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Somalischer Flüchtling betreibt Wetziker Kiosk

Seit November leitet ein Flüchtling aus Somalia einen Kiosk in Robenhausen. Damit hat er sich einen langersehnten Traum erfüllt.

Seit November leitet Mohamed Cabdirisaq den Kiosk «Dukaan» in Robenhausen. , Der Kiosk mit der dazugehörigen Garage soll zu einem Treffpunkt im Quartier werden. , Neben gewöhnlichen Kioskartikeln findet man auch ungewöhnliche Dinge aus dem Brockenhaus.

Foto: Christian Merz

Somalischer Flüchtling betreibt Wetziker Kiosk

Er heisst Mohamed Cabdirisaq – aber alle nennen ihn nur Jawle («Tschaula» ausgesprochen). Vor sechs Jahren floh der 32-Jährige aus Somalia vor den Al-Shaabab-Terroristen in die Schweiz.

Mittlerweile hat er eine Aufenthaltsbewilligung F, darf und will arbeiten. «Jede Person braucht Arbeit», sagt er. «Ich habe eine Familie, ich will ein gutes Leben haben. Ohne Arbeit geht das nicht.»

Ausserdem hat er genug davon, herumzusitzen. Doch einen Job zu finden, ist für den 32-Jährigen schwer. Obwohl er verständlich Hochdeutsch spricht und motiviert, offen und lebensfroh ist.

Schwierige Jobsuche

Durch einen Unfall hat der vierfache Vater starke Schmerzen in den Füssen, kann nicht lange stehen. Jahrelang suchte er erfolglos nach Arbeit.

Anfang November konnte er nun die Leitung des Kiosks «Dukaan» an der Usterstrasse im Wetziker Ortsteil Robenhausen übernehmen. Im Innern stehen zwei Stühle. Immer wieder kann er Pause machen. Ausserdem wird er regelmässig von Helfern entlastet.

Jawle strahlt, wenn er davon erzählt. Seine Dankbarkeit ist spürbar. «Es macht Spass», sagt er. «Die Arbeit mit den Leuten ist super.»

Die Frau, die ihm den Job verschafft hat, ist Annette Carle aus Rüti. Die Filmemacherin gewann mit ihrer «Filmbäckerei» 2020 den Rütner Innovationspreis (wir berichteten).

Die dreifache Mutter hat viele Projekte. Eines davon ist die Integration von Flüchtlingen. Dazu kam sie über den Job als Leiterin des Open Sundays in Rüti vor 12 Jahren.

An diesen Sonntagen können sich im Winter Kinder während ein paar Stunden in einer Turnhalle austoben. «Ich habe damals eine Frau aus Eritrea eingestellt, um mir zu helfen», erzählt Carle. «Für sie war das ein Sprungbrett in die Arbeitswelt.» Danach seien weitere Flüchtlingsfrauen zu ihr gekommen und hätten gesagt: «Annette, bitte integriere uns. So fing es an.»

Verschiedene Integrations-Projekte

Es entstand der Verein Sichtbar, dessen Ziel es ist, Menschen zusammen zu bringen. «Egal ob Alte oder Junge, ob Geflüchtete oder Schweizer, für alle ist es schwierig, aus ihren Kreisen zu kommen», sagt Carle.

Um dies zu ändern, lancierte sie verschiedene Projekte wie einen Mittagstisch für Senioren, wo Flüchtlinge kochten oder ein Mini-Brockenhaus, wo Flüchtlinge erste Arbeitserfahrungen sammeln konnten.

Ein weiteres Projekt ist «Tandem», das sie mit der Rütner Pfarrerin Claudia Rüegg leitet und welches Rütnerinnen und Rütner mit Flüchtlingen zusammenbringen soll. «Es gibt ganz viele geflüchtete Menschen mit Traumatas, die zu Hause sitzen und denen der Kopf dreht, weil sie nichts zu tun haben», erklärt Carle. «Auf der anderen Seite gibt es sehr viele einsamen Menschen. Diese Begegnungen können für beide Seiten sehr bereichernd sein.»

Den somalischen Flüchtling Jawle lernte Carle während des ersten Lockdowns kennen. «Mit der Pfarrerin besuchte ich die Flüchtlinge in der Asylunterkunft. Die Menschen dort waren so alleine.» Jawle erzählte ihr seine Geschichte. «Es brach alles aus ihm heraus.»

