Premiere im Hauptprogramm «mega imposant»
Weltklasse Zürich – das sind zwei Worte, die im Leben von Fabienne Schlumpf eine ganz besondere Bedeutung haben. Das 1928 ins Leben gerufene und seit 1959 unter dem aktuellen Namen stattfindende Leichtathletik-Meeting ist ein Anlass, «bei dem ich als Kind jedes Mal vor dem Fernseher geklebt habe», wie sich die Läuferin lachend erinnert. Die Faszination ist all die Jahre über unverändert gross und die Wetzikerin träumt lange davon, selbst einmal bei Weltklasse Zürich dabei zu sein.
Seit Donnerstagabend weiss die Olympiafinalistin über 3000 m Steeple, wie es sich anfühlt, eine der Darstellerinnen im Hauptprogramm des Diamond-League-Meetings zu sein. Zweimal ist die 25-Jährige im Vorjahr schon an einem Anlass der höchsten Meetingstufe gelaufen – erst in Birmingham, danach an der Athletissima in Lausanne. Und ihre Olympiapremiere liegt ebenfalls nur knapp zwei Wochen zurück.
Das Rennen in Zürich aber ist für die Steeple-Spezialistin ein besonderes Highlight. Eines, vor dem sie kurz vorher so richtig nervös geworden ist. Schlumpf belegt im Weltklassefeld, in der nur gerade eine Widersacherin vom Bestwert her langsamer ist, schliesslich den 13. und letzten Rang und findet, sie habe nicht ihren besten Tag eingezogen. Dennoch sagt sie nach ihrer ausgiebig genossenen Ehrenrunde, auf der sie auch Autogramme verteilt hat, strahlend: «Es war mega imposant.»
Offensive als einzige Variante
Schlumpf hat sich vorgenommen, «einen würdigen Abschluss der Supersaison zu zeigen». Und auch ein wenig, sich für den Sturz im Olympiafinal «zu revanchieren», der sie nach ihrem Sturmlauf zum Schweizer Rekord (9:30,54 Minuten) im Vorlauf aller Chancen auf ein erfolgreiches zweites Rennen in Rio beraubt hatte. Sie will offensiv laufen, im Bewusstsein, ungemein starke Gegnerinnen zu haben. «Ich wusste, dass ich eher hinten im Feld anzutreffen bin», sagt sie hinterher. «Aber ich kann deswegen ja nicht passiv sein.»
Es kommt wie erwartet. Lange Zeit läuft Schlumpf gemeinsam mit Purity Kirui ganz hinten. Einmal hat die Kenianerin leicht die Nase vorn, dann wieder Schlumpf, die grösste Läuferin im Feld, die auch dank ihrem pinken Dress ins Auge sticht. Nach zwei Kilometern aber lassen bei der Wetzikerin die Kräfte nach. «Ab diesem Moment ist es zäh geworden.» Beinahe sechs Sekunden nimmt ihr die letzte verbliebene Gegnerin bis ins Ziel noch ab. Bei 9:45,88 Minuten bleibt die Uhr letztlich stehen – über 15 Sekunden über ihrer persönlichen Bestzeit. «Es war eine lange und kräfteraubende Saison. Das habe ich heute gemerkt.»
Erst spät angereist
Bevor die 25-Jährige um kurz nach halb zehn die Bahn betritt, um in ihrer Paradedisziplin das letzte Rennen ihrer bisher besten Saison zu bestreiten, hat sie einiges an Zeit «totschlagen» müssen. Ein kurzes Training am Morgen und ein ruhiger Nachmittag inklusive Taktikbesprechung bringen sie näher an ihre ersehnte Premiere. Wer aber glaubt, die Wetzikerin sei möglichst früh vor Ort, um vielleicht den einen oder anderen Wettkampf mit einem Auge live zu verfolgen, der irrt. Sie nimmt zu Hause noch das Abendessen zu sich und macht sich erst dann auf den Weg mit der S-Bahn Richtung Zürich, als die Auftaktdisziplin des Diamond-League-Meetings – der Stabhochsprung der Männer – schon in vollem Gang ist.
Beim Warm-up auf dem Einlaufplatz neben dem Letzigrund erhält Schlumpf einen ersten Eindruck von der Stimmung, die sie im voll besetzten Rund erwartet. Rund 70 Minuten dauert es ab diesem Moment noch, bis sie später und nach dem obligatorischen Aufenthalt im Call-Room durch die Katakomben ins Innere der Arena schreitet. Schlumpf saugt die Stimmung in vollen Zügen auf. Sie blickt in die Zuschauer. Ihre ganze Familie ist da, auch viele aus ihrem Verein.
Schon eine knappe Viertelstunde später ist ihr Auftritt vorbei. Und nach der anstrengenden Saison ist jetzt eine Pause angesagt. Drei Wochen lang dauert diese – dann nimmt die 25-Jährige ihr Training wieder auf. In harten Augenblicken wird sie dabei sicher auch ab und zu an die Glücksmomente bei Weltklasse Zürich denken.

