ausgleich ist das ganz gut.»
Sehr präsent sind die Spiele bei Pätz und seinem Team noch nicht, «wir sind so viel unterwegs, dass wir nicht gross darüber nachdenken.» Nach den Europameisterschaften in St. Gallen steht ein Turnier im japanischen Nagano an, vor Olympia weilen die Genfer zudem noch einmal für zwei Wochen in Kanada. Und Mitte Dezember wird auch die offizielle Meldung von Swiss Olympic eintrudeln, dass die Genfer Curler definitiv für die Spiele in Pyeongchang selektioniert seien.
Auch Neuenschwander dabei
Ein fast deckungsgleiches Programm steht der Gockhauserin Esther Neuenschwander bevor, die sich mit dem von Silvana Tirinzoni als Skip geführten Aarauer Team an den Trials im Oktober durchgesetzt hatte. Im Gegensatz zu Pätz und seinen Teamkollegen hatten die Aarauerinnen weniger Planungssicherheit. Sie kalkulierten jedoch mit der Olympia-Qualifikation – nach dem Motto «wir schaffen das».
Geschafft haben Neuenschwander und ihre Teamkolleginnen die Qualifikation letztlich überdeutlich – mit sechs Siegen in sechs Partien an den Trials. Die Selektion dürfte ihnen damit ebenso sicher sein wie Pätz und dem Team Genf. Der nationale Verband macht den Vorschlag zwar noch vom Auftreten der beiden Equipen in den letzten Wochen abhängig. Angesichts der Tatsache, dass sowohl die Genfer als auch die Aarauerinnen an den Europameisterschaften in St. Gallen bisher auf Medaillenkurs liegen, dürfte das alles nur noch Formsache sein. Das sieht man offenbar auch beim Verband so. Noch im Oktober wurde den drei Equipen – neben den Genfern und den Aarauerinnen ist auch ein Mixed-Doubles-Team am Start – auf dem Schilthorn medienwirksam die «Mission für Pyeongchang 2018» übergeben. Einfach ist sie nicht: Mit zwei Medaillen sollen die Schweizer Curler aus Pyeongchang zurückkehren.
Oberländer Einzelsportler und ihr Weg nach Pyeongchang
Isabel Derungs: Was sie im Bokwang Snowpark in Pyeongchang erwarten würde, weiss Snowboarderin Isabel Derungs. Die Riedikerin war im Februar 2016 dabei, als Testwettkämpfe auf dem Olympiagelände statt fanden. In der Disziplin Big Air – sie wurde für 2018 ins Programm aufgenommen, um jüngeres Publikum anzusprechen – verpasste die 30-Jährige damals als 13. den Finaleinzug. Neben der Chance, die Limite für den Wettbewerb mit den Sprüngen über den Kicker (Schanze) zu knacken, hat Derungs auch die Möglichkeit, sich für den Slopestyle-Wettkampf in Pyeongchang zu qualifizieren. Die Snowboarderin hat dafür mit Platz fünf an der WM in Sierra Nevada gut vorgespurt. Um die A-Limite zu erfüllen, braucht sie im Weltcup nun noch einen Platz in den Top Ten.
Anfang September in Neuseeland schrammte sie nur knapp daran vorbei, als sie Elfte wurde. Zwei Slopestyle-Rennen stehen noch an, daneben bestreitet Derungs sechs Wettkämpfe im Big Air. Für die Riedikerin wäre es die zweite Olympia-Teilnahme. 2014 in Sotschi stiess sie im Slopestyle in den Final vor und sicherte sich mit Rang 8 ein Diplom. Im selben Jahr aber erlitt die A-Kader-Athletin einen Schien- und Wadenbeinbruch. Die schwere Verletzung hatte für Derungs eine fast zweijährige Pause zur Folge – eine kleine Ewigkeit in der Freestyle-Szene, die sich rasant weiter entwickelt.
Natalie Maag: Die Wernetshauser Rodlerin mag die Bahn im Alpensia Sliding Centre in Pyeongchang, in der sie schon mehrfach unterwegs war. Zuletzt Anfang November. Ob Maag aber tatsächlich die Limite knackt, um im Februar ihre Olympia-Premiere bestreiten zu können und damit erneut im südkoreanischen Eiskanal unterwegs ist?