Er erzählte von der politischen Bedrohung in seiner Heimat. Von seiner Familie, die er zurücklassen musste. Von seiner Frau und seinen vier Kindern, die er über alles liebt und mit denen er täglich in Kontakt steht.

Kiosk gesucht – und gefunden

Sie engagierte Jawle für ein Kulturprojekt im Scala Wetzikon, drehte einen Film mit ihm und einer syrischen Frau. «Während der Dreharbeiten wurde mir noch einmal bewusst, wie wichtig es für ihn wäre, zu arbeiten.»

In seiner Heimat führte Jawle einen Take-Away. Da er wegen seiner Füsse viel sitzen muss, dachte Carle, dass ein Kiosk der ideale Arbeitsort wäre. «Im September sah ich auf Homegate, dass der Kiosk in Robenhausen ausgeschrieben war und nahm mit den Betreibern Kontakt auf.»

Danach ging es Schlag auf Schlag. Carle gründete eine GmbH, kaufte den Vorbetreibern zusammen mit Unterstützung eines grosszügigen Sponsors, der anonym bleiben will, das Inventar ab, besuchte mit Jawle einen Lottokurs. Momentan warten sie auf die Lizenz von Swisslos, um Lotto-Lose zu verkaufen.

Jawle leitet den Kiosk täglich von 8 bis 19 Uhr. Carle, ihr Sohn und der ehemalige Betreiber des Kiosks unterstützen ihn mit Rat und Tat. Ziel sei, dass er total selbständig werde. Er habe zur Auflage, dass er verschiedene Leute einarbeiten müsse. Momentan hilft ihm Manal aus Syrien an zwei Tagen die Woche.

«Dukaan» – was auf somalisch Kiosk heisst – soll kein konventioneller Kiosk sein. «Wir wollen ein nachhaltiges Angebot schaffen, beispielsweise mit der Ässbar zusammenarbeiten, die Lebensmittel vor der Vernichtung rettet», sagt Carle. Auch gesunde Snacks sollen ins Sortiment.

Kiosk als Quartier-Treffpunkt

Schon jetzt sind Sachen aus Carles Mini-Brockenhaus zu finden: Weihnachtskugeln, Postkarten, bunte Schachteln, Spiele, DVD’s und CD’s. Doch der Kiosk soll sich nicht über Nacht, sondern Schritt für Schritt verändern. «Langsam wollen wir das Quartier und die Wünsche von den Menschen hier kennenlernen.»

Denkbar sei auch ein Take-Away oder eine Tauschbörse in der Garage, die zum Kiosk gehört. «Der Platz vor dem Kiosk ermöglicht zudem kleine Events wie Konzerte, Installationen, Minikino, ein Quartier-Essen.» Carle hofft, dass sich der Kiosk zum Quartier-Treffpunkt entwickelt.

Keine Mutter Theresa

Doch obwohl sie vor Ideen sprudelt, plagen die 47-Jährige auch Sorgen und Ängste. «Der Kiosk hatte jedes Jahr einen Besitzerwechsel», sagt sie. «Das sagt schon alles.» Doch Jawla hole sie in Momenten der Zweifel immer wieder auf den Boden zurück. «Er sagt ‹ Alles wird gut. › », erzählt Carle. «Es ist wunderschön zu sehen, wie ihm diese Aufgabe Hoffnung und eine Perspektive gibt.»

Sie seien auf Hilfe und Kundschaft aus dem Quartier angewiesen. «Alle, die helfen wollen oder eine Idee haben, sind willkommen», sagt die Rütnerin.

Am 10. Dezember, dem internationalen Tag der Menschenrechte, wird der Kiosk von 16.00 bis 19.30 Uhr offiziell eingeweiht – unter anderem mit Installationen von lokalen Künstlerinnen.

Trotz ihres Engagements sieht sich Carle nicht als Mutter Theresa. «Es ist nicht so, dass ich nur gebe und nur investiere», sagt sie. Sie sei fasziniert vom Lebensmut und der Motivation dieser Leute, die teilweise aus ganz schwieirigen Situationen geflüchtet sind. «Die Arbeit mit Flüchtlingen gibt mir enorm viel.»

Jawle lebt momentan noch in der Asylunterkunft in Rüti. Doch er sucht sobald wie möglich ein Zimmer in Wetzikon. «Ich gehe jetzt Schritt für Schritt vorwärts.»

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