Die Sauber-Krise ist nicht nur hausgemacht
Die Gerüchteküche um Sauber brodelt. Zwei Monate in Folge wurden die Löhne nicht pünktlich gezahlt. Teamchefin Monisha Kaltenborn glänzte zuletzt am Bahrain-GP durch Abwesenheit – dass es inzwischen ums nackte Überleben geht, ist nicht mehr wegzudiskutieren. Das Ganze ist ein Teufelskreis: Die Finanzprobleme wirken sich auf die sportlichen Ergebnisse aus, was für die Zukunft geringere Einnahmen aus dem Preisgeldtopf bedeutet.
Bei den Testfahrten in Barcelona sah Sauber in der zweiten Woche, als man erstmals mit dem neuen Auto antrat, gar nicht so schlecht aus. Doch schon in Melbourne kam die Ernüchterung. Denn bis dahin hatten viele der Konkurrenten eine Menge Updates an ihren Autos, legen jetzt von Rennen zu Rennen nach – was bei den Hinwilern schlicht nicht möglich ist.
«Das Handling ist eine Katastrophe»
Dass man so ins Hintertreffen gerät, ist logisch. Zumal das zweite Auto von Sauber, das erst am Donnerstag vor dem Saisonstart fertig wurde, offensichtlich ein grundlegendes Problem hat, dem man noch nicht auf die Spur gekommen ist. «Ich bin beim Testen das Auto gefahren, das jetzt Marcus Ericsson hat», sagt Felipe Nasr. «Das hat sich völlig anders angefühlt als meines jetzt. An meinem passt überhaupt nichts, obwohl theoretisch alles gleich sein sollte. Aber das Handling ist eine Katastrophe. Wir müssen der Sache unbedingt auf die Spur kommen.» Wenn das nicht klappt, soll der Brasilianer für den Russland-GP ein bis dahin neu aufgebautes, drittes Chassis bekommen.
Das Personal und die Motivation
Schwierig ist es unter diesen Bedingungen, gutes Personal zu halten. Dass Mark Smith, erst seit Mitte letzten Jahrs Technischer Direktor, Sauber Anfang März schon wieder verliess und wohl bald auch offiziell bei Renault anfangen wird, lag mit Sicherheit auch an den fehlenden Perspektiven: Wenn Sicht Entwicklungsarbeit aus finanziellen Gründen nicht gemacht werden kann und so keine Aussicht auf Besserung besteht, dann ist das für einen Technik-Verantwortlichen alles andere als motivierend.
Während die Mitarbeiter an der Strecke durch den direkten «Wettkampfkontakt» zumindest momentan offensichtlich keine Motivationsprobleme haben, ist die Situation für die Belegschaft zu Hause in Hinwil schwieriger. Dass da gerade hoch qualifizierte Leute über Alternativen nachdenken, verwundert nicht.
Schweden statt Alfa
Tatsache ist: Wenn es mittelfristig bei Sauber weitergehen soll, muss sich jetzt schnell ein Investor finden. In den letzten Wochen geisterten mehrere Varianten durch die Gerüchteküche – wobei jene einer Übernahme durch Alfa Romeo auf die Schnelle eher unwahrscheinlich ist.
Verhandlungen laufen aber tatsächlich – sie führen in Richtung Schweden. Aus der Ecke der öffentlichkeitsscheuen Unterstützer von Marcus Ericsson kam schon ein paarmal zusätzliche Unterstützung in letzter Sekunde, auch wenn das Management des Schweden das gerne dementiert. Das Problem: Je mehr in der Öffentlichkeit über so ein Engagement spekuliert wird, desto schwieriger wird es wohl für Sauber-Teamchefin Monisha Kaltenborn und Peter Sauber, zu einer Lösung zu kommen.
Die Zyniker haben recht
Das Dilemma vor allem der Sauber-Führung anzulasten, ist zu kurz gegriffen. Denn letztlich ist die Sauber-Situation nur der Beweis dafür, dass es stimmt, was die Zyniker schon lange sagen: Zum Überleben in der Formel 1 braucht man heute einen Hersteller oder einen Milliardär. Das zeigt auch ein Blick auf die Konkurrenz von Sauber im hinteren Mittelfeld.
McLaren-Honda gehört zu den Grossen und Privilegierten, die von der ungleichen Geldverteilung in der Formel 1 eher profitieren. Ausserdem hat man mit Honda einen Hersteller im Rücken. Renault ist nach der Übernahme von Lotus durch die Franzosen ein Werksteam. Hinter Force India steht der Milliardär Vijay Mallya, der zwar in Indien immer wieder mit seinen Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten und juristische Probleme gerät, aber doch immer noch so viel Vermögen hat, dass er sich aus Krisen wieder befreien kann.
Das neue Haas-Team ist vom Konstrukt her ein reines Ferrari-B-Team, kann ausserdem durch das Prinzip, wenig Eigenleistung zu betreiben und vieles einzukaufen, mit einem geringeren Budget auskommen. Ein Konzept, das Ferrari – nach dem Reglement – nur mit einem neuen Team so konsequent durchziehen konnte, mit Sauber wäre das nicht gegangen.
Bei Manor geht erst etwas voran, seit sich Mercedes vor allem wegen Fahrer Pascal Wehrlein engagiert – auf die Dauer soll dort wohl, zumindest in abgeschwächter Form, die Parallele zum Haas-Modell entstehen.
Und zwei «Private» spielen im Moment sogar etwas weiter vorne mit: Hinter Toro Rosso steht Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz, und Williams ist sowieso ein Sonderfall. Über lange Jahre hat dort immer wieder Bernie Ecclestone mit ein paar Millionen ausgeholfen, wenn es zu eng wurde. Einige Jahre lang lebte man von den aussergewöhnlich hohen Sponsorsummen, die Fahrer Pastor Maldonado mitbrachte. Und inzwischen ist auch das Nebengeschäft, das Techniklösungen nicht nur im Motorsport, sondern auch im allgemeinen Automobil- und Luftfahrtbereich anbietet, profitabel.
Die Klage und die fehlende Zeit
Wenn sich der Milliardär nicht findet, dann sind die realistischen Perspektiven für ein längerfristiges Überleben des letzten wirklich echten privaten Traditionsteams in der Formel 1 nicht gut. Da gibt es zwar immer noch die von Sauber und Force India eingebrachte EU-Klage, die das Ziel hat, das Geldverteilungssystem in der Formel 1 auf den Prüfstand zu stellen. Bernie Ecclestone würde sich inzwischen anscheinend sogar nicht dagegenstellen, sie insgeheim zu unterstützen. Weil er darauf hofft, dass ein Einschreiten der EU ihm helfen könnte, die Macht der grossen Teams zu brechen. Aber bis sich dies tatsächlich auf den Sauber-Konten niederschlagen würde, wäre es wahrscheinlich zu spät. (Karin Sturm)

