«Wir können ja nicht aufhören zu leben»
«Stressig», sei es im Moment für ihn, sagt Steven Deana gestern Mittag am Telefon. Für einmal ist die Floskel angebracht: So hatte der Wetziker sich das nicht vorgestellt. Als er auf die aktuelle Saison hin vom FC Sion zum FC Wil wechselte, stiess er zu einem Aufstiegskandidaten mit erheblichen finanziellen Mitteln. Nun ist er Stammtorhüter und Captain bei einem Klub, der ums Überleben kämpft.
Er hatte Grosses vor, der türkische Besitzer des FC Wil. Mehmet Nazif Günal, im Baugeschäft tätig, plante mit Wil in die Super League aufzusteigen, dann in die Europa League einzuziehen. Sportlich blieben die Wiler hinter ihren Erwartungen zurück, dennoch sagt Deana: «Bis Dezember lief alles gut, der Lohn kam immer pünktlich.» Erste Zweifel stellten sich bei ihm ein, als es Verzögerungen beim neuen Stadionprojekt gab. «Wenn ein Bauunternehmer nicht bauen kann, hat er dann noch Lust?», fragte sich Deana. Die Skepsis wuchs, als die Januarlöhne nicht überwiesen wurden. Und seit Mittwochmorgen weiss Deana definitiv: Nein, der Bauunternehmer hat keine Lust mehr.
Die Zeit ist knapp
Was passiert nun mit Deana? Bleibt er zu deutlich tieferem Lohn oder probiert er innerhalb des nur noch bis zum 15. Februar dauernden Transferfensters einen neuen Arbeitgeber zu finden? Deana sagt: «Ich kann es beim besten Willen noch nicht sagen.» Im Gegensatz zu einigen anderen Teamkollegen hat er noch keinen Vertrag zu tieferen Bezügen in Wil unterzeichnet. Täglich tauscht er sich mit seinem Berater Max Urscheler aus, täglich steht er zudem als Vertreter des Teams zusammen
mit anderen Spielern in Kontakt mit den Wiler Verantwortlichen. «Sie halten uns auf dem aktuellen Stand, sie sind sehr offen und geben wirklich Vollgas, um den Klub zu retten.»
Damit der FC Wil eine Überlebenschance hat, muss das Budget von 7 Millionen auf rund 2,5 Millionen Franken heruntergefahren werden. Sind die Löhne bis zum 28. Februar nicht überwiesen, droht erst ein Punkteabzug. Falls sich die Sache länger hinzieht, stehen weitere Sanktionen bis hin zu einem Lizenzentzug im Raum.
10 Spieler bleiben sicher
Laut dem «St. Galler Tagblatt» haben sich mindestens zehn Spieler des aktuellen 26-Mann-Kaders bereits für einen Verbleib in Wil entschieden. Was Deana anbelangt, dürfte in den nächsten Tagen ein Entscheid fallen. «Mein übergeordnetes Ziel ist die Super League. Doch eigentlich wollte ich sie mit dem FC Wil erreichen.» Ein Wechsel zum aktuellen Zeitpunkt scheint unrealistisch – das weiss auch Deana. «Gerade für einen Torhüter ist es im Winter extrem schwierig», sagt er.
Der Wetziker trägt den Wiler Überlebenskampf aber mit Fassung. Nein, schlaflose Nächte habe er keine, sagt der 26-Jährige. «Mir geht es gut, auch wenn ich mir viele Gedanken mache.» In der Kabine sei die Stimmung zwar «speziell», aber: «Wir können ja deshalb nicht aufhören zu leben.» Als Captain will er dafür sorgen, dass die Mannschaft eine Einheit bleibt. «Wir müssen zusammenhalten», findet er.
Und: Das Team muss sich auch auf seine Arbeit auf dem Platz konzentrieren. Sich trotz der Ungewissheit auf den Fussball zu konzentrieren, damit habe er keine Mühe, sagt Deana. «Ich kann das gut trennen.» Am Wochenende sind die Wiler spielfrei, heute in einer Woche empfangen sie den FC Zürich. Dann wollen sie zeigen, dass sie noch da sind. «Ich gebe zweitausend Prozent», sagt Deana. «Notfalls bis zum bitteren Ende.»