«Die Olympischen Spiele sind ein grosser Traum», sagt Maag. Sie weiss aber auch: Die eigens für sie aufgestellten Kriterien – im Selektionskonzept wird von Athleten mit hohem Potenzial gesprochen – sind schwierig zu erfüllen. Die Ende November erst 20 Jahre alt werdende Athletin muss sich im Weltcup zweimal in den Top 18 klassieren, um sich das Ticket zu sichern. Maag aber macht sich überhaupt erst daran, sich auf diesem Niveau zu etablieren. Nach einem Zwischenjahr, in dem sie auch noch Rennen bei den Juniorinnen fuhr, startet sie erstmals nur in der Elite. Rund vier Jahre benötigen junge Rodlerinnen jeweils in der Sportart, in der auch das Material eine zentrale Rolle spielt, um sich auf höchster Ebene durchzusetzen. Maag geht die Aufgabe ohne falschen Vorstellungen an. Sie plant sowieso längerfristig – und hat die Olympischen Spiele 2022 in Peking im Blickfeld. «In diesem Zusammenhang wäre es aber gut, jetzt ein erstes Mal Olympialuft schnuppern zu können.»
Kai Mahler: Der Fischenthaler Freeskier ist zwar erst 22 Jahre alt. Mahler aber war bereits im Jahr 2014 an den Olympischen Spielen in Sotschi dabei. Er klassierte sich in Russland im Slopestyle auf Rang 16 – in derselben Disziplin möchte er im Februar 2018 im südkoreanischen Pyeongchang am Start stehen. Deutlich bessere Resultate gelangen Mahler zuletzt allerdings in der Disziplin Big Air, in der in Südkorea allerdings nur die Snowboarder starten dürfen.
Für den Tösstaler, der zuletzt von einer Verletzung gebremst wurde, heisst dies: Er muss sich im Slopestyle gegenüber dem letzten Winter markant steigern. Sein Bestwert in der Saison 2016/17 war nur ein 45. Platz – das reicht bei weitem nicht. Freeski-Nationaltrainer Misra Noto aber ist davon überzeugt, dass Mahler die Voraussetzungen hat, die auf vier verschiedene Arten erfüllbare A-Limite (beispielsweise Top-5-Platz an den X-Games plus Top-16-Platz im Weltcup) zu knacken. «Sein Repertoire an Tricks hat er auf jeden Fall zusammen.»
Der Saisonauftakt in Neuseeland missglückte dem Mitglied der Nationalmannschaft mit Platz 46, die weiteren Möglichkeiten sind begrenzt. Ende November folgt in Österreich die nächste, danach stehen vor Ende der Selektionsperiode am 28. Januar nur noch drei Slopestyle-Wettbewerbe auf dem Programm.
Gilles Roulin: Der 28. Januar 2018 ist der Stichtag. Bis dahin muss der Grüninger Gilles Roulin die Kriterien erfüllt haben, um seine olympische Feuertaufe feiern zu können. Pro Disziplin heisst das: Entweder einmal in die Top 7 fahren oder zweimal in die Top 15. Für den 23-jährigen Weltcup-Neuling ist das eine grosse Herausforderung. Schliesslich fuhr er letzte Saison noch im Europacup und bezeichnet den Schritt auf die höchste Stufe als «riesig». Kommt hinzu: die interne Konkurrenz um die jeweils vier Schweizer Startplätze pro Disziplin ist für den Europacup-Gesamtsieger der Saison 2016/17 beträchtlich. Auch wenn Roulin die Spiele in Südkorea nicht ins Zentrum seiner Planungen rückt, gibt der Oberländer unumwunden zu: «Es wäre komisch, nicht von Olympia zu träumen.» Schafft er den Sprung nach Pyeongchang tatsächlich, ist das für ihn ein Bonus, wie er sagt.
Vorerst ist die Akte Olympia für Roulin aber ganz weit weg. Er hat eine andere, sehr schwierige Aufgabe zu meistern. Der Grüninger hat sich zum Ziel gesetzt, sich im Weltcup zu etablieren. Wie er das schaffen möchte? Genau so, wie er seine Karriere schon in der Vergangenheit vorangetrieben hat. Roulin will kleine Schritte machen, sich auf höchster Stufe vorerst in einer Disziplin in den Top 30 festsetzen. «Danach in einer zweiten und einer dritten, einer vierten vielleicht.»
Oberländer Teamsportler und ihr Weg nach Pyeongchang
Janine Alder: Seit 2016 studiert Janine Alder im US-amerikanischen Bundesstaat Minnesota und steht für die St. Cloud State Huskies im Tor. Somit kann die 22-jährige Mönchaltorferin, die eine überaus starke letzte Saison für die Huskies absolvierte und inklusive der aktuellen noch drei Saisons in den USA spielen wird, selbstredend nicht an jeden Zusammenzug des Schweizer Frauen Nationalteams teilnehmen.
