Verwirrspiel mit vielen Verlierern
Die Worte von Sauber-Teamchefin Monisha Kaltenborn waren sehr deutlich. «Man sollte diese Offenheit und Ehrlichkeit anerkennen», warf Kaltenborn im Nachgang zum GP von Australien jenen an den Kopf, die sich erlaubt hatten, Pascal Wehrleins Verzicht auf die Teilnahme am Rennen zu hinterfragen.
Offenheit, Ehrlichkeit – das sind Attribute, die in der Formel 1 keinen grossen Stellenwert haben. Auch nicht im Verwirrspiel um die Verletzung Wehrleins. Der Deutsche Mercedes-Junior, der auf diese Saison hin vom bankrotten Manor-Team nach Hinwil wechselte, war in den vergangenen Wochen ein Spielball in der Gerüchteküche. Seit seinem Unfall an der Spassveranstaltung «Race of Champions» in Miami am 21. Januar war unklar, wie schwer er sich tatsächlich verletzt hatte. Erst in den letzten Tagen wurde der Schleier gelüftet.
Wolffs Vorpreschen
Am Freitag preschte Mercedes-Teamchef Toto Wolff vor. Wehrlein habe sich «Wirbel im Halsbereich gestaucht und gebrochen», sagte Wolff gegenüber RTL, «er hatte Glück, dass es nicht zu einer weiter reichenden Verletzung gekommen ist.» Wehrlein habe sich mehrere Wochen lang kaum rühren können und ein Korsett tragen müssen. Kaltenborn widersprach umgehend und sagte, es handle sich nicht um Halswirbel, sondern um Brustwirbel, zudem seien es Mikrofrakturen.
Am Dienstag nun meldete sich – endlich – Wehrlein selber zu Wort. Neben der Bestätigung, dass er in Bahrain wieder an den Start gehen wird, sprach er gegenüber der deutschen «TZ» von drei kleinen Haarrissen im Bereich der Brustwirbel. «Ein Normalbürger hätte nach ein paar Tagen seinen Job wieder aufnehmen können, aber bei einem Leistungssportler ist das nicht der Fall», sagte Wehrlein.
Verlierer im doppelten Sinn
Er nimmt seinen Job nun ab Freitag auf der Rennstrecke von Sakhir in Bahrain wieder in Angriff – und wird froh sein, wenn sich die Schlagzeilen nicht mehr um seine Verletzung drehen. Denn Wehrlein steht vor den ersten Rennkilometern für Sauber im doppelten Sinn als Leidtragender da: Durch den Unfall verlor er wichtige Vorbereitungszeit – einerseits, was die körperliche Fitness anbelangt, andererseits aber auch im Auto. Zwar nahm er an einigen Tests teil und fuhr in Australien die Freitagstrainings, absolvierte dabei aber keine längeren Distanzen am Stück.
Weil niemand wusste, was wirklich mit Wehrlein los war – es war bloss von Trainingsrückstand und einer nicht näher definierten Rückenverletzung die Rede –, geriet der Deutsche in die Kritik. Er habe nicht das Zeug zum Rennfahrer, wurde dem 22-Jährigen vorgeworfen. Darob platzte Wolff, der die Verletzung ursprünglich «nicht breittreten» wollte, letztlich der Kragen.
Reagiert statt agiert
Dass die Gerüchteküche zu brodeln beginnen würde, hätte Wolff und Kaltenborn allerdings nicht überraschen dürfen. Beide kennen das Business bestens und müssen deshalb wissen, was sie mit gezielter Information oder eben Desinformation auslösen. Während Wolff spät, aber doch noch aktiv wurde, wirft die Causa Wehrlein kein gutes Licht auf Kaltenborn. Einmal mehr zog es die Sauber-Teamchefin vor, zu reagieren statt zu agieren. Zwar nahm sie richtigerweise ihren Fahrer angesichts der teils massiven Kritik in Schutz. Allerdings hatte sie diese Kritik mit mangelnder Kommunikation auch selber ausgelöst. Immerhin sagte sie nach Wolffs Vorpreschen: «Das muss man nicht dramatisieren, aber man hätte es auch nicht so bagatellisieren sollen.»
Giovinazzi als einziger «Gewinner»
Positiv war die ganze Geschichte für Antonio Giovinazzi. Der Ferrari-Nachwuchsfahrer kam unverhofft zu seinen ersten beiden Formel-1-Einsätzen – und der Italiener zeigte angesichts der Umstände ganz respektable Leistungen. Dass er als grosses Talent gilt, liess Giovinazzi teilweise aufblitzen – in China forderte er auf einer ihm unbekannten Strecke Sauber-Stammfahrer Marcus Ericsson im ersten Teil des Qualifyings ganz gehörig und war letztlich nur unwesentlich langsamer. Zwar endeten seine Auftritte im Sauber-Cockpit mit zwei Unfällen, dies allerdings eher wegen seiner Unerfahrenheit als wegen mangelnder Fähigkeiten.
Etwas wird sich für Sauber nicht ändern – egal, ob nun Giovinazzi oder Wehrlein im Auto sitzen: Die Pace des C36-Ferrari reicht nirgendwo hin. Verlaufen die Rennen nicht völlig chaotisch und sind von vielen Ausfällen geprägt, hat der Hinwiler Rennstall heuer keine Chance auf WM-Punkte.

