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Der unwissende Herr Ericsson

Die neuen Sauber-Besitzer sind öffentlichkeitscheu und steinreich. Recherchen zeigen, dass Fahrer Marcus Ericsson mehr weiss, als er sagt.

Der unwissende Herr Ericsson

Er mimte den Unwissenden, als ihm am Donnerstag im Vorfeld des GP von Ungarn die unvermeidliche Frage gestellt wurde: Marcus Ericsson, es gibt Berichte über Verbindungen zwischen der neuen Sauber-Besitzerin Longbow Finance und ihrem Umfeld, können Sie dies kommentieren? Ericssons emotionslose Antwort: «Ich weiss darüber nichts, ich bin in diese Dinge sowieso nicht involviert.» Und bezüglich nächster Saison verstieg er sich gar zur Aussage: «Ich habe keinen Vertrag. Ich mag die Arbeit bei Sauber, schaue aber auch andere Alternativen an».

Es sind typische Sportlerfloskeln. Denn natürlich ist es nicht in Ericssons Interesse, dass die Hintergründe der neuen Sauber-Besitzer ans Licht kommen. Seinen Ruf als Paydriver hat er bereits. Zwar ist das an sich noch nichts Schlechtes, auch Fernando Alonso oder Niki Lauda mussten einst Geld mitbringen, um in die Formel 1 zu kommen. Und es gibt die Geschichte, wonach Peter Sauber selber bei Michael Schumachers Formel-1-Einstieg finanziell mithalf.

Von Tetra Laval bis H&M

Bekannt, wenn auch nie von Direktbeteiligten offiziell bestätigt, war bisher, dass Ericsson über sein Umfeld rund 20 Millionen Franken pro Saison bei Sauber einschiesst – dieselbe Summe soll auch von Ericssons brasilianischem Teamkollegen Felipe Nasr respektive seinem Sponsor Banco do Brasil nach Hinwil fliessen.

Vor einer Woche nun vermeldete Sauber, dass die Longbow Finance SA das Team übernommen hat. Die Verbindungen zwischen der Investmentfirma und dem in der Schweiz beheimateten schwedischen Verpackungskonzern Tetra Laval sind offensichtlich und wurden schnell hergestellt. Und Recherchen des Wirtschaftsmagazines «Forbes» zeigen nun, dass Ericsson deutlich mehr wissen muss als er vorgibt.

Denn im Geflecht gibt es Firmen, an denen er selber beteiligt war. Das wird dank öffentlich einsehbaren amtlichen Dokumenten aus dem britischen Handelsregister klar. Bis 2010 hielt Marcus Ericsson 60 Prozent der Aktien an der «M E Promotions». Die weiteren 40 Prozent gehörten einer Firma namens «Sportpro». Die «M E Promotions» gibt es unterdessen in England nicht mehr, sie ist nun in Amsterdam domiziliert. Über die aktuellen Beteiligungsverhältnisse ist nichts bekannt.

Bei der «Sportpro» werden die Verbindungen zur neuen Sauber-Besitzerin offensichtlich: Sportpro gehört zu einem Drittel der Longbow Finance SA, als «Company Secretary» ist Pascal Picci eingetragen, der bei Longbow CEO ist und bei Sauber neu den Verwaltungsrat präsidiert.

Knapp 15 Prozent der Sportpro-Aktien gehören einer Firma namens «Ramsbury Invest». Die wiederum ist zu 100 Prozent in Besitz des Schweden Stefan Persson. Er ist Hauptaktionär des Textilhandelsunternehmens H&M, das sein Vater gegründet hatte. Sein Sohn wiederum, Carl-Johan Persson, ist nicht nur CEO von H&M, sondern sass mit Ericsson und dessen Vater im Vorstand der «M E Promotions». Bei Sportpro sitzt Carl-Johan Persson zusammen mit Longbow-CEO Picci im Vorstand, dem unter anderen auch Finn Rausing angehört. Und hier schliesst sich der Kreis: Finn Rausing ist ein Enkel von Ruben Rausing, dem Gründer von Verbackungshersteller Tetra Pak, der nun Tetra Laval heisst. Finn Rausing sitzt im Verwaltungsrat des Konzerns.

Laut Schätzungen von «Forbes» haben Vater und Sohn Persson sowie Finn Rausing zusammen ein Vermögen von gut 28 Milliarden Dollar.

Ein symbolischer Preis?

Zwar sind die konkreten Besitzverhältnisse der Longbow Finance SA nicht öffentlich – doch es ist offensichtlich, dass die neue Besitzerin für das Sauber-Team den Weg zu sehr finanzkräftigen Kreisen geebnet hat. In den letzten Monaten benötigte das Team mehrere Finanzspritzen. Man sagt, die seien jeweils aus Schweden gekommen – was angesichts des Firmengeflechts um Longbow nachvollziehbar ist. Die «NZZ am Sonntag» vermutet, Longbow habe die Sauber Holding mitsamt Schulden (Schätzungen variieren zwischen zwei- und dreistelligen Millionenbeträgen) wohl «zu einem eher symbolischen Preis» übernommen.

Bisher sprach niemand über die Hintergründe und die Hintermänner der Übernahme. Gut möglich, dass das so bleibt. Denn vor allem die Rausing-Familie gilt als extrem öffentlichkeitsscheu. Was zur glamourösen Formel 1 zwar so gar nicht passt, aber eigentlich nichts Verwerfliches ist. Manche sagen, sie wolle nicht nur Ericsson, sondern auch künftigen schwedischen Nachwuchsfahrern eine Plattform bieten. Und es ist doch sehr unwahrscheinlich, dass Ericsson von alledem nichts weiss.

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