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Irene Schori: Die atypische Spitzensportlerin

Irene Schori ist sich selber geblieben. Dass die Curlerin aus Dübendorf jüngst ihren zweiten Weltmeistertitel holte ändert ebensowenig daran wie ihre Krebserkrankung.

Irene Schori: Die atypische Spitzensportlerin

Ihr Gesicht verriet die ganze Bandbreite an Emotionen. Der Blick konzentriert-skeptisch, die Augen zwischen hoffend und bangend. Dann ein Schmunzeln, irgendwo ­zwischen zufrieden und verschmitzt, aber auch Kopfschütteln und Stirnrunzeln. Zwischendurch ein Spruch da, ein Lachen dort. Wer Irene ­Schori im WM-Final am letzten Sonntag beobachtete, erhielt nicht den Eindruck, dass es für die Schweizerinnen gegen Japan um Gold ging. Es hätte gerade so gut irgendein Spiel an irgend­einem Turnier sein können, so locker wirkte das Team.

Einige Tage später sitzt Schori in einem Café in der Zürcher Innenstadt. «Das macht dich schon kaputt», sagt sie lachend. Müde und glücklich zugleich wirkt die 32-Jährige. Der Jetlag wirkt bei ihr nach, am Vortag ist sie aus Kanada zurückgekehrt – mit einer Goldmedaille im Gepäck. Die zweite an einer Frauen-WM nach 2014, die fünfte internationale insgesamt. Zweimal wurde sie Weltmeisterin im Mixed Double, einmal Europameisterin. Mehr internationale Elite-Titel holte bisher keine Schweizer Curlerin.

Schori war sich dessen bisher gar nicht bewusst. Doch sie spielte als Third und Vize-Skip im Flimser Team von Binia Feltscher eine mitentscheidende Rolle. Und sie erhielt an der WM eine spezielle Auszeichnung: Die Konkurrentinnen wählten sie für den Frances-Brodie-Award. Den erhält jeweils jene Spielerin, welche den «Spirit of Curling» am besten verkörpert.

Der andauernde Kampf gegen den Krebs

Der Erfolg war für Schori und ihre Teamkolleginnen speziell und unerwartet. Auch, weil noch im letzten Sommer vieles in der Schwebe stand. Ende April wurde bei der Dübendorferin Brustkrebs diagnostiziert. «Die Ärzte sagten mir, ich hätte früh reagiert. Aber der Krebs hatte doch schon Ableger gebildet.» Sie musste eine Chemotherapie über sich ergehen lassen, die bis in den September dauerte und für sie je länger, je mühseliger wurde. Erfolgreich war sie; der Tumor ist weg, doch noch besteht das Risiko, dass er sich wieder bildet. Alle drei Wochen muss Schori deshalb zur Therapie, sie nimmt Medikamente ein – überstanden hat sie die Krankheit also noch nicht.

«Mir tat nie etwas weh, ich fühlte mich gut. Es war ein komisches Gefühl zu wissen, dass ich trotzdem krank bin», sagt sie. Natürlich hat sie gelitten, an den Nebenwirkungen der Chemotherapie etwa, «ich war manchmal so müde, dass ich mich direkt nach der Arbeit ins Bett legte und erst am anderen Morgen wieder erwachte». Und Sport treiben konnte sie den Sommer über kaum. «Manchmal wollte ich raus und mich bewegen, aber nur schon Treppensteigen brachte mich ausser Atem.»

«Ich bin kein Gschpüürsch-mi-Mensch»

Bei der Bewältigung der Krankheit half ihr nicht nur ihr familiäres Umfeld, sondern auch das Team. Professionelle Hilfe hätte sie zusammen mit ihren Teamkolleginnen bei einem Psychologen in Anspruch nehmen können – sie verzichtete aber darauf. «Ich bin kein Gschpüürsch-mi-Mensch», sagt sie – aus demselben Grund übrigens arbeitete sie auch noch nie mit einem Mentaltrainer zusammen. Im Curling, wo das Mentale entscheidend ist, überrascht das. Ihre Herangehensweise: sich nicht zu viele Gedanken machen, die Dinge so nehmen, wie sie kommen – und schauen, was dabei herauskommt.

