So erlebt Christian Kreienbühl einen Marathon
2016 steht bei Christian Kreienbühl ganz im Zeichen der Olympischen Spiele. 17 Wochen dauert seine Vorbereitung auf den Marathon in Brasilien. Am 21. August will er ihn in optimaler Form bestreiten – sein unmittelbarer Fahrplan vor dem Start:
Erst leeren, dann füllen
«Am Montag, Dienstag und Mittwoch vor einem Marathon nehme ich nur sehr wenige Kohlenhydrate zu mir. Bei der sogenannten Saltin- oder Schweden-Diät geht es darum, die Kohlenhydratspeicher in den Muskeln zu entleeren, um sie danach maximal füllen zu können. Am Donnerstag, Freitag und Samstag esse ich deswegen so viele Kohlenhydrate wie möglich. Ob ich die Saltin-Diät auch in Rio anwende, weiss ich nicht. Denn in den ersten drei Tagen ist man jeweils anfällig auf Krankheiten. Man fühlt sich extrem schlecht und schwach. Das Gefühl sagt: Das geht voll in die Hose. Das ist mental nicht einfach.»
Detailarbeit an den Nägeln
«Am Vorabend des Rennens esse ich Reis oder Pasta. Ohne Sauce. Die Mahlzeit nehme ich schon um sechs Uhr zu mir. Das ist besser für den Schlaf. Und am nächsten Morgen kann ich dann sicher nochmals zur Toilette. Allenfalls schneide ich meine Fussnägel. Sind sie zu lang, kratzen sie beim Laufen die Zehen auf. Sind sie zu kurz, gibt es eine Art Blasen.
Dann präpariere ich acht Trinkflaschen. In meinen Flaschen ist ein handelsübliches Getränk. Säurefrei und isotonisch. Die 3-dl-Flaschen sind nur etwa zur Hälfte gefüllt, in die Bidons für die zweite Streckenhälfte mische ich noch Koffein. Umgekehrt drangeklebt ist jeweils ein Fläschchen mit Liquid Ice, um mich zu kühlen.»
Die Nacht vor dem Rennen
«Wie sie verläuft, ist unterschiedlich. Ich hatte schon Nächte wie vor dem EM-Marathon in Zürich, da schlief ich vor lauter Nervosität vielleicht eine oder zwei Stunden. Vor anderen Rennen wiederum schlief ich brutal gut. Bei den Läufen in diesem Jahr ging es immer sehr gut.»
Der Morgen vor dem Start
«Ich dusche jedes Mal. Das gehört zum Wachwerden dazu. Fünf Stunden vor dem Marathon esse ich ein wenig Porridge. Es geht vor allem darum, nachher keinen Hunger zu haben. Zwei Stunden vor dem Start nehme ich einen koffeinhaltigen Gel zu mir, eine Stunde später nochmals einen. Rund 60 Minuten vor dem Rennen höre ich auf zu trinken, damit ich unterwegs keine WC-Pause einlegen muss.
Auf dem Weg zur Strecke höre ich immer dieselbe Musik. Im Startraum gebe ich meine Trinkflaschen ab, die zu den Verpflegungsstellen gebracht werden. Alle fünf Kilometer hat es eine. Dann mache ich mich bereit. Ich klebe die Brustwarzen ab, binde die Schuhe mit einem Doppelknopf und befestige die Bändel so, dass sie später nicht stören können. 10 bis 20 Minuten lang wärme ich mich auf.»
Ruhig werden, um loszulegen
«Ich kontrolliere nochmals, ob die Schuhe richtig gebunden sind, und ziehe die Socken hoch. Viele Läufer hampeln nervös herum. Ich hingegen versuche, ganz, ganz ruhig zu werden und mir den Zieleinlauf vorzustellen. Drei Sekunden bevor es losgeht, starte ich die Stoppuhr.»
Die ersten 15 Kilometer
«Sie fühlen sich im Idealfall sehr locker an. Das Tempo ist noch gemächlich. Und ich habe das Gefühl: Das kommt gut. Bei Kilometer 15 fange ich erstmals an zu rechnen, ob ich meiner Marschtabelle hinterherrenne oder voraus bin. Wichtig ist, dass ich noch immer relativ locker laufe. Ich darf nicht versuchen, zu pushen. Wenn ich hier schon leiden muss, ist klar: das Rennen ist verreckt.»
Halbzeit
«Bei Rennhälfte geht der Blick zur Uhr. Ich rechne die Zeit dann mal zwei. Im Normalfall kommt für mich nun der Zeitpunkt, mein Tempo leicht zu erhöhen.»
Der ominöse Kilometer 30
«Normalerweise fühle ich mich noch so gut, dass ich «drücken» kann wie blöde. Ich fliege nur so an den Leuten vorbei, da viele «eingehen». Bei Kilometer 35 ist dann dafür aber fertig (lacht). Das ist mir schon zwei-, dreimal passiert. Ich muss also aufpassen, dass ich mich nicht von der Euphorie zu einer zu starken Tempoverschärfung verleiten lasse.»
Die letzten 1000 Meter
«Da hört jeder auf zu rechnen und zu denken und schaut auch nicht mehr auf die Uhr. Wobei: aufhören zu denken, tut man vielleicht nicht, aber viel Zusammenhängendes bringe ich dann nicht mehr zustande. Wenn es irgendwie geht, versuche ich noch etwas von den Zuschauern aufzunehmen. Im Zielbereich hat es traditionell am meisten.»
Über die Ziellinie
«Eigentlich ist es in diesem Moment egal, ob meine Zeit super ist oder nicht. Ich bin in jedem Fall froh, das Ziel erreicht zu haben. Es war hart. Endlich geschafft! Ich glaube, viele Marathonläufer fühlen so. Eine Überraschung ist die Zeit sowieso nicht. Ich spüre unterwegs ja, ob ich mein anvisiertes Ziel erreiche oder nicht. Deshalb überwiegen die Glücksgefühle und die Genugtuung, die Strecke geschafft zu haben. Erst nach dem Zieleinlauf stoppe ich auch die Uhr.»
Die Momente nach der Tortur
«Ich feiere ein wenig mit anderen Athleten oder Bekannten unter den Zuschauern. Dann ziehe ich mir etwas Trockenes an und gehe auf die Toilette. Am Nachmittag bekomme ich brutal Hunger. Essen aber kann ich trotzdem nichts, da der Magen noch zu empfindlich dafür ist. Am Abend bin ich todmüde. Ich bin aber noch immer so stark aufgewühlt, dass ich nicht einschlafen kann.»