Zuletzt musste Alder auf das Länderturnier in Russland verzichten, im Dezember am Turnier in Tschechien aber wird sie wieder dabei sein. Danach steht noch ein letzter vor olympischer Testlauf in Deutschland auf dem Programm, ehe Nationaltrainerin Daniela Diaz Mitte Januar ihr Kader bestimmt.
Drei Goalies werden in diesem stehen – und Alder hofft darauf, diesem Trio anzugehören. Wie an den Weltmeisterschaften in den USA im Frühling 2017, als sie in zwei Schweizer Partien als Ersatztorhüterin figurierte. Die Nummer 1 ist an Florence Schelling vergeben. Die in Schweden spielende Torhüterin hatte vor vier Jahren das Schweizer Team in Sotschi überraschend zu Olympia-Bronze geführt. Alder war in Russland als dritte Torfrau ebenfalls dabei. Mit der Olympia-Teilnahme sei einer ihrer grössten Träume Wirklichkeit geworden, hat die junge Torhüter unlängst gesagt. Nun bietet sich ihre die Chance auf eine Wiederholung.
Lukas Flüeler: Vor rund neun Jahren, im Dezember 2008, erhielt Lukas Flüeler erstmals ein Aufgebot für die Schweizer Nationalmannschaft. Doch danach folgten für den aus Pfäffikon stammenden zweifachen Meistergoalie der ZSC Lions nur noch tröpfchenweise Einsätze im Nationalteam. Bei 19 Länderspielen steht der mittlerweile 29 Jahre Flüeler aktuell. Ein einziges Mal schaffte es der grossgewachsene Torhüter an eine WM – vor fünf Jahren in Helsinki als Nummer drei. Da blieb er allerdings ohne Einsatz.
Seit 2014 erlebte der Oberländer – auch wegen Verletzungsproblemen – schwierige Momente, die Goaliehierarchie im Stadtzürcher Verein wurde verwischt. Im Frühling nahm Nationaltrainer Patrick Fischer sogar Flüelers Klubkollegen Niklas Schlegel an die WM mit. Doch der Wind hat sich gedreht. Der Pfäffiker hat sich bei den Lions wieder in den Vordergrund gespielt. Und nur zwei Schweizer Goalies weisen in der National League kurz vor Meisterschaftshälfte eine bessere Fangquote auf. In den Überlegungen von Fischer dürfte Flüeler also durchaus eine Rolle spielen. Geht man davon aus, dass der Nationaltrainer neben der Nummer 1, Leonardo Genoni, und einem jungen dritten Torhüter einen zweiten erfahrenen Mann mit nach Südkorea nimmt, gehört Flüeler zu den Kandidaten. Er muss aber wohl Jonas Hiller, Tobias Stephan und Robert Mayer ausstechen. Keine Gefahr droht Flüeler für einmal aus Nordamerika, da die NHL ihren Spielern die Teilnahme an den Olympischen Spielen untersagt hat. Das Verbot trifft neben Goalie Reto Berra beispielsweise auch den Wermatswiler Stürmer Sven Andrighetto.
Joel Genazzi: Vor Saisonbeginn führte Joel Genazzi im Rahmen eines Beitrages des Schweizer Fernsehens seinen neuen Teamkollegen Joel Vermin ins olympische Museum in Lausanne. Dass der Greifenseer dieses kennt, liegt auf der Hand, steht der Verteidiger doch in seiner mittlerweile fünften Saison im Lausanne HC. Lieber als im Museum Bilder von vergangenen Olympischen Spielen anzuschauen möchte Genazzi gerne selber Teil des grossen Sportanlasses sein. «Das ist ein grosses Ziel», sagte er vor Beginn der Meisterschaft mit Blick auf das Eishockey-Turnier in Südkorea, für das sich die Schweiz qualifiziert hat. Und die Karten des 29-Jährigen dürften sehr gut stehen, dass er es ins Aufgebot von Nationaltrainer Patrick Fischer schafft.
Der schussstarke Greifenseer hat sich in der NLA längst als einer der besten Offensivverteidiger etabliert. Nach mehreren Anläufen feierte der einst zwischen Defensive und Sturm hin- und hergeschobene Spieler letzte Saison seine Premiere an Weltmeisterschaften. Und zwar auf überzeugende Art und Weise. Genazzi setzte offensive Akzente und schloss mit einer starken Plus-/Minusbilanz ab. Unbestritten ist: Genazzi war einer der Gewinner im Schweizer WM-Team.

