In neuem Umfeld gewinnen
Es ist eine Premiere mit lauten Nebengeräuschen: Heute Samstag wird erstmals in der neuen dritthöchsten Schweizer Eishockeyliga gespielt. Swiss Regio League hiess sie einst, MySports League heisst sie nun («züriost» wird sie als «MSL» bezeichnen), die neue Liga, in der die besten Amateurklubs des Landes den Schweizer Meistertitel ausmachen sollen.
Die Liga war von Beginn weg umstritten. Mancher Klub wollte gar nicht daran teilnehmen – aus Angst, die Kosten würden explodieren und die Zuschauer den Spielen fernbleiben. Andere wiederum sind Feuer und Flamme für das Projekt, glauben, dass die Kosten im Rahmen bleiben, die Qualität der Spiele aber steigen werde im Vergleich mit der früheren 1. Liga.
Schlagzeilen vor dem Auftakt
Schlagzeilen und emotionale Diskussionen produzierte das Konstrukt im Vorfeld also reichlich. Jüngstes Beispiel: Am Dienstag – vier Tage vor Meisterschaftsstart – suspendierte der Verband den HC Université Neuchâtel, weil er Auflagen nicht erfüllt habe, und beauftragte einen Einzelrichter, ein Verfahren zu eröffnen.
Dübendorf-Sportchef Urs Wüst bedauert die Vorgänge: «Sie bremsen den positiven Schwung, der in die Sache kam. Das ist schade. Aber das müssen wir wegstecken.» Und wie soll es weitergehen, falls Neuenburg ausgeschlossen bleibt? «Ich würde eine Zwölferliga begrüssen», sagt Wüst. «Zur Not könnte man die Meisterschaft aber auch mit elf Teams durchziehen.»
Dass sich solche Fragen nur wenige Tage vor Saisonstart stellen, dürfte den Kritikern der neuen Liga Aufwind geben. Dasselbe gilt für die Tatsache, dass die Liga den Namen eines TV-Senders trägt, der aber nicht oder nur am Rande über die MSL berichten wird. Im Frühling waren noch Gerüchte kursiert, vereinzelte Spiele würden live übertragen.
«Habe den Anspruch, zu gewinnen, fertig.»
Wer die höchste Schweizer Amateurliga also live sehen will, muss in die Stadien pilgern. Im Falle des EHC Dübendorf also zuerst nach Sion. Dort, beim aktuellen Schweizer Amateurmeister, gastieren die Glattaler zum Saisonauftakt heute Samstag. Und eigentlich wären viel lieber die Dübendorfer als Meister in die neue Liga gestartet. Lange schien das Team von Trainer Andrea Cahenzli in der letzten Saison quasi nicht zu bremsen – doch dann, im Playoff-Final der Ostgruppe, beendete Frauenfeld die Träume der Dübendorfer jäh. Zum zweiten Mal in Serie scheiterte der Klub im Playoff-Final – «es stinkt allen – und mir extrem», sagte Trainer Andrea Cahenzli damals. Und: «Ich habe den Anspruch zu gewinnen, fertig.»
Die Reise ins Ungewisse
Dieser Anspruch bleibt – und das sagt nicht nur der Trainer. «Es ist nicht unser Ziel, einfach mitzuspielen», beteuert auch Sportchef Wüst. Es entspricht dem Selbstverständnis der Dübendorfer, zur Spitze des nationalen Amateureishockeys zu gehören, die Spitze quasi zu verkörpern, auch in der neuen Liga. «Es wäre schön, wenn wir nach der Qualifikation unter den ersten Vier rangieren würden», sagt Cahenzli. (Lesen sie hier, mit welcher Mannschaft der EHCD dieses Ziel erreichen möchte.)
