«Ich konnte meinen Kindheitstraum leben»
Oliver Zaugg, Ihr letztes Rennen als Profi steht bevor. Nehmen Sie die Lombardei-Rundfahrt nun lockerer als auch schon in Angriff?
Oliver Zaugg: Locker nehmen kann ich es dann ab nächster Woche – dieser Gedanke ist schon da. Aber ich habe für den Samstag trainiert und probiere natürlich mein Bestes zu geben. Mental ist es sowieso ein besonderes Rennen, denn es ist am Ende einer langen Saison, da braucht es eine spezielle mentale Stärke – aber das geht allen so.
Wollen Sie Ihr Abschiedsrennen einfach geniessen oder haben Sie sich sportliche Ziele gesetzt?
Geniessen möchte ich das Ambiente, ja. Aber es ist ein hartes und langes Rennen, da ist es schwierig zu sagen, man könne es geniessen. Ich werde es versuchen und werde sicher mit dem Bewusstsein fahren, dass es mein letztes Rennen ist. Mein Ziel ist es, mit einem guten Gefühl abschliessen zu können.
Wann haben Sie sich zum Rücktritt entschieden?
Das war im Verlauf dieses Jahres. Es hat sich so entwickelt, ich traf den Entscheid nicht in einem Augenblick.
Hängt der Rücktritt auch damit zusammen, dass es Ihr Team IAM in der nächsten Saison nicht mehr gibt?
Es ist möglich, dass ich mir überlegt hätte, noch eine Saison weiterzufahren, wenn es das Team weiterhin gegeben hätte. Dass IAM aufhört, hat den Schritt für mich aber auch vereinfacht, einen Schlusspunkt zu setzen.
Dass man mit 35 Jahren zurücktritt, überrascht nicht. Allerdings sind Sie mit viel Elan in die Saison gestartet und vermittelten nicht den Eindruck, dass dies Ihr letztes Profijahr sein würde. Weshalb nun der Sinneswandel?
Es spielen viele verschiedene Faktoren eine Rolle. Ich spürte einfach, dass es Zeit ist, aufzuhören. Ich möchte aber eigentlich jetzt noch nicht gross in die Details gehen.
Dann schauen wir auf Ihre Karriere zurück. 13 Jahre lang waren Sie Profi, mit dem Sieg an der Lombardei-Rundfahrt 2011 als Höhepunkt. Was bleibt haften?
Eigentlich finde ich in jedem Jahr Dinge, an die ich gerne zurückdenke. Es gibt nicht den einen Moment – auch wenn es von aussen so aussieht, als würde es sich nur um die Lombardei-Rundfahrt drehen. Aber es gab zum Beispiel auch die Jahre 2007 und 2008 bei Gerolsteiner, als es mir insbesondere an der Vuelta sehr gut lief. Ich erinnere mich auch gerne an die Anfänge bei Saunier-Duval zurück. Da war ich jung und enthusiastisch, alles war neu, ich lernte viele neue Orte kennen – mit der Zeit änderte sich das dann natürlich (lacht). Ich nehme ganz viele schöne Eindrücke mit.
Sie waren in sechs verschiedenen Teams unter Vertrag. Wo fühlten Sie sich am wohlsten?
Positive Erlebnisse gab es bei allen Teams. Im Nachhinein gesehen war aber das Jahr bei Leopard 2011 das tollste Jahr. Ich denke, das würden auch alle anderen Fahrer aus dem damaligen Team sagen. Wir waren einfach eine spezielle Gruppe, das Ganze passte einfach. Von mir aus hätte es so weitergehen können – aber dann kam die Fusion mit Radio-Shack.
Gab es Momente, in denen Sie befürchten mussten, ohne Vertrag dazustehen?
Nein, bis zu meinem Sturz im letzten Jahr musste ich gar nie ans Aufhören denken – es war immer selbstverständlich, dass ich einen Vertrag erhielt. Wobei das ja eigentlich überhaupt nicht selbstverständlich ist, sondern ein Privileg. Ich musste eigentlich erst letzte Saison darum zittern, ob ich noch einen Vertrag erhalte oder nicht. Wenn man nicht präsent ist, wird man schnell uninteressant.
Inwiefern haben Sie die 13 Jahre als Radprofi geprägt?
Da müssten Sie jemand Aussenstehendes fragen (lacht). Ich konnte meinen Kindheitstraum leben, und das war sicher positiv für mich. Ich lernte verschiedene Sprachen und Kulturen kennen, bin den Umgang mit Menschen aus verschiedensten Nationen gewohnt. Wie mich der Sport verändert hat, weiss ich nicht – ich bin sicher reifer geworden, aber das geht ja allen so.
Was werden Sie vermissen aus Ihrer Profizeit?
Die Freizeit respektive die Freiheit, die Zeit zu Hause selber einteilen zu können. Ich konnte selber entscheiden, wann ich aufstehe, wann ich trainieren gehe. Oft war ich am frühen Nachmittag schon wieder daheim und konnte die Freizeit geniessen. Dafür bin ich froh, dass die Reiserei nun wegfällt. Es ist sicher gut, in einen etwas normaleren Lebensrhythmus zu kommen. Allerdings sagen einem alle: Fahr, solange du kannst, du wirst es nie mehr so schön haben. Aber ich bin nun motiviert für Neues – und bin auch froh, dass ich nicht mehr jeden Tag aufs Velo sitzen muss. Dafür kann ich nun auch einmal andere Sportarten ausüben, Tennis spielen oder auf die Skipiste gehen.
Sie sagen, Sie seien motiviert für Neues – was werden Sie künftig machen?
Da gibt es noch einige Fragezeichen, ich weiss noch nicht konkret, in welche Richtung es geht. Das werden die nächsten Wochen zeigen.
Sehen Sie Ihre berufliche Zukunft im Radsport?
Ich denke eher nicht. Es gibt zwar ein interessantes Projekt von Ticino Cycling, wo ich mich allenfalls einbringen werde, aber auch das ist noch nicht klar.