Auf ähnlich bodenständige Weise geht Schori mit ihrer Krankheit um, von der sie sehr offen erzählt. «Ich spielte im Herbst mit Kopftuch, da kamen natürlich Fragen.» Thematisiert wurde Schoris Geschichte während der WM in kanadischen Medien, der TV-Sportsender TSN etwa produzierte vor dem Final einen Bericht über sie. Und in der Schweiz scheint ihre Krankheit fast die grössere Geschichte zu sein als der WM-Titel selber. Für sie, die von sich sagt, sie stehe nicht gerne im Mittelpunkt, ist das eine ungewohnte Publizität. Sie verschliesst sich ihr nicht. «Man hat als Sportler auch eine Vorbildfunktion», sagt sie. «Vielleicht bringt es ja jemandem etwas, wenn er von meiner Geschichte erfährt.»

Einst mussten die Besen dran glauben

Verändert habe sie die Krankheit nicht, sagt Schori. Ohnehin erweckt die 32-Jährige den Eindruck, als könne sie fast nichts aus der Ruhe bringen. Früher war das anders, da war sie auf dem Eis sehr impulsiv, rieb sich an anderen auf und regte sich über sich selber auf, «manchmal musste ein Besen dranglauben», sagt sie. «Ich hatte bestimmt nicht den besten Ruf.» Mit den Jahren aber kam die Routine und auch die Ausgeglichenheit.

Womöglich hat das auch damit zu tun, dass Schori eine atypische Spitzensportlerin ist. Atypisch, weil sie sich nicht explizit ambitioniert gibt. Atypisch, weil sie froh darüber ist, dass sie ihren Sport als Hobby auf sehr hohem Level treiben kann, aber das nicht tun muss, um damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie spielt Curling, weil sie das gerne tut. Ihr Geld verdient sie im Teilzeit-Job beim forensischen Dienst der Kantonspolizei. Und während andere wehklagen, man habe es in der Schweiz in einer Randsportart schwer, sagt sie: «Für mich stimmt es. Ich bin sehr ­zufrieden mit meinem Leben.» Und das ist ihr anzumerken. Eine positive Grundstimmung schwingt im Gespräch stets mit, ihr Lachen ist herzhaft und authentisch.

Trotz Erfolg keine grossen Pläne

In ihrem Curling-Leben scheint Schori am perfekten Ort angekommen. Sie hat mehr erreicht, als sie sich wohl erträumte, als sie mit dem Curling in Dübendorf begann, wo die Sportart vom Schulsport angeboten wurde. Ihre Karriere verlief nicht gradlinig und lange auch relativ unauffällig. Erst als sie 2012 zu Flims wechselte fügten sich die Puzzlestücke zusammen. Die grossen Erfolge verleiten aber weder das Team und noch viel weniger Schori dazu grosse Pläne zu schmieden.

Das wird offensichtlich, wenn man mit Schori über Olympia spricht. Die Spiele im südkoreanischen Pyeongchang finden in zwei Jahren statt. Schori sagt: «Eigentlich sollte man ja aufhören, wenn es am schönsten ist. Aber es ist immer so: Im Frühling bist du froh, dass die Saison vorüber ist. Je näher die neue Saison kommt, desto mehr steigt auch wieder die Lust.» Doch auch wenn sie es nicht so offen sagt: Ganz ohne Ambitionen ist sie im Sport nicht. Das weiss unterdessen auch ihr Arbeitgeber. «Wir sind nicht so gut», sagte sie dem Chef, als sie im Frühling letzten Jahres ihren neuen Job antrat. Massiver un­ter­treiben kann man eigentlich nicht.

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