«Habe keine Ahnung, was mich im Weltcup erwartet»
Am Mittwoch um 9 Uhr flog Gilles Roulin Richtung Norwegen ab. Der 22-jährige Grüninger wird am Wochenende in Kvitfjell, wo zwei Abfahrten und ein Super-G ausgetragen werden, seine ersten Weltcup-Einsätze bestreiten. Verdient hat sich Roulin diese Chance mit überragenden Resultaten im Europacup. Auf zweithöchster Stufe gewann er heuer vier Abfahrten, zwei Super-G und eine Kombination. In Kvitfjell dürfte er jeweils kurz nach den Top 30 ins Rennen gehen.
Waren Sie überrascht über Ihr erstes Weltcup-Aufgebot?
Gilles Roulin: Überrascht nicht, denn es war schon länger ein Thema – und ich wünschte mir das ja auch. Am Montag nach dem Europacup-Super-G war es dann endgültig klar. Es ging darum, ob ich die Gesamtwertung im Europacup gewinne, was ich nun praktisch geschafft habe. Ich habe mich sehr gefreut, es ist cool, dass es nun klappt.
Worauf freuen Sie sich in Kvitfjell am meisten?
Auf das Skifahren. (Überlegt.) Klar freue ich mich auch darauf, alles einmal zu sehen und zu erleben, wie es im Weltcup ist. Ich möchte es aber möglichst normal halten, mich aufs Skifahren konzentrieren und die Leistung zeigen, die ich draufhabe.
Haben Sie sich konkrete Rangziele gesetzt?
Nein. Denn es gibt zu viele Faktoren, die man selber nicht beeinflussen kann. Wenn es etwa wettertechnisch blöd läuft, habe ich keine Chance. Deshalb fokussiere ich mich einfach auf meine Leistung. Ich kann ja auch noch nicht einschätzen, wie ich in dieser Konkurrenz zurechtkomme. Vielleicht wird es ganz schrecklich für mich, vielleicht passt es aber auch ganz gut.
Wissen Sie, was auf Sie zukommt? Haben Sie sich bei Europacup-Kollegen mit Weltcup-Erfahrung erkundigt?
Nein, ich habe nicht gross mit Kollegen darüber gesprochen und deshalb keine Ahnung, was mich erwarten wird. Ich probiere, mir auch nicht zu viele Gedanken zu machen. Es ist wie eine Reise ohne Landkarte.
Ist Kvitfjell für Sie ein völlig neues Gebiet, oder sind Sie dort schon einmal gefahren?
Vor zwei Jahren an der Junioren-WM in Hafjell hätte der Super-G in Kvitfjell stattfinden sollen. Das Rennen wurde zwar abgesagt, aber wir haben zwei Tage lang dort trainiert. Das hilft mir auf jeden Fall, etwas gelassener hinzugehen. Die Weltcup-Strecken kenne ich aus dem Fernsehen, aber es ist etwas anderes, selber dort zu fahren.
Werden Sie nervöser sein als bei Europacup-Starts?
Das weiss ich nicht – jetzt bin ich auf jeden Fall noch nicht nervös. Das ist bei mir sowieso ganz unterschiedlich. Manchmal bin ich sehr nervös, manchmal überhaupt nicht. Es hängt auch von der inneren Erwartungshaltung ab. Im Lauf dieser Saison stieg der Druck natürlich wegen den guter Resultate. Damit konnte ich allerdings gut umgehen.
Druck gibt es in Kvitfjell nun aber nicht, oder?
Den grössten Druck mache ich mir selber. Du willst ja in jedem Rennen immer ganz nach vorne kommen. Das kann man nicht immer ausblenden.
Verändert sich für Sie etwas mit diesem Weltcup-Aufgebot?
Überhaupt nicht. Der Weg ist derselbe, aber ich bin an einem anderen Ort.
Sie sprechen gerne vom Weg. Sind Sie irgendwann auch am Ziel?
Anfang Saison war es ein Zwischenziel, ein Europacup-Rennen zu gewinnen. Der Weltcup-Start am Wochenende ist auch so ein Zwischenziel. Es gibt viele grosse Ziele. Im Endeffekt will man als Sportler von dem, was man tut, leben können. Dafür arbeitet man. Etwas gross herauszuposaunen, bringt mich aber nicht näher ans Ziel.
In dieser Saison haben Sie viele Zwischenziele erreicht, Sie sind designierter Europacup-Gesamtsieger und haben einen Fixplatz im Weltcup. In der nächsten Saison finden die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang statt. Sind diese in Ihrem Hinterkopf ein Thema?
Wie jeder Sportler träume auch ich von Olympia. Es wäre aber völlig vermessen zu sagen, ich müsse nächste Saison teilnehmen. Das würde ich mir nie anmassen. Wie gesagt: Ich arbeite dafür, dass ich möglichst weit nach vorne komme und dort bleibe.
In den Speed-Disziplinen waren Sie im Europacup heuer Siegfahrer. Im Riesenslalom sind Sie in die Top Ten vorgestossen, da ist der Leistungssprung nicht so gross.
Ja, ich bin verglichen mit Super-G und Abfahrt noch nicht dort, wo ich sein will. Im Riesenslalom ist es auch schwieriger, das war mir immer klar. Mir ist da aber ein klarer Schritt nach vorne gelungen. Ich spürte im Lauf der Saison auf der Piste, was mich in die richtige Richtung bringt.
Kann es sein, dass Sie sich im Hinblick auf die nächste Saison nur auf die Speed-Disziplinen konzentrieren?
Das hängt nicht nur von mir ab, es ist aber nicht mein Plan. Mir ist wichtig, dass alle drei Disziplinen funktionieren. Möglicherweise erhalte ich die Gelegenheit, am 4. März in Kranjska Gora einen Weltcup-Riesenslalom zu bestreiten. Das wäre mir wichtig – gerade auch im Hinblick auf die nächste Saison.

