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So tickt der Ustermer Judo-Weltmeister

Eine Wand voller Medaillen – und sechs Kilo zuviel: Ein Besuch bei Nils Stump.

In seiner Welt dreht sich fast alles um Judo: Nils Stump vor der Medaillenwand in seiner Wohnung.

Foto: Florian Bolli

So tickt der Ustermer Judo-Weltmeister

Besuch bei Nils Stump

Ein schönes Preisgeld – und viel Aufmerksamkeit: Nils Stump vom Judoclub Uster geniesst seinen Weltmeistertitel. Verbiegen will er sich aber nicht.

Uneingeweihte finden den Eingang nicht beim ersten Versuch. Das Haus im aargauischen Windisch beherbergt auf den ersten Blick keinen Judo-Weltmeister, sondern vor allem einen Töffhändler. Das passt eigentlich gar nicht schlecht. Denn Nils Stump mag zwar der erste Schweizer sein, der an einer Judo-WM eine Goldmedaille gewonnen hat. Das Rampenlicht sucht er allerdings nicht. Und er überlegt sich, von seinem WM-Preisgeld ein Motorrad zu kaufen.

In Stumps Welt dreht sich fast alles um Judo. Wer die Wohnung betritt, steht vor einer Wand voller Medaillen – die meisten von Stump gewonnen, einige auch von Mitbewohner Lukas Wittwer. Auf einem Wäscheständer trocknet ein Judogi. Im schmalen Flur steht ein Kaktus, daneben sind auf einem Sideboard zwei Pokale, die als Gefässe für Schlüssel, Sonnenbrillen und andere kleine Dinge dienen. Darüber hängt eingerahmt Stumps Rückennummer von den Olympischen Spielen in Tokio 2020, seiner ersten Olympia-Teilnahme. Signiert von seinen beiden letzten Coaches.

Froh, wenn der Rummel durch ist

Noch nicht an der Wand hängt die Goldmedaille, die Stump vor etwas mehr als einem Monat in Doha in der Gewichtsklasse bis 73 Kilogramm gewonnen hat. Dass ein solcher Erfolg zumindest kurzfristig ein grosses öffentliches Interesse auslösen kann, hat der Ustermer in den letzten Wochen erlebt: hier ein Empfang, dort eine Ehrung – und als Höhepunkt der Auftritt im «Sportpanorama» des Schweizer Fernsehens.

«Es ist schön, dass der Titel so viel auslöste. Er hilft dem Schweizer Judo, das freut mich, und ich finde es auch cool, dass sich die Leute für mich freuen», sagt Stump. «Aber ich bin nicht der Typ, der gerne im Fokus steht. Ich bin froh, wenn es wieder einmal etwas ruhiger ist.»

Ruhig – das ist ein Wort, mit dem Stump oft beschrieben wird. Er hat sich selber auch schon einen «stillen Schaffer» genannt. Still ist er zwar nicht beim Termin in der Altbauwohnung. Rund eine Stunde lang spricht Stump über seinen Erfolg und seine Karriere – und sagt zum Schluss: «Ich rede schon nicht ungern.» Doch noch lieber lässt er Taten und Resultate sprechen – und bleibt daneben bescheiden.

Womöglich auch, weil er seine eigene Situation als Privileg bezeichnet. «Ich verdiene zwar kein Vermögen, aber ich kann gut vom Sport leben. Das geht nicht vielen Judokas in der Schweiz so», sagt Stump. Seit gut fünf Jahren ist er Profisportler, nach abgeschlossener KV-Lehre, Berufsmatura und Sportler-RS setzte er voll auf seine Judokarriere. Anfangs wurde er noch von den Eltern unterstützt, unterdessen ist er unabhängig. Dank privaten Sponsoren, der Sporthilfe und der Spitzensportförderung der Armee.

Für den Titel gab es 26’000 Dollar

Einen schönen Zustupf bilden die Preisgelder. Für den WM-Titel etwa gab es 26’000 Dollar, für ein gewonnenes Grand-Slam-Turnier werden 5000 Dollar ausbezahlt. Und dank dem Erfolg in Doha lassen sich für Stump womöglich auch weitere Geldquellen erschliessen. «Ein, zwei mögliche neue Sponsoren haben sich gemeldet», sagt er.

