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Die Lage von Sauber wird immer dramatischer

Zum dritten Mal in Serie hat das Hinwiler Formel-1-Team Sauber Löhne nicht rechtzeitig bezahlt. Diesmal betrifft es mehr Angestellte als auch schon. Und es ist nicht das einzige Indiz dafür, dass die finanzielle Situation des Rennstalls dramatisch sein muss.

Die Lage von Sauber wird immer dramatischer

Für Peter Sauber war es immer eine Herzensangelegenheit, dass alle Mitarbeiter den Lohn pünktlich auf dem Konto haben. Zwar gab es in der Geschichte des 1970 gegründeten und seit 1993 in der Formel 1 tätigen Rennstalls schon öfter finanzielle Engpässe. Doch bis vor wenigen Wochen musste nie jemand auf seinen Lohn warten.

Nun aber ist dies bereits zum dritten Mal in Serie der Fall. Nach der ersten Verzögerung Anfang März hatte Teamchefin Monisha Kaltenborn noch von «unglücklichen Umständen» gesprochen und gesagt, dies sollte eigentlich nicht mehr passieren. Dass es doch wieder passierte, dürfte dem Betriebsklima kaum förderlich sein – und es stellt sich die Frage, ob Kaltenborns Absenz an zwei von bisher vier Saisonrennen das richtige Signal für die leidgeprüfte Belegschaft ist.

Im März räumte das Team ein, ein Drittel der Belegschaft habe sein Februar-Gehalt fristgerecht ausbezahlt bekommen, während dies bei zwei Dritteln mit knapp zwei Wochen Verspätung der Fall war. Laut Sauber-Sprecher Robert Höpoltseder war das bei den März-Löhnen nicht mehr so und ist auch bei der aktuellen Ver­zögerung nicht der Fall. «Es mag vereinzelte Ausnahmen geben», sagt er lediglich. Fast alle Mitarbeiter warten also auf ihr Geld.

Nicht alle in derselben Firma

Die Lage ist demnach dramatischer als noch vor zwei Monaten. Damals schien es, als gebe es im Sauber-Rennstall eine Zweiklassengesellschaft. Denn die derzeit rund 360 Mitarbeiter arbeiten nicht alle für dieselbe Firma. Neben der Sauber Motorsport AG existiert die Sauber Aerodynamik AG, die den Windkanal betreibt und ungefähr 100 Mitarbeiter beschäftigt. Das ist jener Drittel, der den Lohn Ende Februar noch fristgerecht erhielt.

Weshalb damals das vorhandene Geld nicht auf alle Mitarbeiter aufgeteilt, sondern ein Unternehmensteil bevorzugt wurde, bleibt offen. Das Team nimmt zu solchen Interna keine Stellung. Tatsache ist: Die Sauber Aerodynamik AG beschäftigt sich nicht nur mit der For-mel 1, sondern erledigt Entwicklungsarbeit für Drittkunden. Der grösste davon ist der deutsche Hersteller Audi, der in der Langstrecken-WM mit den Le-Mans-Prototypen auch dank dem Hinwiler Windkanal zur Spitze gehört.

Laut Höpoltseder waren die ausstehenden Löhne bis gestern Mittag noch nicht überwiesen; es handelt sich um einen Betrag in der Grössenordnung von rund drei Millionen Franken.

Ein Mangel an Teilen

Die zum dritten Mal in Serie verspäteten Lohnzahlungen sind derzeit nicht das einzige Alarmsignal aus Hinwil. Auch die Absage der Testfahrten, die unmittelbar nach dem GP von Spanien in Barcelona übernächste Woche stattfinden, wirft Fragen auf. Kein Team lässt freiwillig die immer seltener gewordenen Testmöglichkeiten aus; selbst dann nicht, wenn – wie Sauber begründet – keine neuen Teile ans Auto kommen.

Auch Höpoltseder räumt ein: «Natürlich wäre es besser, wenn wir fahren könnten. Aber wenn das Budget ohnehin eng ist, macht das Testen wenig Sinn.» Dass darüber hinaus auch ein Mangel an Teilen besteht, bestätigt der Sprecher.

Die Absage der Tests passt zur bisherigen Saison von Sauber, in der das Team nicht nur die Mitarbeiter auf ihre Löhne warten lässt, sondern es auch nicht schaffte, das neue Auto bis zum ersten Vorsaisontests fertigzustellen. Dass unter diesen Voraussetzungen in näherer Zukunft WM-Punkte winken, ist sehr unwahrscheinlich.

Der Zweikampf mit dem Manor-Team am Ende des Feldes ist derzeit die traurige Realität, und womöglich hat Sauber auch in ­diesem Duell bald schlechtere Chancen. In Barcelona pflegen die meisten Teams grössere Updates ans Auto zu bringen – auch bei Manor ist das der Fall. Ganz im Gegensatz zu Sauber. In Hinwil fehlt nicht nur das Geld, sondern nach personellen Abgängen immer mehr auch das Know-how.

Weiterer Ingenieur geht

Bereits im letzten Herbst hatte Giampaolo Dall’Ara nach über 15 Jahren als Ingenieur bei Sauber gekündigt. Es folgten die Abgänge von Ericssons Renningenieur Erik Schuivens, dem technischen Direktor Mark Smith sowie von Chefingenieur Timothy Malyon. Leitende Positionen sind damit entweder verwaist oder wurden intern umbesetzt. Und der Exodus geht offenbar weiter. Dem Vernehmen nach hat auch Elliot Dason-Barber gekündigt, als Head of Performance Engineering ebenfalls ein Ingenieur in leitender Position.

Die Abgänge wirken sich nicht nur auf die aktuelle Saison aus, sondern sind auch ein Handicap für die Zeit darüber hinaus. Weil 2017 wieder grössere Re­glementsänderungen anstehen, konzentrieren sich die Teams jetzt schon auf die Designs der neuen Autos, die nicht mehr viel mit den aktuellen Modellen zu tun haben werden. Wer diesen Prozess verpasst handelt sich einen Nachteil ein, der mit knappem Budget doppelt so schwer wiegt.

In Spanien am Start – und danach?

Es ist ein besorgniserregendes Bild, das der einst so angesehene Hinwiler Rennstall abgibt. Von einer «düsteren Zeit» spricht Höpoltseder denn auch unumwunden. «Die Suche nach Geldgebern geht weiter.» Allerdings ist die Verhandlungsposition des Rennstalls aufgrund der Negativschlagzeilen und des aus­bleibenden sportlichen Erfolgs schlechter geworden.

Ein Ende des Dramas ist nicht absehbar. Die Frage, ob das Sauber-Team in einer Woche in Spanien an den Start gehen wird, beantwortet Höpoltseder zwar mit den Worten: «Ja, ganz sicher.» Was aber den weiteren Saisonverlauf betrifft, gibt es keine Garantien. «Es kann alles passieren», sagt der Sprecher, «vielleicht finden wir ja bald einen Titelsponsor.» Auch in Hinwil stirbt die Hoffnung zuletzt.

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