Die EM der verschiedenen Chancen
Schon vor Beginn der Europameisterschaften in Amsterdam können sich die Veranstalter über einen Rekord freuen. 1473 Sportler aus insgesamt 50 Ländern sind für die Wettkämpfe von Mittwoch bis am Sonntag gemeldet – so viele wie noch an kontinentalen Meisterschaften. Der bisherige Höchstwert (1439) stammt von der EM 2014 in Zürich.
Letztere gab der hiesigen Leichtathletik viel Aufschwung. Es ist ein Aufschwung, der anhält: 49 Schweizer reisen nach Holland. Das Aufgebot von Swiss Athletics ist also ähnlich gross wie bei der Heim-EM, als es 53 Athleten umfasste. Das freut den Chef Leistungssport des Verbands. Und Peter Haas ist überzeugt: «Unser Team ist nicht nur gross, sondern auch qualitativ gut besetzt.»
Medaillen im Blickfeld
So zählen einige Schweizer denn auch zu den Medaillenkandidaten. Stabhochspringerin Nicole Büchler beispielsweise, die allerdings angeschlagen ist oder Kariem Hussein, der über 400 m Hürden als Titelverteidiger antritt. Und auch Tadesse Abraham, einer der sieben Athleten mit Bezug zum Zürcher Oberland (siehe Box), dürfte im Halbmarathon ein ernstes Wort um die Medaillenvergabe mitreden.
Nur zwei Europäer – Mo Farah, der die EM aber auslässt sowie Ali Kaya – waren heuer schneller als Abraham, der über die 21,0975 Kilometer in Lugano 61:24 Minuten brauchte. Der in Genf wohnende Läufer, der lange Zeit in Uster daheim war und weiterhin für den LC Uster antritt, ist schon einmal schneller gelaufen. 2015 stellte er in 60:42 Minuten Schweizer Rekord auf. Im Februar 2016 schnappte er sich in 2:06:40 Stunden auch die nationale Bestleistung im Marathon. Er zeigte damit erneut, dass er ein exzellenter Langstreckenläufer ist. Seit Anfang Juni bereitet sich Abraham in Äthiopien auf den Olympia-Marathon vor. Für die EM fliegt er nach Europa, danach kehrt er nach Afrika zurück.
Mitten in den Vorbereitungen für den Marathon in Rio steckt auch Christian Kreienbühl. Der Rütner ist einer von fünf weiteren Schweizern, die neben Abraham den erstmals im EM-Programm stehenden Halbmarathon absolvieren. Es ist für Kreienbühl nicht nur ein letztes schnelles Rennen vor seinem Karrierehöhepunkt, sondern er hat auch eine (kleine) Chance, nach Team-Bronze im EM-Marathon 2014 erneut Edelmetall zu gewinnen. Und zwar wieder mit dem Team.
Zweimal der erste Auftritt
Nicht in die Medaillenverteilung eingreifen werden die Rütner EM-Teilnehmer zwei und drei. Martina Tresch, die in Holland im Halbmarathon in einem sehr grossen Feld (über 90 Läuferinnen) startet sowie Langhürdler Dany Brand treten die Reise nach Amsterdam an.
Die einstige Steeple-Rekordhalterin Tresch dürfte hartes Brot essen. Nur zwölf Läuferinnen haben eine höhere Bestzeit als sie.
Gar den schwächsten persönlichen Bestwert aller Athleten über 400 m Hürden weist Dany Brand (51,32 Sekunden) auf. Das ist in seinem Fall allerdings schlicht irrelevant. Allein dass ihm der Sprung an die EM gelungen ist, verdient Anerkennung. Brand ist erst 20 Jahre alt – nur ein Langhürdler in Amsterdam ist jünger – und nachweislich auf der Überholspur. Innerhalb der zwei Jahre, in denen er nun voll auf die 400 m Hürden setzt und entsprechend trainiert, hat er sich um rund zwei Sekunden verbessert.
Die letzte Möglichkeit
Mit anderen Voraussetzungen nimmt Brands Teamkollegin beim LC Zürich, Robine Schürmann, die EM in Angriff. Für die Wetzikerin sind es die zweiten kontinentalen Meisterschaften. Und eigentlich möchte sie – anders als in Zürich – die Vorläufe überstehen. Nach einer bisher ernüchternden Saison, in der sie ihr Leistungspotenzial nicht abrufen konnte, sagt Schürmann dazu: «Ich bin realistisch. Das wird schwierig.»
Die unbefriedigenden Zeiten in diesem Jahr haben sie verunsichert. Als letzte Möglichkeit, doch noch auf den Olympia-Zug aufspringen zu können, sieht Schürmann die EM denn auch nicht mehr an. «Ich will Spass haben und mit Freude laufen», sagt sie. Und wer weiss: Vielleicht gelingt ihr ja unter diesen Bedingungen genau jener Lauf, bei dem alles aufgeht und mit dem sie sich in Extremis das Olympia-Ticket doch noch sichert.
Oberländer EM-Starter
Halbmarathon Männer: Christian Kreienbühl (35 Jahre/Rüti), Tadesse Abraham (33/LC Uster).
Halbmarathon Frauen: Martina Tresch (27/Rüti).
400 m Hürden Männer: Dany Brand (20/Rüti).
400 m Hürden Frauen: Robine Schürmann (27/Wetzikon).
3000 m Steeple Frauen: Fabienne Schlumpf (25/Wetzikon).
100 m/4×100-m-Staffel Männer: Amaru Schenkel (28/Fehraltorf).
