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Wirtschaft

So pflegt Coop sein Bio-Image

Der Metzger und Coop-CEO Philipp Wyss lädt zum Medienanlass auf einen Biohof nach Gibswil. Das ist eine Marketing-Masche für Coops Bio-Engagement, gewiss – mit einem wahren Kern.

Der Medienanlass von Coop ging auf einem Bio-Hof in Gibswil über die Bühne., Der Hof wird von der Familie Aberhalden geführt. Im Hintergrund der beliebte Alpomat, wo die Bio-Produkte vertrieben werden., Im Rahmen des Anlasses gibt Margrit Abderhalden in der Gotthelf-Tracht Erklärungen., In der Käserei NIderhus in Gibswil entsteht der Bio-Käse der Abderhaldens.

Giorgio Girardet

So pflegt Coop sein Bio-Image

«Qualität», «Handwerk» und «Bodenständigkeit» sind die Werte, die der Coop-CEO Philipp Wyss auf dem Bio-Hof der Familie Abderhalden vermitteln will. Wirtschaftsjournalisten aus der ganzen Schweiz sind zum Herbstpressegespräch angereist.

Es ist ein kühler Septemberabend auf 900 Metern in der atemberaubenden Kulisse zwischen Bachtel und Almen. Auf dem Bildschirm in der Scheune erklärt CEO Wyss Umsatzzahlen, erteilt sich Selbstlob – «Wir sind die Nummer 1» – und Bruno Cabernard, der Beauftrage der Coop-Patenschaft, erklärt das 15-Jahr-Jubiläum des Coop-Labels «Pro Montagna».

Der Bio-Buure-Znacht

Auf dem Buffet dampft ­ – nach getaner Arbeit –  Rindfleischkäse. Gewonnen von einer betagten, glücklichen, Kuh, die bis zum letzten Tag Bergluft schnuppernd lebenssatt und stressfrei durch den Fleischwolf ging.

Margrit Abderhalden, die Berner Bauerntochter, steckt nun in der schmucken Gotthelf-Tracht des Emmentals. Kurz zuvor erläuterte die dreifache Mutter in Jeans die Biomilch-Wertschöpfungskette: vom biodiversen Erdreich, über saftige Kräuter, durch den Kuhmagen, aus dem Euter in Uelis, ihres Gatten, Käsekessi, in würzigen Käse im eigenen Alpomaten. So heisst Abderhaldens 2016 lancierter Direktvertriebskanal. Ein gekühlter Verkaufausautomat voller Bio-Produkte. 

Als Beilagen allerlei Salate, dreierlei Gschwellti, ein halbes Dutzend Käsesorten. Alles ab Hof. Die Kartoffeln von Ueli Abderhalden, dem Toggenburger Käser, mit dem Freibergergespann aus der Erde gegrübelt.

Bei Schoggimousse und Kuchen bewirbt die Bäuerin ihr Crowd-Funding: Ziel 35’000 Franken für die Alpomaten-Logistik.

Alpprodukte aus dem Automaten

10.07.2016

Vor dem Oberland Märt in Wetzikon steht seit kurzem ein Automat, an dem man rund um die Uhr auf d Beitrag in Merkliste speichern Der global tätige Grossverteiler und das käche Kleinbauernpaar: sie sind vom gleichen Holz. Dies ist die Botschaft des Abends. Der süffige « Pro Montagna »- Wein –  rot und weiss –  stimmt milde. Alles nur Marketing-Masche?

Coop und die heile Niderhus-Welt

Nach dem lauen Septemberabend sind Grossverteiler und Kleinbauern eher wortkarg. «Derzeit liefern wir keine Produkte an Coop oder dessen Label ‹Pro Montagna›», erklärt Margrit Abderhalden. Und auch über die Zusammenarbeit mit «Natürli Zürich Oberland AG» hält sie sich bedeckt.

Die Medienstelle von Coop bittet –  auf den Anteil der « Pro Montagna » -Produkte am Umsatz angesprochen –  um Verständnis: «Wir kommunizieren grundsätzlich keine Zahlen zu einzelnen Produktsegmenten.»

Einige Stunden später –  Coop will die Leserschaft nicht enttäuschen: «‹Uelis Riedblumenkäse› von der Natürli Zürioberland AG ist unter dem Label ‹Miini Region› in den Humidoren von Coop gelistet. Dieser Käse stammt vom Bio-Bauernhof der Familie Abderhalden.» Aha, immerhin.

Was taugen Labels?

«‹Miini Region› ist mehr eine Herkunftsangabe wie eine Marke», erklärt am Telefon der unabhängige Markenexperte François Cochard, «Das gilt auch für ‹natürli Zürich Oberland›. Es ist kein Kennzeichen eines Unternehmens oder eines Produktes, sondern weist lediglich auf eine Herkunftsregion hin.