Nicht nur die Tatsache, vom Sport leben zu können, ist für Stump ein Privileg. Er sagt auch: «Ich hatte Glück mit meinem Weg.» Im Judoclub Uster genoss er eine gute Grundausbildung, im Regionalen Leistungszentrum in Uster traf er auf Ran Grünenfelder, der ihm den Weg in den Leistungssport aufzeigte.

Im Nationalen Leistungszentrum in Brugg war für ihn dann Giorgio Vismara prägend, der bis 2020 Nationaltrainer war. «Er machte mich zu dem Judoka, der ich jetzt bin.» Und nun unter Nationaltrainer Alexei Budolin, den er ebenfalls als «Supercoach» bezeichnet, erntete er die Früchte dieses langjährigen Wegs.

Nils Stump
Nils Stump neben seiner Olympia-Startnummer von Tokio 2020, die von zwei seiner prägenden Coaches signiert ist.

Der Weltmeistertitel war ein Meilenstein – aber auch nicht mehr. Irgendwann sagt Stump: «Es gilt, nach vorne zu schauen.» Vor lauter Revue-passieren-Lassen des Erfolgs und der letzten Wochen will er den Fokus nicht verlieren. Auch wenn sein nächster Wettkampf mit dem Masters in Budapest erst Anfang August ansteht – also drei Monate nach der WM.

Auch das ein Privileg, das er sich erarbeitet hat: «Jetzt bin ich in einer Position, in der ich mir die Wettkämpfe aussuchen kann, weil ich genug Punkte im Olympia-Ranking habe.» Stump bestreitet lieber weniger Turniere, dafür mit sehr guter und intensiver Vorbereitung. «Feuer und Hunger sind grösser, wenn man nicht jedes zweite Wochenende ein Turnier hat», sagt er.

Manchmal trinkt er acht Liter Wasser pro Tag

Und er muss dann auch nicht alle zwei Wochen wieder ein für Aussenstehende abschreckendes Prozedere durchlaufen. Denn es ist nicht etwa so, dass Stump ständig mehr oder weniger die in seiner Gewichtsklasse höchstens erlaubten 73 Kilo wiegen würde. Sein Normalgewicht ausserhalb der Wettkämpfe beträgt rund 79 Kilo.

Abnehmen ist also angesagt. Rund sechs Kilo in einer Woche. Das erreicht Stump mit einem Ernährungsplan – und mit sogenanntem Water Loading: Pro Tag trinkt er acht Liter Wasser und verzichtet auf Salz – weil es das Wasser im Körper binden würde. «Das schwemmt dich aus.»

Runter und wieder rauf – besonders nachhaltig ist das nicht.

Nils Stump

Je näher der Wettkampf kommt, umso weniger isst er. Und kurz bevor er auf die Waage muss, schwitzt er noch ein bis zwei Kilo raus mit einem Training in einem Saunaanzug. Das ist hart, aber zweckmässig – wenn auch nicht nachhaltig.

Gegessen und getrunken wird nämlich wieder, sobald die Judokas gewogen sind. Dabei gilt reglementarisch: Bei Wettkampfbeginn am Folgetag darf man höchstens 5 Prozent schwerer sein – in Stumps Gewichtsklasse also 3,65 Kilo. «Runter und wieder rauf – besonders nachhaltig ist das nicht», sagt Stump und lacht. «Aber es geht den allermeisten so.»

Probleme bereitet ihm das Prozedere nicht – es gehört schlicht dazu. Wie die Tatsache, dass er fortan mit dem Renommee eines Weltmeisters an den Start geht. Ihn selber und seine Herangehensweise verändert das offensichtlich nicht – auch im Hinblick auf Olympia nicht. «Ich werde wegen dieses Titels an meinem Plan nichts ändern.»

Sein Erfolgshunger jedenfalls ist sicher nicht kleiner geworden. «Vorher hatte ich das Gefühl, dass so ein Titel möglich ist.» Nun weiss er es.

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