Bescheidener Roulin: «Feiern wäre nicht angebracht»
Die Top-30 hatte er eigentlich angepeilt, weil die Abfahrt «nur» seine dritte Disziplin ist. Im Training war es der 25. Rang, und sein Trainer Bertrand Dubuis sollte später sagen, er habe mit einem Top-Ten-Platz gerechnet. Doch als Gilles Roulin, mit der Nummer 22 gestartet, am Montag in der Europacup-Abfahrt in Kitzbühel über die Ziellinie fuhr, leuchtete auf der Anzeigetafel die Nummer 1 auf (wir berichteten). Roulin lächelte, ballte die Faust, reckte den Daumen in die Höhe.
Alles passte
«Es hat alles zusammengepasst. Ich habe die Linie getroffen, die ich mir vorgenommen hatte», sagt der Grüninger. Und auch die lange Gleiterpassage nach dem Steilhang überstand er ohne grossen Zeitverlust; «im Gleiten habe ich sonst oft Mühe», sagt er.
Am Montag aber nicht. Roulins Zeit, 1:22,78 Minuten, sollte von keinem mehr unterboten werden, obschon noch 64 Fahrer am Start standen. Darunter verschiedene Weltcup-erprobte Athleten wie etwa der Slowene Andrej Sporn, der vor sieben Jahren in der legendären Weltcupabfahrt am Hahnenkamm Zweiter geworden war. Oder auch die drei schnellsten aus dem Training. «Ich war sowieso zufrieden», sagt Roulin. Nervös sei er während der Fahrten der Konkurrenz deshalb nicht gewesen – obschon es noch eine ganze Weile dauerte, bis sein Sieg endlich feststand.
Gedrängter Terminplan
Roulin scheint sich auf den berühmten Strecken wohlzufühlen. Vor zehn Tagen holte er in Wengen als Dritter im Super-G seinen ersten Europacup-Podestplatz überhaupt (wir berichteten). Nun triumphierte er in Kitzbühel erstmals und ist damit auch der Sieger der ersten Europacup-Abfahrt auf der Streif überhaupt. Das Rennen wurde vom ORF live übertragen – was für Roulin ein Novum war und seinen Sieg noch etwas spezieller macht.
In den Genuss eines Siegerinterviews kam das Live-TV-Publikum indes nicht – das österreichische Fernsehen interessierte sich mehr für seine eigenen Landsleute. Und wirklich viel Zeit um seinen Erfolg auszukosten und sich feiern zu lassen hatte Roulin auch nicht. Schon kurz nach dem Rennen brach der 22-Jährige Richtung Veysonnaz auf, wo Trainings anstehen im Hinblick auf zwei Europacup-Riesenslaloms in Val d’Isère am Donnerstag und Freitag.
Bescheidenes Preisgeld
«Feiern wäre nicht angebracht», sagt Roulin, «es stehen noch so viele Dinge an.» Er lässt sich vom Sieg an prominentem Ort nicht beeindrucken. «Ich konnte erleben, was möglich ist», sagt er, «doch ich will weiterhin Schritt für Schritt vorwärtskommen.» Die nächste Abfahrt steht für Roulin in zehn Tagen in Meribel auf dem Programm. Dass er dann unter höherem Druck stehen wird, glaubt er nicht, sondern hofft vielmehr «befreit» fahren zu können.
Den 9. Rang belegt der Grüninger nun in der Europacup-Gesamtwertung. Wichtiger als dieser Rang sind dem 22-Jährigen aber die Punkte: Wer mehr als 450 Zähler auf dem Konto hat, darf in jeder Disziplin gleich hinter der ersten Gruppe starten. Roulin steht nun bei 207 Punkten. 100 davon hat er in Kitzbühel geholt. Sie sind für ihn womöglich wertvoller als das Preisgeld. Laut Veranstalter beträgt es 2250 Euro. Der Sieger der Hahnenkamm-Abfahrt im Weltcup am kommenden Wochenende wird ungefähr das 33-fache einstreichen.

