«Es gibt niemanden, der Sauber nicht mag»
Sie wohnen in Süddeutschland. Haben Sie eine besondere Beziehung zur Schweiz?
Pascal Wehrlein: Die grösste Leidenschaft, die mich bis jetzt mit der Schweiz verbindet, ist, dass ich mich am Bodensee besonders wohlfühle. Ich bin ja dort aufgewachsen, da gefällt es mir einfach unheimlich gut – und die Schweiz hat ja nun auch einen grossen Anteil am Bodensee.
Wie oft waren Sie schon in Hinwil im Sauber-Werk?
Bestimmt schon mehr als zehn Tage. Seit bekannt ist, dass ich bei Sauber fahre, war ich jede Woche mindestens ein bis zwei Tage dort. Auch um all die Leute zu treffen, die nicht an der Rennstrecke arbeiten. Das finde ich ganz, ganz wichtig. Ich habe mir natürlich auch die Fabrik angeschaut und war begeistert von den Möglichkeiten, die Sauber hat. Aber es ist natürlich auch wichtig, dass man die Möglichkeiten nutzen kann. Dafür braucht man eben ein gewisses Budget, was ja dieses Jahr, wie ich gehört habe, wohl deutlich besser ist als zuletzt.
Was hat Sauber für Sie für ein Image?
Ich glaube, es gibt niemanden, der das Team Sauber nicht mag. Es ist einfach ein Traditionsteam – dieses Jahr feiern wir mit Sauber 25 Jahre in der Formel 1. Es ist ein Team mit einer guten Geschichte, vielen guten Ergebnissen in der Vergangenheit – und da möchte man natürlich wieder hinkommen. Sauber hat für mich immer ein bisschen so ein Underdog-Image. So etwas finde ich cool. Jeder hat ein Herz für Teams wie Sauber und hofft, dass auch Teams, mit denen man eigentlich nicht so rechnet, mal gute Ergebnisse einfahren. Deswegen bin ich happy, hier zu sein, und hoffe, dass das Team im Vergleich zum letzten Jahr einen deutlichen Schritt nach vorne machen kann.
Glauben Sie, dass das möglich ist?
Wir werden erst in Melbourne sehen können, wo wir wirklich stehen. Im Moment ist das ziemlich schwer einzuschätzen, genauso wie die Frage, wie gross der Nachteil unseres Vorjahresmotors im Laufe der Saison sein wird. Ich fürchte, gegen Ende der Saison und auf Strecken, wo es wirklich extrem stark auf die Motorleistung ankommt wie Monza oder Spa, da wird es für uns schon schwierig werden. Aber es gibt sicher auch Strecken, die uns entgegenkommen werden, und da ist es dann wichtig, zur Stelle zu sein. Wir bewegen uns im Moment in einem Aufwärtstrend – aus der Situation mit dem Motor müssen wir einfach das Beste machen.
Fühlen Sie sich bei Sauber schon zu Hause?
Ja. Spätestens am Donnerstag, an meinem dritten halben Testtag, fühlte ich mich im Auto richtig wohl. Ich habe das Gefühl, dass ich mit allem wirklich vertraut bin und mich an den neuen Motor, das neue Lenkrad, die neuen Reifen, die Kupplung, die Startprozeduren gewöhnt habe. Alles läuft schon quasi automatisch, ich komme sofort auf Speed, wenn ich rausfahre. Auch die Zusammenarbeit mit dem Team, mit den Ingenieuren, klappt immer besser, wir verstehen uns schon sehr gut. Ich habe jetzt eine gute Basis, auf der ich aufbauen kann.
Sie waren auch im Gespräch für das Mercedes-Cockpit neben Lewis Hamilton. War es schwierig, den Rückschlag zu verdauen, dass das nicht geklappt hat?
Natürlich wäre ich gern Mercedes gefahren. Aber ich habe mich die ganze Zeit über nicht wirklich damit beschäftigt. Denn mir war schon klar, dass ich nur einer von mehreren Kandidaten bin. Wenn es klar gewesen wäre, dass man mich will, dann hätte man es mir ja gleich gesagt. Ich habe mich deshalb nur auf mein Training konzentriert, weil ich wusste, es kann so oder anders kommen – und ändern kann ich es so oder so nicht.
Ist es nicht trotzdem schwierig, sich jetzt genauso zu motivieren, wenn man weiss, dass man nur um hintere Plätze fährt?
Nein, überhaupt nicht. Es geht nur darum, weiter zu lernen, das Beste aus sich herauszuholen. Dass ich hier nicht um Siege mitkämpfen kann, ist mir natürlich auch klar, aber ich sehe mich in diesem Jahr einzig und allein als Sauber-Fahrer, konzentriere mich nur auf meine Aufgabe hier und beschäftige mich gar nicht damit, was in der Zukunft passieren könnte. Ich will hier das Optimum erreichen, das Maximum aus mir und dem Auto herausholen.
Sind Sie eigentlich offiziell noch Ersatzfahrer bei Mercedes und müssten dort einspringen, falls Hamilton oder Bottas ausfallen würden?
Ja, das ist so geregelt.
Wie sieht jetzt Ihr Programm bis zum Saisonstart in Melbourne aus?
Ich werde jetzt noch eine Woche in Österreich bei unserem Fitnesstrainer Josef Leberer verbringen. Josef hat ja unglaublich viel Wissen und Erfahrung, er hat ja auch schon einige Weltmeister betreut. Da werden wir zum Beispiel sicher auch noch mal mit Schneeschuhen in die Berge gehen, das ist gut für die Ausdauer, richtiges Höhentraining – aber auch Kraft, Mentaltraining, auch noch mal medizinische oder essenstechnische Sachen. Da kennt er sich ja auch unglaublich gut aus, und das wird mir sicher auch noch viel helfen.
Fühlen Sie sich vor dem Start in Ihre zweite Saison anders als vor einem Jahr beim Debüt?
Ja, ganz anders, viel relaxter. Man weiss, was auf einen zukommt, hat alles schon einmal durchgemacht. Letztes Jahr war doch alles neu für mich, ich wusste nicht viel über die Formel 1 aus Fahrersicht. Jetzt fühle ich mich einfach bereit, freue mich auf die neue Aufgabe hier. Klar habe ich ein bisschen Testzeit verpasst, aber das werde ich schnell wieder aufholen in den ersten Rennen. Ich freue mich einfach darauf, diese coolen Autos zu fahren.
Sind die Autos wirklich so viel cooler als 2016?
Ja, sie machen viel mehr Spass, weil man deutlich schneller durch die Kurven fahren kann und weniger auf die Reifen aufpassen muss. Es ist zwar auch anstrengender durch die höheren Kurvengeschwindigkeiten. Vor allem in schnellen Kurven merkt man die höheren Fliehkräfte schon deutlich. Das waren früher schon über 4 g, jetzt hat man nochmals 20 Prozent mehr – das bringt den Fahrer schon an seine Grenzen. (Karin Sturm)

