«Meine Ansprüche sind höher»
Fabienne Schlumpf hat einen Lauf. Wo sie in letzter Zeit auch antritt – sie gewinnt. Egal ob auf der Strasse, im Gelände oder wie am Wochenende auf der Bahn (wir berichteten). Aber die vielseitige Läuferin hat nicht nur in sechs Rennen sechs Siege aneinander gereiht. Die Wetziker Steeple-Spezialistin überzeugt auch mit guten Zeiten.
Vier Schweizer Rekorde über vier verschiedene Distanzen gelangen Schlumpf während ihrem Wettkampfblock im Februar und März. Und ihren Bahneinstand am vergangenen Wochenende in Düdingen versüsste sie sich mit einer persönlichen Bestzeit über 5000 m. Trotz widrigen Bedingungen und ohne die versprochene Tempomacherin. Rundum zufrieden ist sie mit dem Ergebnis gleichwohl nicht. Sie wäre gerne schneller gewesen, sagt Schlumpf. «Ich weiss, dass das möglich ist.»
Klar ist: Die Serie der guten Rennen macht Lust auf mehr. Sie sorgt ebenfalls dafür, dass die Erwartungen steigen. «Im Umfeld, aber auch bei mir.» Doch Schlumpf ist guter Dinge. Sie ist nach den sorgenfreien letzten Monaten überzeugt davon, die Form auch in ihrer Spezialdisziplin ausspielen zu können.
Kleines Feld, kurze Anfahrt
Am Sonntag steht Schlumpfs Steeple-Einstieg an. Die 26-Jährige beginnt in Pliezhausen (GER) mit einem Rennen über 2000 m. Es ist für sie eine ideale Distanz, das Gefühl für die Hürden wieder zu finden. Noch hat sie heuer nur wenige Trainings mit Hindernissen absolviert, letztmals im September 2016 bei Weltklasse Zürich einen Wassergraben überquert. «Aber es ‹fägt› einfach. Ich freue mich darauf.»
Knapp eine Woche nach dem Wettkampf in Pliezhausen stehen in Uster auf der Originaldistanz über 3000 m die Schweizer Meisterschaften auf dem Programm. Das Teilnehmerfeld dürfte sehr klein sein, keine der Gegnerinnen auf Augenhöhe von Schlumpf laufen. Für die Wetzikerin, die an den Olympischen Spielen in Rio im Steeple-Final stand, kein Problem. Es sei immerhin eine SM, begründet sie. Zudem hält sich ihr Aufwand dank dem kurzen Anfahrtsweg in engen Grenzen und in den ersten Steeple-Rennen geht es ihr auch darum, an der Wettkampfhärte zu arbeiten.
Experimentieren mit Höhentrainings
Schon am Tag nach der SM reist Schlumpf in ein weiteres Trainingslager. Drei Wochen lang feilt sie in St. Moritz an ihrer Form. Weil die nacholympische Saison der beste Zeitpunkt für Experimente ist, setzt Schlumpf erstmals in ihrer Karriere auf Höhentrainings.
Eine dreiwöchige Phase mit Übernachtungen im Höhenzimmer in Magglingen sowie einen gleich langen Abstecher ins südafrikanische Dullstrom (2000 m ü. M.) hat die vielseitige Läuferin schon hinter sich. Zwei Blöcke im Engadin stehen noch vor ihr. Ein abschliessendes Urteil, ob sich das Höhentraining positiv auf ihre Leistungen auswirkt, will Schlumpf momentan nicht fällen. Offensichtlich aber ist: Zu ihrem Schaden war die Umstellung keineswegs.
Gesundheit als Trumpf
Wie erklärt sich Schlumpf ihren Höhenflug? Die Wetzikerin sagt: «Viele Faktoren spielen eine Rolle.» Zentral ist aus ihrer Sicht die umsichtige Karriereplanung. Sie ist langfristig ausgelegt und geht bis ins Jahr 2020. Wichtig ist auch, dass sie in den letzten Jahren ohne Verletzungen blieb. «So konnte ich über einen langen Zeitraum auf hohem Niveau trainieren.»
Die Olympiafinalistin hat die Umfänge in etwa gleich belassen, weil in diesem Bereich gar keine grossen Sprünge mehr möglich sind. Aber sie hat ihr Arbeitspensum auf 20 Prozent reduziert. Dieser Schritt und ein flexibler Arbeitgeber ermöglichten ihr, mehrere Trainingslager im In- und Ausland zu absolvieren.
Nicht nur die Limite knacken
Schlumpfs Saisonaufbau ist auf die WM in London (5. bis 13. August) ausgerichtet. Noch ist die Wettkampfplanung für das Jahr 2017 aber nicht bis ins kleinste Detail abgeschlossen. Je nach Saisonverlauf versucht Schlumpf, beim Diamond-League-Meeting in Oslo (15. Juni) einen Startplatz zu erhalten. Das würde ihr nochmals die Chance geben, in einem starken Feld Erfahrungen zu sammeln. Und zudem die Möglichkeit bieten, die WM-Limite (9:42 Minuten) zu unterbieten, sollte sie das bis zu diesem Zeitpunkt nicht geschafft haben.
Davon aber ist nicht auszugehen. Die Schweizer Steeple-Rekordhalterin (9:30,54) hat ganz andere Zeiten in den Beinen. «Meine Ansprüche sind höher, als nur die Limite zu knacken», sagt Schlumpf lachend. «Durchziehen» will sie diese Saison – bis zu ihrem Saisonhöhepunkt. Dazu passt, dass man auf der Agenda ihrer Website schon jetzt nachlesen kann, wo Fabienne Schlumpf sich am 11. August sieht: im WM-Final.

