Die schwedisch-schweizerischen Retter
Diesmal war es keine leere Phrase, keine Hinhaltetaktik, keine Durchhalteparole. Die Hintergründe zur «umfassenden Lösung» für die Zukunft des Hinwiler Sauber-Teams, die Sauber-Teamchefin Monisha Kaltenborn Ende Juni ankündigte, sind nun bekannt. Die Firma, die bisher zu zwei Dritteln Peter Sauber und zu einem Drittel Kaltenborn gehörte, wurde von der in der Westschweiz ansässigen Investmentfirma Longbow Finance SA gekauft, die laut Mitteilung seit über 20 Jahren im Finanz-Investment tätig ist.
Peter Sauber tritt als Verwaltungsratspräsident zurück und macht damit Platz für Pascal Picci, den CEO von Longbow. Monisha Kaltenborn bleibt im Verwaltungsrat und behält auch ihre Funktionen als Geschäftsführerin und Teamchefin. Die entsprechenden Verträge sind unterzeichnet, der Verkauf des Teams, das weiterhin Sauber heissen wird, ist vollzogen.
Eine Tochter von Tetra Laval
Die Longbow Finance SA wird im Communiqué des Teams als «Garant für die Stärkung der Marke Sauber in der Formel 1 und für das Wachstum in der technischen Entwicklung des ganzen Unternehmens» bezeichnet. Und Longbow-CEO Picci wird zitiert mit den Worten: «Als Schweizer Unternehmen sind wir sehr erfreut, die Zukunft einer Schweizer Firma in einer hoch spezialisierten und innovativen Industrie zu sichern.» Auf den ersten Blick also eine durch und durch schweizerische Lösung – was überraschend wäre, zumal es Sauber nie gelang, grössere Schweizer Geldgeber an Land zu ziehen. Das aber dürfte auch diesmal nicht der Fall sein.
Zwar hat Longbow den Sitz in der Schweiz und Verwaltungsratspräsident ist Raymond Bär, der aus der gleichnamigen Bankierfamilie stammt, lange der Bank Julius Bär vorstand und zudem im Verwaltungsrat der Amag sitzt. Doch das Geld dürfte – wie in den letzten Wochen spekuliert worden war – aus Schweden kommen, und zwar von jenen Kreisen, die den Sauber-Piloten Marcus Ericsson unterstützen.
Longbow gehört dem schwedischen Verpackungskonzert Tetra Laval, der seinen Sitz ebenfalls am Genfersee hat. Mit dem US-Amerikaner Larry Pillard sitzt zudem ein ehemaliger Verwaltungsratspräsident von Tetra Laval im Verwaltungsrat von Longbow. Und Picci werden Verbindungen zu den Erben des schwedischen Tetra-Pak-Gründers Ruben Rausing nachgesagt.
Fürs Erste ist die Zukunft des Teams also gesichert. Jene Zeiten, in denen sich Negativschlagzeilen jagten, Betreibungen in Millionenhöhe vorlagen, Löhne regelmässig verspätet bezahlt wurden und das Team vor dem Konkurs stand, dürften vorerst vorbei sein. Die 350 Mitarbeiter in Hinwil haben wieder sicherere Arbeitsplätze. Und die Basis für mehr sportlichen Erfolg ist mit der guten Infrastruktur gegeben. Der Sauber-Windkanal wird auch von Kunden benutzt, der grösste davon ist Audi, und die Windkanal-Betreiberin Sauber Aerodynamik AG ist angeblich ein rentabler Betrieb.
Auf Suche nach Know-how
Abhanden gekommen ist dem Team in den vergangenen Monaten aber viel Know-how. Mehrere Ingenieure in leitenden Positionen verliessen das Team, darunter auch langjährige Mitarbeiter. Diesen Aderlass an hoch qualifiziertem und erfahrenem Personal kurzfristig wettzumachen ist schwierig, wäre aber eminent wichtig. Denn für die Saison 2017 muss aufgrund von grösseren Änderungen im technischen Reglement ein komplett neues Auto konstruiert werden. Womöglich hat sich Sauber diesbezüglich bereits einen nicht zu unterschätzenden Wettbewerbsnachteil eingehandelt, der kaum wettzumachen ist.
