Der Schock und die Chance
Es sind bewegte Tage für Patrick Müller. Der 21-jährige Ustermer bewegt sich emotional derzeit zwischen zwei Welten. Die schöne zuerst: Bis Ende Saison ist er als Stagiaire mit dem BMC Racing Team auf Profistufe unterwegs. Müller ist einer von zwei Fahrern aus der U23-Equipe BMC Development Team, die heuer die Gelegenheit erhalten, sich auf Profistufe zu beweisen. Andere vor ihm, wie etwa die Schweizer Tom Bohli oder Kilian Frankiny, erhielten nach dem Stage einen Profivertrag bei BMC – es ist eine entsprechend grosse Chance für Müller. «Es ist toll, dass ich mich zeigen kann, darauf habe ich hingearbeitet», sagt er.
Heute vor einer Woche erfuhr der Ustermer, dass er in die USA reisen und ab dem 1. August an der Tour of Utah teilnehmen wird. Seit Montag weilt er in Park City, wo das Team trainiert.
Dort ereilte ihn dann die Hiobsbotschaft: Das BMC Development Team wird nach dieser Saison aufgelöst. Davon erfuhren die Fahrer gleichzeitig wie die Medien am Montag – Müller wurde von einem Betreuer informiert. «Ein Schock», sei die Nachricht für ihn gewesen – sie traf ihn völlig unvorbereitet.
Die Talente vor dem Sprung
Patrick Müller bestreitet derzeit seine dritte Saison als Mitglied der BMC-Nachwuchsequipe, sein 19-jähriger Bruder Reto Müller steht seit diesem Jahr ebenfalls dort unter Vertrag. Die beiden gelten als Talente, denen der Sprung zu den Profis von verschiedenen Seiten zugetraut wird. Patrick Müller steht nun quasi an der Schwelle zu einem Profivertrag. Noch seien mit BMC diesbezüglich keine Gespräche geführt worden, sagt er. Bis vor Kurzem war für ihn auch eine Option, noch ein weiteres Jahr im BMC Development Team zu bleiben – diese Möglichkeit gibt es nun nicht mehr.
Nicht immer auf Sieg fahren
Vielleicht kommt für ihn auch deshalb das Stage bei den BMC-Profis zur rechten Zeit. Zwar reichte es ihm in dieser Saison nie ganz zuoberst aufs Podest, was der 21-jährige leicht bedauert. Doch er verdiente sich die Chance mit diversen guten Resultaten in U23-Rennen: Den 4. Rang in der Flandern-Rundfahrt führt er etwa an, den 7. Rang bei Lüttich–Bastogne–Lüttich, aber auch den 3. Rang in der 2. Etappe des Giro d’Italia, bei dem sein Teamkollege Pavel Sivakov am Ende den Gesamtsieg holte. Dass er dort nicht aufs Gesamtklassement fahren durfte, sondern Sivakov unterstützte, ärgert Müller nicht. «Ich mag die Abwechslung, einmal auf ein Resultat fahren zu können und mich dann wieder in den Dienst des Teams zu stellen».
Lernen vom Routinier
Letzteres wird er ab dem 1. August nun auch an der Tour of Utah – wo er einerseits auf ehemalige Teamkollegen aus der BMC-Nachwuchsequipe trifft, andererseits aber auch auf Routinier Martin Elmiger. «Von Leuten wie ihm kann ich noch eine Menge lernen», sagt Patrick Müller. Nach der Tour of Utah wird der 21-Jährige mit der Schweizer U23-Nationalmannschaft die Tour de l’Avenir in Frankreich bestreiten – mit der Ambition, zumindest auf Etappensiege zu fahren. Danach stehen noch vereinzelte Eintagesrennen mit BMC an, wobei der konkrete Rennplan für Müller noch nicht bekannt ist.
Der optimistische Manager
Dass seine Zukunft nach dem Aus des BMC Development Teams in der Schwebe ist, kann Patrick Müller derzeit gut in den Hintergrund drängen. «Das Stage und das Rennen in Utah helfen dabei sicher», sagt er. Wie es mit Patrick Müller und auch mit seinem Bruder Reto in der nächsten Saison weitergeht, darum kümmert sich deren Manager Mattia Galli. Er zeigt sich zuversichtlich, dass für beide passende Lösungen gefunden werden.
«Patrick Müller verdient einen Profivertrag. Er ist bereit», sagt Galli. «Er hat gezeigt, was er kann, seine Entwicklung ist sehr konstant und er fuhr die ganze Saison stark.» Galli sagt, er sei mit mehreren World-Tour-Teams in Kontakt. «Man kennt Patrick», sagt er – dessen Chancen auf einen Profivertrag mag er aber nicht konkret beziffern. Funktioniere es mit BMC nicht, brauche man einen Plan B. Der könne auch ein Vertrag eine Stufe tiefer in einem Pro-Continental-Team sein.
Für Reto Müller geht es noch nicht um einen Profivertrag. «Er soll sich ohne grossen Druck weiterentwickeln können, beispielsweise in einem Continental Team», sagt Galli. Kontakte bestehen zum Team Roth – spruchreif ist aber noch nichts. Bis Ende September hofft Galli Klarheit zu haben.

