Nicht mehr in der Komfortzone
Manchmal scheint ein Weg vorgezeichnet – und nimmt dann doch ganz andere, unerwartete Wendungen. Fabio Digenti erlebte dies gleich mehrfach. Einst träumte er davon, Stammspieler bei einem Spitzenklub zu sein. Er hatte Einsätze in U-Nationalteams hinter sich, war gar auf einer ganz frühen Liste für die Euro 08 – «da stand auf dem rechten Flügel mein Name».
Doch dann gab es auch Zeiten, in denen Digenti nichts mehr von Fussball wissen wollte, eigentlich damit abgeschlossen hatte – bis er in seinem Heimatort Rümlang bei einem Abendspaziergang das Flutlicht auf dem Drittliga-Bolzplatz sah, wo seine Kollegen spielten – das liess seine Leidenschaft wieder entflammen.
Einst hatte er dieser Leidenschaft alles untergeordnet. Vor 15 Jahren debütierte er in der Super League bei den Grasshoppers und war dabei, als GC 2003 den bisher letzten Schweizer-Meister-Titel feierte. Digenti schien am richtigen Ort – doch nach einem Fehlstart in der Folgesaison schmiss Marcel Koller das Traineramt hin. Er hatte Nachwuchsspielern Chancen gegeben und sie gefördert; sein Nachfolger Alain Geiger tat dies nicht mehr im selben Mass. «Ich spürte rasch, dass man nicht mehr auf mich setzt», sagt Digenti. Bis 2007 hatte er bei GC aber noch einen Vertrag. Er wurde ausgeliehen – nach Winterthur, nach Schaffhausen, wo er den Aufstieg in die Super League schaffte, aber als Leihspieler nicht in der Super League spielen durfte. Er kehrte nach Winterthur zurück, spielte später für ein kleines Salär in Wohlen und am Ende der Saison 2009/2010 beim Erstligisten Chiasso, wo er aufgrund einer schweren Knieverletzung definitiv aufhören musste.
«Gut, aber keine Bombe»
«Ich war in der Challenge League gut, aber keine Bombe», sagt er. «Ich wollte eigentlich ganz an die Spitze, sah aber schnell ein, dass dies wohl nicht möglich ist.» 2006 zerschlug sich ein Transfer nach England zu Darlington in die vierthöchste Liga. Der Klub hatte ihm dort bereits eine Wohnung und ein Auto organisiert, es schien alles eingefädelt. Doch statt einen Vertrag erhielt er die Nachricht, dass der Klub den Manager gewechselt habe und man ihn nicht weiter benötige.
Digentis Fokus verschob sich zusehends. Der Traum vom erfolgreichen Profi wich dem Realitätssinn und der beruflichen Zukunft. «Ich sah mich nicht hinter einer Bar arbeiten», sagt Digenti. Einst war er in einem Pilotversuch einer der ersten Fussballer-KV-Lehrlinge gewesen, später absolvierte er eine Management-Ausbildung. Heute arbeitet er in Uster bei einer Grossbank.
Digenti ist 34 – erst 34, muss man sagen. Denn was er zwischen Feierabend und Trainingsstart in einer Ustermer Pizzeria über seine Fussballer-Vergangenheit erzählt, klingt bisweilen, als wäre es schon Jahrzehnte her. «Ich bereue diese Zeit nicht», sagt er, «sie hat mich auch geprägt.» Und er wirkt, als würde es ihm gar nichts ausmachen, dass aus dem Jungtalent letztlich kein hoch dotierter Profi wurde.
Ein realistischer Optimist
Er sei ein realistischer Optimist, sagt Digenti von sich selber. Der Realismus wird hörbar, als er über den FC Uster spricht, und mahnt, es habe schon Interregio-Absteiger gegeben, die in die 3. Liga durchgereicht worden seien. Der Optimismus spricht aus ihm, als er sagt: «Diese Mannschaft hätte eigentlich gar nicht absteigen dürfen, sie ist zu viel mehr fähig.»
Fabio Digenti selber erlebte in seiner noch jungen Trainertätigkeit erste Höhepunkte, als er mit seinem Stammklub Rümlang 2016 den FVRZ-Cup gewann und letzte Saison in die 2. Liga aufstieg. Dennoch verliess er das Team – «die Zitrone war ausgepresst», sagt Digenti, «und man soll ja auf dem Höhepunkt abtreten».
In Uster tritt Digenti, der über das B-Diplom verfügt und auch das A-Diplom erwerben möchte, erstmals ausserhalb seines gewohnten Umfelds als Trainer an. Er verlasse damit auch eine Komfortzone, sagt er. Vor allem aber ist das Schaufenster in Uster prominenter. Das ist zwar nicht Digentis erster Antrieb, spielt in seinen Überlegungen aber auch eine Rolle, denn: Eine Rückkehr ins Profigeschäft als Trainer kann er sich vorstellen – aktiv sucht er sie aber nicht. «Wenn, dann will ich mit Leistungen auf mich aufmerksam machen.»
Von Bernegger beeindruckt
Eine Bescheidenheit, die man ihm abnimmt. Als er nach Rümlang als Spieler zurückkehrte, meldete er trotz seiner Vergangenheit keine Ansprüche an. Als «hochanständig und bodenständig» beschreiben ihn langjährige Weggefährten. Und wenn er über den Regionalfussball redet, spricht eine ehrliche Begeisterung aus ihm. Die Mischung aus Spass, Freude und Leidenschaft macht es für ihn aus – insofern beeindruckte ihn als Trainer Carlos Bernegger, dessen Feuer für ihn ansteckende Wirkung hatte.
Das Feuer ist spürbar, wenn Digenti über sich und seine neue Aufgabe in Uster spricht. An der Seitenlinie aber komme es nicht zum Vorschein, sagt er. Er sei kein Vulkan, «sonst schade ich nur der Mannschaft». Als «überlegt und ruhig» bezeichnet ihn FCU-Sportchef Markus Altherr. Ruhig, aber nie still. Digenti pflegt vor allem, mit den jungen Spielern viel zu sprechen, sie zu korrigieren, zu instruieren, zu motivieren. «Ich sehe mich auch als Ausbildner. Und ich will meine Spieler weiterbringen», sagt Digenti. Vielleicht schon bald wieder in die Interregio.

