Was dem neuen Sauber-Chef bevorsteht
Erst schien alles ganz schnell zu gehen. Angeblich soll Sauber-Verwaltungsratspräsident Pascal Picci gegenüber einer Westschweizer Zeitung bereits kurz nach der Trennung von Teamchefin von Monisha Kaltenborn vor drei Wochen bestätigt haben, dass Frédéric Vasseur ihre Nachfolge antreten würde. Es folgte ein Dementi, es folgten offenbar längere Verhandlungen, und zuletzt waren gar Stimmen zu vernehmen die besagten, Vasseur habe abgesagt. Doch das hat er nicht: Am späteren Vormittag gab der Hinwiler Rennstall in einer seiner seltenen Medienmitteilungen bekannt, dass Vasseur CEO der Sauber Motorsport AG und Teamchef des Sauber F1 Teams wird. Am kommenden Montag wird der 49-Jährige in Hinwil beginnen.
Motorsportler folgt auf Juristin
Drei Wochen nach der Trennung von Kaltenborn hat Sauber nun also wieder einen Teamchef. Vergleichbar sind die Österreicherin mit indischen Wurzeln und der Franzose nicht, was den beruflichen Hintergrund anbelangt. Sie war eine Juristin, der das Rennfahrerblut fehlte – daraus machte sie nie einen Hehl. Er hingegen ist ein Vollblut-Motorsportler, ein «Racer», wie man solche Figuren in der Szene nennt.
Der diplomierte Ingenieur geniesst vor allem dank seiner Aktivitäten in Nachwuchsklassen einen guten Ruf in der Szene. So gehörte er beispielsweise zu den Gründern des ART-Teams, mit dem etwa Nico Rosberg und Lewis Hamilton GP2-Gesamtsiege feierten – insgesamt fuhr das Team je acht Titel in der GP2 und in der GP3 ein. In der Formel 1 beschränkt sich Vasseurs Erfahrung auf eine Saison als Teamchef bei Renault. Nach der letzten Saison trat er dort aber wieder zurück und sprach von unterschiedlichen Vorstellungen vom Management des Teams; es brauche einen einzelnen Chef für das Rennteam, es sei schwierig diese Position aufzuteilen.
Weitere Geschäftsführer werden gesucht
Bei Sauber ist er das nun als CEO der Sauber Motorsport AG und als Teamchef. Offenbar werden auch für die weiteren Firmenzweige Sauber Aerodynamik und Sauber Engineering Geschäftsführer gesucht. Auch diese Unternehmensteile wurden bisher von Kaltenborn geführt. «Wir wollen, dass jetzt endlich die Struktur umgesetzt wird, die wir schon letztes Jahr gefordert haben», sagte Verwaltungsratspräsident Pascal Picci vor zweieinhalb Wochen in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag». Es bleibt offen, ob die lange quasi als Alleinherrscherin wirkende Kaltenborn diese Strukturen begrüsste oder nicht.
Vasseur ist in Hinwil also ausschliesslich für das Formel-1-Team zuständig. Genug Arbeit steht ihm da bevor – auch abgesehen vom Tagesgeschäft auf der Rennstrecke, wo Sauber nicht nur wegen des schwachen Ferrari-Vorjahresmotores am Ende des Feldes herumfährt und Gefahr läuft, demnächst von McLaren-Honda auf den letzten WM-Rang verwiesen zu werden. Dass Sauber dank Entwicklungspaketen sich in dieser Saison noch markant steigern kann, scheint nahezu ausgeschlossen.
Kein Kommentar zu Honda
In Bezug auf die nächste Saison dürften Vasseurs Sorgenfalten schon ziemlich gross sein: Die Gerüchte, wonach der Motorenliefervertrag mit Honda nun doch nicht zustande kommt (wir berichteten) bewahrheiten sich. Eine offizielle Stellungnahme gibt es von Sauber weiterhin nicht. Britische Medien zitieren eine Honda-Sprecherin mit den Worten, man kommentiere Spekulationen von Medien nicht, die Beziehung zu Sauber habe sich nicht verändert. Ein sichere Quelle aus dem Sauber-Umfeld bestätigt aber, dass der Deal geplatzt ist.
Vertrag soll nie in Kraft getreten sein
Offenbar wurde das Vertragswerk mit Honda zwar unterzeichnet, der Kontrakt soll aber nie aktiv geworden sein. Welche Seite sich nun zurückzog bleibt offen. Dass Honda ausgerechnet wegen der Trennung von Kaltenborn und aufgrund der Unzufriedenheit mit der Personalpolitik in Hinwil einen Rückzieher gemacht haben soll, scheint doch ziemlich abenteuerlich – auch wenn die ehemalige Teamchefin den Vertrag ausgehandelt hatte.
Es gibt Medienberichte aus England, wonach die Teambesitzer selber einen neuerlichen Wechsel des Motorenlieferanten anstrebten – aus Angst, mit Honda nicht konkurrenzfähig zu sein. Und es gibt Gerüchte, wonach Kaltenborn einen Vertrag unterzeichnet habe, der dem Team die Honda-Motoren nicht wie vermutet ziemlich kostengünstig beschert hätte, sondern das Team hätte einen ähnlichen Betrag bezahlt wie bis anhin als Ferrari-Kunde – rund 20 Millionen Euro. Als «technologische Partnerschaft» hatte Kaltenborn dies der Öffentlichkeit in einer Medienmitteilung verkauft, während Honda nüchtern mitteilte, man werde Sauber als Motorenkunde beliefern.
Die Zeit drängt
Doch egal von wem und aus welchen Gründen der Rückzug vollzogen wurde: Für Sauber ist es ein weiterer Rückschlag. Die Entwicklung des neuen Autos für die nächste Saison dürfte bereits angelaufen sein, dabei spielt der Motor eine wichtige Rolle. Nun wissen die Sauber-Ingenieure nicht, um welchen Motor herum sie den C37 konstruieren müssen. Am naheliegendsten wäre eine Rückkehr zum langjährigen Partner Ferrari – was für Sauber auch ein zurückkrebsen wäre. Zuletzt spielte man dort hinter dem Werksteam und Haas nur noch die dritte Geige. Und dem Vernehmen nach litt die Beziehung in den letzten Jahren im Sauber-Überlebenskampf auch wegen unbezahlten Motorenrechnungen. Klar ist: Die Scuderia braucht Sauber nicht. Sauber hingegen braucht einen Motor. Und das ziemlich schnell.

