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Saubers Perspektiven bleiben schlecht

Existenzielle Sorgen hat das Hinwiler Sauber-Team keine mehr. Die sportlichen Probleme werden aber nicht kleiner. Auch über die Saison hinaus bleiben WM-Punkte unrealistisch.

Saubers Perspektiven bleiben schlecht

Die Zeichen scheinen ermutigend. Nach dem Verkauf des Sauber-Teams an die Investment-Firma Longbow Finance sind die Negativschlagzeilen aus dem Werk an der Hinwiler Wildbachstrasse verstummt. Frische Kräfte kamen, verschiedene zuvor ver­waiste leitende Ingenieurspositionen wurden wieder besetzt, darunter auch die wichtigste, jene des Technischen Direktors. Jörg Zander heisst der Mann, der im Januar seine Stelle antritt. Er soll künftig dafür sorgen, dass die Sauber-Boliden wieder aus eigener Kraft WM-Punkte einfahren können – mittelfristig zumindest.

Kurzfristig wird dieses Unterfangen schwierig. Nach wie vor ist der C35 zu langsam, um im Mittelfeld um Punkte kämpfen zu können und nicht auf Ausfälle hoffen zu müssen. Letzteres tat Marcus Ericsson in Mexiko vor zehn Tagen vergeblich. Mit seinem elften Rang war Sauber immerhin so nahe an einem Punkt wie seit 22 Rennen WM-Läufen nicht mehr.

Gut 13 Millionen Unterschied

Zwei Rennen stehen diese Saison noch aus, und verlaufen der GP von Brasilien am Wochenende und der GP von Abu Dhabi zwei Wochen später nicht ziemlich chaotisch, wird die Punktejagd des Sauber-Teams heuer wohl erfolglos bleiben. Die 24. Formel-1-Saison des Rennstalls dürfte zur zweiten punktelosen nach 2014 werden.

Das bleibt nicht ohne Folgen. Bleibt Sauber WM-Letzter und schafft es nicht, auf Kosten von Manor in den zehnten WM-Rang vorzustossen, entgeht dem Team ein zweistelliger Millionenbetrag aus dem Preisgeld-Topf der Formel 1. Wie hoch er genau ist hängt vom finanziellen Erfolg der gesamten Formel 1 ab. Insider gehen von rund 13 bis 15 Millionen Dollar aus. Diese stellen etwas weniger als zehn Prozent des Team-Budgets dar.

Der Millionen-Verteilschlüssel

Die Auszahlung der Preisgelder in der Formel 1 funktioniert nach einem Zwei-Säulen-Prinzip: Aus der ersten Säule erhalten alle Teams die in den letzten drei Saisons zweimal unter den Top Ten der Konstrukteure-WM waren zu gleichen Teilen Geld. Die zweite Säule wird aufgrund des WM-Rangs aus dem aktuellen Jahr ausgeschüttet – Weltmeister Mercedes erhält 19 Prozent, für den Zehnten gibt es noch vier Prozent. Der Elfte – derzeit Sauber – geht leer aus.

Wie viel Geld insgesamt verteilt wird hängt vom finanziellen Erfolg der gesamten Formel 1 ab. Letzte Saison waren es 670 Millionen Dollar. Davon erhielt Sauber dank dem achten WM-Rang 54 – 33,5 aus Säule 1 und 20,5 aus Säule 2. Erstere hat Sauber diese Saison auf sicher – hier geht das neue Haas-Team leer aus. Letz­tere drohen wegzufallen. Gelingt es doch noch, Manor-Mercedes zu überholen und auf den zehnten WM-Rang vorzustossen, würde Sauber als letztes Team noch von Säule 2 profitieren. Letzte Saison erhielt Manor für den zehnten WM-Rang 13,5 Millionen.

Neue Regeln zur Unzeit

Doch nicht nur deshalb sind die Aussichten auf rasche sportliche Erholung düster. Denn was für andere jeweils eine grosse Chance ist, kommt für Sauber zum dümmsten Zeitpunkt: Ein neues technisches Reglement, das es verunmöglicht, auf dem aktuellen Auto aufzubauen und es einfach weiterzuentwickeln. Die 2017er-Boliden werden breiter, Front- und Heckflügel werden grösser, die Reifen werden breiter – kurz: ein komplett neues Auto muss gebaut werden.

