Burgermeister in der Warteschlaufe
Erst war er vor einigen Wochen ein Trainer ohne Athleten, nun ist er ein Trainer ohne Job: Für den Pfäffiker Reto Burgermeister endete vor wenigen Tagen ein fünfeinhalbjähriges Engagement als Coach von russischen Langläufern. «Es war mühsam, nicht zu wissen, was nun wirklich Sache ist», sagt der 41-Jährige.
Seit knapp zwei Wochen weiss er es: Die mündliche Kündigung von Verbandspräsidentin Jelena Välbe bildete den definitiven Schlussstrich unter ein Abenteuer, das dem ehemaligen Weltcup-Läufer und Trainer-Quereinsteiger zwar schöne Erfolge und Respekt aus der Szene einbrachten, aber nun unschön endete.
Nicht auf den Trainer gehört
Burgermeister wartet auf Geld, sechs Monatslöhne stehen aus, er hat sie mit einem Ultimatum bis Ende Oktober eingefordert. Eine eigentlich vorgesehene Abfindung für die Auflösung des bis 2018 laufenden Vertrags hätte er ebenfalls zugute. «Ich habe noch ein bisschen etwas auf der Seite», sagt er auf die Frage, wie lange er die finanzielle Durststrecke überbrücken könne. «Aber ich möchte das Geld schon bald einmal sehen.» Trifft der Betrag bis Ende Monat nicht ein, überlegt er sich rechtliche Schritte.
Die Unstimmigkeiten begannen kurz nach der letzten Saison, in der sein talentiertester Schützling Sergei Ustjugow in der Tour de Ski Gesamtdritter und im Weltcup Gesamtvierter geworden war. Seit Mai hätten seine Athleten den Trainingsplan nicht mehr befolgt. «Sie wollten nicht so trainieren, wie ich ihnen das sagte.» Und er wollte sich nicht anpassen. «Ich blieb auf meiner Linie. Wir hatten ein Ziel und einen Weg dorthin.» Anderthalb Jahre vor den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang sei es nicht angezeigt, sich anders auszurichten, findet er.
Parallelen zu 2014
Ins Detail will Burgermeister nicht gehen – auch, weil er noch auf den Lohn wartet. Fakt ist: Der Pfäffiker gilt als sehr fordernder Trainer, der von seinen Athleten viel Professionalität erwartet. Geht es um Meinungsverschiedenheiten, spricht er davon, Lösungen zu suchen, nicht Kompromisse, «weil diese nie das Optimum sein können». Zumindest ein Trio des von ihm betreuten Quintetts kam damit offenbar nicht mehr zurecht.
Die beiden neu zu Burgermeisters Team gestossenen Anton Gafarow und Ermil Wokuew hätten gerne mit dem Pfäffiker weitergemacht. Ustjugow, Jewgeni Below (Zweiter der Tour de Ski 2015) und Stanislaw Wolschenzew aber drängten auf den Wechsel in die Trainingsgruppe von Markus Cramer, der unter anderen Alexander Legkow betreut – das Enfant terrible des russischen Langlaufs. Legkow war als Schützling Burgermeisters in Sotschi Olympiasieger über 50 Kilometer geworden, ehe es im folgenden Winter zum Bruch kam.
Es gibt nun durchaus Parallelen zum damaligen Zwist mit Legkow. Damals wie heute kritisiert Burgermeister die Einstellung von Athleten, damals wie heute beharrt er auf seinem Weg, damals wie heute endete die Sache mit einer Trennung.
Kein Machtwort vom Verband
Der Verband bot Burgermeister vor einigen Wochen an, als Assistenztrainer in der Gruppe von Cramer weiterzumachen. Dafür wäre der Pfäffiker grundsätzlich offen gewesen – allerdings wäre er dort unter anderen wieder auf Legkow getroffen. «Am Ende sprachen sich sowohl die Athleten als auch Cramer gegen diese Lösung aus», sagt Burgermeister.
Auf ein Machtwort des Verbands wartete er in dieser Zeit vergeblich. «Ich hätte es anders erwartet. Die Hierarchie wäre eigentlich klar. Doch der Verband schien ratlos», sagt er. «Wenn die Arbeiter bestimmen, was Sache ist, ist das doch der falsche Weg.»
Selber den Bettel hinzuschmeissen, daran will Burgermeister nie gedacht haben. «Ich war immer mit Herzblut dabei, vielleicht mit zu viel Herzblut. Wir probierten immer eine Lösung zu finden», sagt er. Mit «wir» meint er sich und Isabel Knauthe, die deutsche Physiotherapeutin, die er als «Teil des Systems und Teil des Erfolgs» bezeichnet. Mit seiner ehemaligen Lebenspartnerin versteht er sich blind, «wir harmonieren super».
Kempfs Absage
Ob das Duo – oder auch Burgermeister allein – bald wieder Athleten zum Erfolg führen kann, ist fraglich. Denn der Zeitpunkt um eine neue Trainerstelle zu finden ist aus zwei Gründen ungünstig: Die Weltcup-Saison beginnt in gut einem Monat. Und das Jobkarussell dürfte sich erst nach den nächsten Olympischen Winterspielen wieder rascher zu drehen beginnen. Bis dann wechselt niemand ohne Not die Trainer aus. Bei Swiss-Ski etwa gibt es derzeit schlicht keine vakante Position, wie ihm Langlauf-Chef Hippolyt Kempf, mit dem er sich regelmässig austauscht, mitteilte.
Was also bleibt für Burgermeister? «Ich lasse mir Zeit bis im Frühling», sagt er – in der Annahme, dass die ausstehende Lohnzahlung bald eintrifft. Einen guten Ruf hat er sich dank der Erfolge seiner Schützlinge (drei Olympia-Medaillen, zwei WM-Medaillen) erarbeitet. Und als das Ende seiner Zeit in Russland bekannt wurde, erhielt er bereits erste Anfragen für Kurzeinsätze. Darüber freut er sich, und geht solche Engagements auch ein – derzeit betreut er etwa Junioren des Ostschweizer Verbands in einer Trainingswoche.
«Bin etwas ausgelaugt»
Vor dem nächsten grösseren Projekt will er aber alles zuerst setzen lassen. «Es waren fünfeinhalb intensive Jahre, in denen wir regelmässig mit Problemen zu kämpfen hatten. Ich fühle mich deshalb mental etwas ausgelaugt», sagt er. Ganz von der Bildfläche verschwinden will er indes nicht. An Weltcup-Wochenenden plant er Aufgaben als Betreuer oder Servicemann zu übernehmen. «Es ist wichtig, dabei zu sein», sagt er. «Denn wenn man mal weg ist, geht man rasch vergessen.»