Ob dank der neuen Geldgeber in dieser Saison das Auto so weiterentwickelt werden kann, dass noch WM-Punkte drinliegen, wird sich weisen. Dringend nötig hätte Sauber sie, steht das Team doch als einziges punktelos auf dem elften und letzten WM-Rang. Kann sich Sauber nicht verbessern, fehlt ein Preisgeldbetrag in zweistelliger Millionenhöhe im Vergleich mit 2015, als Sauber WM-Zehnter geworden war. Und es droht noch von anderer Seite finanzielles Ungemach: Das Team befindet sich mit seinem ehemaligen Fahrer Adrian Sutil offenbar weiterhin im Rechtsstreit. Geht Sauber daraus als Verlierer hervor, was gut denkbar ist, dürfte ein Betrag von mehreren Millionen Franken fällig werden.
Was planen die Besitzer?
Was die neuen Teambesitzer davon halten und wie ihre Pläne aussehen, ist nicht bekannt. Und wie nachhaltig diese Lösung nun wirklich ist, wird sich weisen müssen. Es gab in der Formel 1 schon Investment-Firmen, die Teams als Spekulationsobjekte missbrauchten und so in den Ruin trieben.
Das Risiko dafür scheint im Falle von Sauber zwar klein, wenn es sich bei den Geldgebern tatsächlich um die Entourage von Marcus Ericsson handelt – denn die haben ein Interesse daran, dass ihr Pilot sportlich möglichst gut abschneidet. Aber haben sie auch ein längerfristiges Interesse am Standort Hinwil mit dem Hightech-Werk und den 350 Mitarbeitern?
Teamchefin Monisha Kaltenborn jedenfalls glaubt daran. «Diese Lösung ist in bestem Interesse für alle Mitarbeitenden, für die Partner des Teams, für unsere Lieferanten, für den Standort Hinwil und für den Schweizer Motorsport», wird sie im Team-Communiqué zitiert. Die neue Struktur erlaube auch, «dass wir unser Drittkundengeschäft weiter ausbauen und in neue Bereiche vorstossen können».
Nötig ist es, neue Finanzquellen zu erschliessen. Denn auch mit den neuen Besitzern bleibt Sauber ein Privatteam ohne grossen Hersteller im Rücken. Genau für solche Teams ist das Umfeld in der Formel 1 immer härter geworden. Sich darin zu behaupten bleibt schwierig, braucht Durchhaltevermögen – und viel Geld. Immerhin fliesst Letzteres offenbar nun wieder nach Hinwil.
«Ich bin glücklich und erleichtert»
Peter Sauber freut sich über den Vertragsabschluss, der die Zukunft seines Lebenswerks, des Formel-1-Teams und der Sauber-Gruppe, sichern sollte. «Alle haben mir abgeraten, die Firma nach dem unerwarteten Rückzug von BMW 2009 zurückzukaufen. Jetzt bin ich glücklich und erleichtert, dass sich meine mutige Investition mit dem Ziel, den Standort Hinwil und den Formel-1-Platz zu erhalten, zu guter Letzt doch als richtig erwiesen hat», sagt Sauber. Obschon er künftig nicht mehr so nahe dran sein werde wie seit dem Einstieg 1993, «werde ich weiterhin mitfiebern und mich über jedes gute Ergebnis freuen».
«Jetzt werde ich es aber erst einmal geniessen, etwas kürzertreten zu dürfen.» Dass er mehr auf dem Golfplatz anzutreffen sein wird, mag Sauber allerdings nicht bestätigen. Dass er weniger erreichbar sein wird, jedoch schon. (pl)