Teamchefin Monisha Kaltenborn sagte im September «Wir haben frühzeitig mit der Entwicklung des neuen Autos begonnen». Der Überlebenskampf im ersten Halbjahr und diverse Abgänge von Ingenieuren waren aber alles andere als ideal für die Entwicklung des neuen Autos. Auch nach dem Verkauf des Teams sind personelle und finanzielle Ressourcen nicht plötzlich im Überfluss vorhanden. Und das neu verpflichtete Personal hat nur noch einen beschränkten Einfluss auf den neuen Boliden.

Dass Sauber sich schon länger entschieden hat, in der nächsten Saison den diesjährigen Ferrari-Motor einzusetzen, erscheint deshalb sinnvoll. So kann man sich ganz auf das neue Chassis konzentrieren und läuft nicht Gefahr, das Auto kurzfristig an eine abgeänderte Motorenvariante anpassen zu müssen. Doch gleichzeitig nimmt Sauber in Kauf, dem Grossteil des Feldes ein weiteres Jahr hinterherzufahren.

In Hinwil schätzt man dieses Risiko nicht so gross ein und argumentiert, die Motorenhersteller würden ihre Aggregate 2017 eher auf Zuverlässigkeit als auf Leistung trimmen, weil jedem Fahrer nur noch vier statt fünf Motoren zur Verfügung stehen. Das ist indes nur die halbe Wahrheit. Denn künftig dürfen die Hersteller wieder quasi uneingeschränkt entwickeln. Das so unübersichtliche wie umstrittene System mit der begrenzten Anzahl an Entwicklungs-Punkten für jeden Hersteller, wird abgeschafft. Was nichts anderes heisst, als dass Honda, Renault und vor allem Ferrari alles daran- setzen werden, Branchenprimus Mercedes endlich von der Spitze zu verdrängen. Dafür brauchen sie vor allem mehr Leistung. Und davon werden auch ihre Kundenteams profitieren. Sauber allerdings nicht.

Ein weiteres Sauber-Jahr in den hintersten Ranglistenregionen würde also nicht überraschen – ganz unabhängig davon, wer die Fahrer sein werden. Im letzten Jahr hatte Sauber indes die Verlängerung mit Ericsson und Nasr bereits Ende Juli bekannt gegeben und mit den Vorzügen der Kontinuität argumentiert. Nun heisst es aus dem Team: «Wir stehen nicht unter Zugzwang».

Ob mit einer Ankündigung rund um den GP von Brasilien in den nächsten Tagen zu rechnen ist bleibt abzuwarten; falls ja, dürfte sie Felipe Nasr betreffen. Dass Marcus Ericsson mit seiner Sponsoren-Mitgift von kolportierten 20 Millionen zu einem anderen Team abwandert scheint aufgrund der Verbindungen des Schweden zum neuen Besitzer Longbow quasi ausgeschlossen.

Rückschlag durch Audi-Out

Apropos Longbow: Die neuen Teambesitzer haben sich bisher nicht zu ihren Plänen und Zielen mit dem Rennstall geäussert. Im Drittkundengeschäft will Sauber vorankommen, pflegt Teamchefin Kaltenborn zu sagen. Doch hier gilt es zuerst einmal einen Rückschlag zu verarbeiten. Hersteller Audi, der seine Sportwagen im Hinwiler Windkanal entwickeln liess, hat sich aus der Langstrecken-WM zurückgezogen. Zwar bleiben die Deutschen mit ihren DTM- und Formel-E-Fahrzeugen bei Sauber Kunde, die Langstrecken-Prototypen das umfangreichste Projekt. Man verliere zwar einen Auftrag, das gebe aber Kapazität für neue Kunden, heisst es aus Hinwil. Kurzfristig jedoch dürften auch hier die Einnahmen geringer werden als bisher.

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