«Es ist nicht unser Ziel, einfach mitzuspielen.» – EHCD-Sportchef Urs Wüst
Ein Ziel, das eigentlich zurückhaltend wirkt, im Vergleich mit der Konkurrenz aber geradezu überdeutlich formuliert ist. Quer durch die Schweiz hält man sich mit Ansagen zurück. Der Start in die Liga ist auch eine Reise ins Ungewisse – die Playoff-Qualifikation dürfte überall das Hauptziel sein. Da machen selbst vor Ambivalenz strotzende Plattitüden Sinn wie jene von Churs Trainer Marcel Habisreutinger, der zur «Südostschweiz» sagte: «Wenn alles funktioniert, können wir jeden Gegner schlagen. Andererseits können wir auch gegen jeden verlieren.» Und der neue Bülach-Trainer Markus Studer lässt sich im «Zürcher Unterländer» gar ungewollt zu einer Hiobsbotschaft hinreissen: «Einfache Spiele oder gar Siege wird es keine mehr geben.»
Neue Gesichter überall
Chur und Bülach sind zwei altbekannte Gegner für die Dübendorfer, ihre Teams haben aber – wie der EHCD – ein neues Gesicht erhalten; über ein Dutzend Spieler kamen und gingen jeweils. In Bülach setzt man auf die Jugend (sprich: es ging Routine verloren) und in Chur muss man den Abgang von Topskorer Manuel Holenstein auffangen muss und das «auf mehrere Schultern verteilen» möchte. Seewen, der dritte Ostschweizer im Bunde, erlebte vergleichsweise wenig Veränderungen im Kader.
«Ich erwarte sehr spannende Spiele auf einem ausgeglichenen Niveau.» – EHCD-Trainer Andrea Cahenzli
Aber was kommt aus den anderen Regionen auf den EHCD zu? Gegen Thun (5:4 n.P.) und Wiki-Münsingen (5:6) spielten die Glattaler in der Vorbereitung – die knappen Resultate sind kein Zufall, sondern das hatten sich die Verantwortlichen erhofft. «Jede Mannschaft verfügt über sehr viel Talent und kann teilweise durch Partnerschaften auch auf Kader von Teams aus der Swiss League zurückgreifen. Ich erwarte deshalb sehr spannende Spiele auf einem ausgeglichenen Niveau», sagt Cahenzli.
Der Härtetest zum Start
Eine Prognose der Kräfteverhältnisse findet Cahenzli schwierig. Womöglich trifft sein Team gleich heute zu Saisonbeginn auswärts gegen Sion auf den härtesten Brocken. «Sion wurde nicht unverdient Meister und hat sich gut verstärkt», sagt Cahenzli. Auch Brandis – den aktuellen Meister der Region Zentralschweiz – schätzt der EHCD-Coach stark ein und spricht von einer «abgeklärten, schnellen und kompakten» Mannschaft. Gross sind die Ambitionen mittelfristig beim EHC Basel, der dereinst in die Swiss League aufsteigen möchte. Vorerst sind die Türen in die zweithöchste Liga reglementarisch noch verschlossen – erst ab 2020/2021 ist eine Promotion möglich.
«Seit Jahrzehnten spielen wir in der gleichen Liga. Es wurde irgendwann langweilig.» – Thun-Sportchef Alex Reymondin
Derzeit jedenfalls spricht man in Basel – wie praktisch überall – nur von der Playoff-Qualifikation als Ziel. Die Hoffnung, mehr erreichen zu können, dürfte aber an vielen Orten da sein – «schön wäre es, wenn wir uns möglichst nah an der Spitze bewegen könnten», sagt Thun-Sportchef Alex Reymondin. Sein Klub gehört – wie Dübendorf – zu den treibenden Kräften der Liga. «Seit Jahrzehnten spielen wir in der gleichen Liga. Es wurde irgendwann langweilig», sagt er.
Kommt das Publikum?
Sportlich langweilig dürfte es in der MSL nicht werden – dennoch bleibt abzuwarten, wie gross der Zuschauerzuspruch effektiv sein wird. Gerade die Westschweizer Vertreter hatten in der letzten Saison recht bescheidene Zuschauerschnitte. Auch, weil Traditionsklubs fehlen. Arosa und Sierre beispielsweise strebten die Qualifikation für die neue Liga an, schnitten sportlich aber zu schlecht ab.

