«Das ist ein guter Ort für mich»
Patrick Müller sass im Zug Richtung Süden gestern Vormittag. Nicht ferienhalber – noch nicht. Für den Ustermer stehen Dernièren in mehrerlei Hinsicht an: Am Wochenende geht seine Saison mit dem Giro dell’Emilia (Samstag) und dem Piccolo Giro di Lombardia (Sonntag) zu Ende. Und damit auch seine Zeit als U23-Fahrer bei BMC
Nächste Saison debütiert er als Profi. Beim Pro-Continental Team Vital Concept hat der 21-Jährige Unterschlupf gefunden, einem Team also, das im Profi-Radsport nicht in der World Tour, sondern auf zweithöchster Stufe engagiert ist. Für zwei Jahre hat sich Müller beim neuen französischen Team verpflichtet – diese Vertragsdauer schreibt der Weltverband UCI für Neoprofis vor.
Diese Pflicht ist auch der Grund dafür, dass ein weiteres Engagement bei BMC nicht möglich war. Beim amerikanisch-schweizerischen World-Tour-Team verfügt kein Fahrer über einen Kontrakt über die Saison 2018 hinaus – offenbar, weil die Sponsorengelder nur bis dann zugesichert sind. Gespräche haben Müller und sein Agent Mattia Galli mit BMC zwar geführt, «als Stagiaire hoffte ich schon, dass es eine Möglichkeit gibt zu bleiben», sagt Müller. Als er dann aber das Angebot von Vital Concept den BMC-Verantwortlichen vorlegte, konnten diese nicht reagieren.
Ex-Profi als Chef
Ende Juli wurde bekannt, dass BMC sein Nachwuchsteam auflöst. Damals hatte Galli in Bezug auf einen Profivertrag für Müller gesagt, man brauche einen Plan B, wenn es mit BMC nicht funktioniere, und das könne auch ein Vertrag in einem Pro-Continental-Team sein. Dieser Plan B wurde nun also Wirklichkeit. Müllers Freude tut dies selbstredend keinen Abbruch. «Seit der vierten Klasse erzählte ich allen, dass ich Radprofi werden will. Der Traum wird nun Realität». Dass diese Realität vorerst «nur» in einem Pro-Continental-Team sein wird, das erachtet Müller nicht als Nachteil. «Für mich als junger Fahrer ist das ein guter Ort», sagt er. «Ich habe die Möglichkeit, an grösseren Rennen Erfahrungen zu sammeln und an kleineren auf Resultate zu fahren.»
Vital Concept ist ein neues Team. Drahtzieher ist mit Jérôme Pineau ein Ex-Profi, der seine Karriere vor zwei Jahren mit dem Schweizer IAM-Team beendete. Im Sommer sprach Pineau davon, mit dem Team innert drei Jahren in die World Tour aufsteigen zu wollen. Bereits in der nächsten Saison will sich das Team eine Wild Card für die Tour de France ergattern. Aushängeschild ist der Sprinter Bryan Coquard.
Pineau war es auch, der sein Interesse an Müller offenbar so überzeugend kundgetan hat, dass der Ustermer nun sagt: «Es stimmt für beide Seiten.» Vor einigen Wochen habe ihn Pineau an der Tour de l’Avenir besucht. «Ich merkte, dass er mich in seinem Team will», sagt Müller. Zwei, drei weitere Möglichkeiten habe er zwar gehabt, aber mit niemandem engere Gespräche geführt.
Selbstvertrauen getankt
Einen ersten Vorgeschmack, wie es unter Profis zu und her geht, erhielt Müller, seit er ab August als Stagiaire im BMC-Team mitfuhr. Als «sehr coole Erfahrung» bezeichnete er etwa die Tour of Utah, sein erstes Profirennen, in dem er mit BMC die Teamwertung gewann und in der letzten Etappe als Vierter von sich Reden machte. Und als er am Grand Prix de Wallonie kurz vor dem Ziel in einer 20-köpfigen Spitzengruppe fuhr, schaute er sich um und merkte: «Um mich herum sind die ganz grossen Namen.»
Die Wochen als Stagiaire bewiesen Müller, dass er auf höchster Stufe mithalten kann. «Fürs Selbstvertrauen ist das sehr nützlich», sagt er. «Ich gehe mit Zuversicht in den Winter.» Dieser wird anders sein als bisher – bereits im Dezember steht das erste Trainingslager mit Vital Concept an. Vor allem aber absolviert Müller die Sportler-RS über den Winter. Zuvor stehen nach den beiden letzten Saisonrennen am Wochenende bis Ende Oktober Ferien an.

