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Wird es Pascal Wehrlein zu bunt?

Der Zeitpunkt der Trennung zwischen dem Sauber-Team und Monisha Kaltenborn ist ungewohnt. Hintergrund sind Differenzen mit den Teambesitzern, die offenbar den Piloten Marcus Ericsson bevorzugt behandeln wollen.

Wird es Pascal Wehrlein zu bunt?

Für die meisten in der Formel 1 kam die Meldung am Mittwoch sehr überraschend: Monisha Kaltenborn und das Sauber-Team gehen ab sofort getrennte Wege. Auch nach der knappen Bestätigung der Medienberichte von Seiten des Hinwiler Rennstalls bleiben Fragen offen. Hatte Kaltenborn die sportlichen Erwartungen der neuen Besitzer nicht erfüllt? Hätte sie bis zu einem gewissen Zeitpunkt Verträge mit Sponsoren abschliessen müssen? Im Gespräch mit Züriost hatte sie vor zwei Wochen noch gesagt, es gebe keine Deadlines, aber auch: «Wir sind ein Unternehmen, das gewisse Ziele erreichen muss.»

Der Zeitpunkt der Trennung, mitten während der Saison und kurz vor einem Rennen, deutet aber darauf hin, dass es nicht nur um verpasste Ziele gehen kann. Offenbar – das sagen verschiedene Quellen – gab es zwischen ihr und den Teambesitzern Longbow Finance, die Sauber vor elf Monaten übernommen hatten, unüberwindbare Differenzen in Bezug auf die Teamführung.

Die Sache mit den Fahrern

Longbow Finance, eine in der Schweiz ansässige Investmentfirma, vertritt in grossem Masse die Interessen der schwedischen Tetra-Pak-Gruppe, deren Mitbesitzer Finn Rausing schon seit langem die Karriere seines schwedischen Landsmannes und Sauber-Piloten Marcus Ericsson fördert. Es hiess zwar immer, dass die Investition in das Sauber-Team und die Unterstützung für Ericsson zwei verschiedene, voneinander unabhängige Dinge seien. Aber schon der letztjährige Sauber-Pilot Felipe Nasr, der damals an der Seite des Schweden fuhr, hatte daran des öfteren Zweifel, fürchtete, nicht wirklich gleichberechtigt zu sein und spürte gewisse Tendenzen gegen sich.

Jetzt entzündeten sich die Differenzen offenbar daran, wie mit den starken Leistungen von Pascal Wehrlein umzugehen sei. Der stellte in seinen ersten Rennen für Sauber nach der Rückkehr aus der Verletzungspause seinen Teamkollegen so deutlich in den Schatten, dass die schwedische Seite sichtlich nervös wurde. An der derzeit laufenden Fia-Sport-Konferenz in Genf war aus verschiedenen Quellen zu hören, dass Kaltenborn sich für eine Gleichberechtigung beider Piloten eingesetzt habe. Offenbar ein Grund für die Trennung. Die Direktbeteiligten schweigen noch – sie müssen das auch aus juristischen Gründen, zumal Auflösungsverträge und Abfindungen zu verhandeln sind.

Nun soll Kolles kommen

An den letzten Rennen waren selbst von aussen einige Dinge zu beobachten, die eindeutig in eine Richtung wiesen: Wehrlein war zeitweise sichtlich frustriert darüber, dass speziell an seinem Auto immer wieder die gleichen Probleme von beschädigtem Unterboden bis instabilem Heck auftraten. Warum diese nicht gelöst wurden, war für neutrale Beobachter nie wirklich nachvollziehbar. Zudem ist zu hören, dass Technikchef Jörg Zander sich früh auf die Seite Ericssons und dessen Managers Eje Elgh geschlagen habe. Ausserdem legte Wehrlein-Teamkollege Marcus Ericsson von Wochenende zu Wochenende ein immer überheblicheres Auftreten an den Tag – so als wisse er, dass er im Team immer mehr die Oberhand gewinne.

Die Frage ist, wie es jetzt weiter geht: Während an diesem Wochenende in Baku Zander und Teammanager Beat Zehnder die Verantwortung tragen, soll Colin Kolles neuer Teamchef werden. Er war schon bei einigen Formel-1-Teams von Force India über HRT bis Caterham engagiert, teils als Teamchef, manchmal auch als Berater. Wobei der deutsch-rumänische  Zahnarzt, der immer auf die Unterstützung von Bernie Ecclestone bauen konnte, auch einige Skandale und Skandälchen mehr oder weniger unbeschadet überstand.

Zum Beispiel 2013, als er ein privates Gespräch mit Mercedes-Teamchef Toto Wolff heimlich aufzeichnete und damit dann etwas zu starten versuchte, was da und dort schon als Erpressungsversuch eingeordnet wurde. Ausserdem versuchte er schon mehrfach, bei Sauber einzusteigen – zuletzt auf dem Weg einer «feindlichen Übernahme»: Hinter dem Versuch von Giedo van der Garde und seinem Schwiegervater, mit der Millionenklage 2015 beim Saisonauftakt in Australien das Team in den Ruin zu treiben, steckte Kolles – mit dem Ziel, den Rennstall billig übernehmen zu können.

Bei der neuen Formel-1-Führungsriege von Chase Carey bis Ross Brawn ist Kolles bei weitem nicht so gut angesehen wie bei Ecclestone. Amerikanische Unternehmensregeln in Sachen Korruption und Compliance passen nicht unbedingt mit dem zusammen, wofür er steht. Womit interessant zu beobachten sein wird, wie sich diese Beziehung auf die Dauer weiter entwickelt.

Wehrlein vor dem Abgang?

Für Pascal Wehrlein, den der Abgang von Kaltenborn wohl ziemlich treffen wird, stellt sich die Frage, ob er in der neuen Konstellation bei Sauber überhaupt noch eine Chance hat, sein Können unter Beweis zu stellen. Und wie Mercedes reagiert – auch wegen der pikanten Beziehung zwischen Wolff und Kolles. Eigentlich müssten die Deutschen versuchen, ihren Schützling so schnell wie möglich anderswo unterzubringen. Bei Renault steht etwa Joylon Palmer dank schwacher Leistungen zumindest unter verschärfter Beobachtung – und Wolff hat zu den Franzosen keine schlechten Beziehungen.

Und Monisha Kaltenborn? Sie könnte durchaus in anderer Funktion in der Formel 1 bleiben. Die Österreicherin mit indischen Wurzeln geniesst offenbar bei vielen «Wichtigen» im GP-Zirkus weiterhin sehr hohes Vertrauen. Dass sie das Sauber-Team durch die grössten finanziellen Krisen brachte, schliesslich einen Investor fand und so die 350 Arbeitsplätze in Hinwil sicherte, fand im Fahrerlager vielerorts Anerkennung. Gerade bei jenen, die wissen, dass Teams und Verantwortliche unter Druck und aus der Not heraus manchmal auch Entscheidungen fällen, die nach aussen hin nicht immer nachvollziehbar sind. (Karin Sturm und Florian Bolli)

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