‹Pro Montagna› hingegen ist ein deutlich stärkeres Label: Bei diesem Label für Produkte von Schweizer Bergbauern geht um einen Solidaritätsbeitrag zur Förderung der Berglandwirtschaft durch die Coop Patenschaft. Erst in zweiter Linie ist es eine Herkunftsangabe. Das macht die Marke zusätzlich sympathisch.» Was hat es damit auf sich?

Solidarität für die Bergbauern …

Zurück nach Gibswil. Hier erklärt Bruno Cabernard den Medienvertretern den Ursprung der Coop Patenschaft. Sie entstand vor 80 Jahren, mitten im Zweiten Weltkrieg. Heidis heile Alpenwelt war zur Festung geworden. In der Berglandwirtschaft fehlten die Arme der Männer, die an der Grenze standen.

Aber gerade in der Anbauschlacht spielten die Alpentäler für die Ernährung der Schweizer Bevölkerung eine entscheidende Rolle. Die Solidarität der Konsumgenossenschaft Coop mit den Bergbauern fand 1942 in der Coop Patenschaft ihren Ausdruck. Auch die heute noch bestehende n Hilfswerk e Schweizer Berghilfe und Patenschaft für Berggemeinden haben ihren Ursprung in jener Zeit

Mit dem 2007 gestarteten Label «Pro Montagna» bietet die Coop innovativen Produkten aus dem Schweizer Berggebiet einen sicheren Absatzkanal in ihre Läden. Zum andern fliesst aus dem Verkaufserlös ein auf der Verpackung des Produktes genannter Betrag der Coop Patenschaft zu.

Und dies ganz ohne Abzug des administrativen Aufwandes, da Coop diese auf 600’000 Franken sich belaufenden Kosten jährlich deckt. 13 Millionen Franken will Coop in den letzten 15 Jahren über Pro Montagna-Produkte an die Patenschaft abgeliefert haben.

Ein Zustupf an den Hofkauf in Gibswil

Da die Abderhaldens 2011 als junges Paar mit Kind und Hornkuh Aushängeschild der Pro Montagna-Weihnachtsaktion waren, gab es zum Hofkauf 2016 einen Zustupf. In jenem Jahr konnten die Abderhaldens die vom Kleinbauernverband vermittelte Übernahme des Hofes Niderhus abschliessen.

Das ist die Verbindung zwischen den beiden Bio-Akteuren. Der Grossverteiler mit einem Jahresumsatz von 32 Milliarden, macht davon rund 59 Prozent (19,6 Mia.) mit Detailhandel in der Schweiz.

Der Nachhaltigkeitsumsatz beläuft sich mit 5,9 Milliarden auf rund 18 Prozent des Gesamtumsatzes, jener der Bioprodukte mit 2,1 Milliarden auf 6 Prozent. Selbst Coop, die sich als Marktführer in Nachhaltigkeit und Bio positioniert hat, hat ihr Hauptgeschäft nach wie vor im konventionellen Bereich.

Eigenes Label und Wertschöpfungskette

Die Abderhaldens, 100 Prozent Bio, lassen durchblicken, dass der Verkauf in fremde Label-Kanäle nur ein schwankender Teil ihres Umsatzes ausmacht. Sie setzen auf den Direktvertrieb über den Alpomaten, über lokale Volg-Filialen oder die Zusammenarbeit mit innovativen Gastronomen. Oder mit Bewirtung in der eigenen Scheune, wie an diesem Abend.

Roger Seiler, Dozent der ZHAW, der mit Studenten den Prototypen des Alpomaten auf dem Campus in Winterthur evaluierte, attestiert Margrit Abderhalden ein gutes Gespür für Marktnischen und die Bedürfnisse der woken, umweltbewussten «Generation Z».  

Ein Naschparadies am Oberlauf der Jona

Zum Abschluss der Recherche kommt die Mail ­von wemaikit.ch: es kamen in der Frist mehr als 40’000 Franken zusammen. Ein Lieferwagen und weitere Investitionen für die Logistik von Abderhaldens Alpomaten sind gesichert.

Und im nächsten Sommer werden auf ihrem Land drei Dutzend Stauden Früchte tragen: Kiwis, Johannes- und Stachelbeeren und viele mehr. Ein Bio-Naschparadies für Kinder. Mit der Pflanzung des Beerenhains verdienten sich am Bettagsdienstagabend die Büromenschen mit Arbeitshandschuhen und Spaten unter Anleitung der Niderhus-Bäuerin vorgenannten Buureznacht.

Geschäftstüchtig … – pardon – Nachhaltigkeit pur.

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