Sie zählt zu einem exklusiven Kreis
Rütnerin verkörpert Ju-Jitsu-Weltklasse
Sina Staub aus Rüti ist mehrfache WM- und EM-Medaillengewinnerin im Ju-Jitsu. Sie kämpft um Anerkennung – aber das ist nicht das Wichtigste für sie.
Die Frage liegt bei ihrer Lebensgeschichte auf der Hand – und die Antwort eigentlich auch. Wo fühlt sich Sina Staub zu Hause? «Auf der Matte», sagt die 24-Jährige und lacht herzhaft. Seit Anfang Jahr wohnt sie in Rüti. Geboren wurde sie in Bern, dann wanderte ihre Familie aus ins Piemont.
Dort wuchs Sina Staub auf und ging zur Schule, vor vier Jahren kehrte sie in die Schweiz zurück wegen der beruflichen Perspektiven. Ins Oberland kam sie wegen ihres Freunds – aber auch für ihren Sport.
Sina Staub macht Ju-Jitsu. Und das sehr erfolgreich.
Drei Disziplinen gibt es dabei: Im Fighting, das Staub betreibt, kämpfen zwei Ju-Jitsuka gegeneinander um Punkte. Ein dreiminütiger Kampf hat drei Teile, für die es Punkte gibt: Erst geht es um Schläge und Tritte, dann um Wurftechniken und zum Schluss um das Festhalten des Gegners am Boden. Weitere Disziplinen sind das Duo-System – ein einstudierter Showkampf mit einem Partner – sowie Ne-Waza, der Bodenkampf. (zo)
Am 23. Mai gewann sie in Deutschland ihre zweite EM-Bronzemedaille – dazu kommen seit 2021 drei WM-Bronzemedaillen, diverse Podestplätze an Grand-Slam-Turnieren – und ein vierter Platz an den World Games 2022, den Olympischen Spielen der nicht olympischen Sportarten quasi.

Ihr Palmarès ist eindrücklich – genauso wie ihre Geschichte. Es ist die Geschichte einer leidenschaftlichen Sportlerin, die ihre Erfolge abseits des Rampenlichts feiert – und um Anerkennung sowie um Sponsoren kämpfen muss. Als sie in einem Café in Rüti über ihre Karriere spricht, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Schnell wird klar: Der Sport ist für sie viel mehr als ein Hobby – er ist eine Berufung. «Es ist mein Ding, mein Leben», sagt sie.
Vor dem Reitkurs ins Dojo
Begonnen hatte alles damit, dass sie auf dem elterlichen Bauernhof ihre Liebe zu den Pferden entdeckte. Bevor sie Reitstunden nahm, hiess es: «Du musst runterfallen können.» Und weil man in Sportarten wie Judo oder eben Ju-Jitsu richtig abrollen lernt, suchte die Familie das nächste Dojo auf.
Dort wurde Ju-Jitsu angeboten – es war der Beginn von Staubs Karriere. Viereinhalb Jahre alt war sie da – «ich habe mein ganzes Leben auf der Matte verbracht», sagt sie deshalb.
Ihre internationale Karriere ist hingegen erst wenige Jahre alt. Vor sechs Jahren fand sie Aufnahme ins Schweizer Nationalkader, als sie ihre Mutter für ein Trainingslager anmeldete. Rasch sahen die Verantwortlichen ihr Potenzial. Kurz darauf wurde sie an ihrem ersten internationalen Turnier in Holland Zweite.
Abnehmen war eine Tortur
Unterdessen ist Staub die einzige Schweizer Athletin mit höchstem Kaderstatus in ihrer Disziplin. Sie tritt in der Gewichtsklasse bis 52 Kilogramm an. Bis vor zwei Jahren war sie noch in der Kategorie bis 48 Kilogramm unterwegs – was für sie je länger, je mehr eine Tortur war.
«Ich wäre kaputtgegangen ohne den Wechsel», sagt sie und berichtet von Stimmungsschwankungen und von Trainingseinheiten im Schwitzanzug, um vor dem Wiegen die letzten Gramme noch loszuwerden. «Mein ganzes Umfeld litt darunter. Manchmal frage ich mich, wie ich das überhaupt geschafft habe.»
In der höheren Gewichtsklasse hat sie diesbezüglich keine Probleme. Ihr Normalgewicht liegt zwischen 53 und 54 Kilogramm. Aufs Kampfgewicht kommt sie fast automatisch, indem sie einige Tage lang etwas weniger isst. Quälen muss sie sich nicht mehr – und sie weiss unterdessen, dass auch ein Teller Spaghetti am Tag vor dem Wiegen drinliegt.
Punkto Ernährung braucht sie also nicht mehr so stark zu verzichten wie vorher. Darüber hinaus aber teilt sie dasselbe Schicksal mit vielen anderen Athletinnen und Athleten aus Randsportarten, die nicht olympisch sind: Ihre Erfolge werden kaum wahrgenommen.
Der Bronzekampf von Sina Staub an der EM in Gelsenkirchen im Mai (Start bei 6:27:00 im Video).
Dabei betreibt Staub einen grossen Aufwand. Sie trainiert vier- bis sechsmal pro Woche – hauptsächlich in Uster und Wetzikon, weil sie hier leistungsorientierte Judokas als Wettkampfpartner findet. Alle zwei Wochen gibt es zudem ein Kadertraining am Wochenende. Und das neben einem Vollzeitjob als Fachfrau Betreuung Kinder in Jona.
Jede Woche 200 Prozent
«Ich gebe jede Woche 200 Prozent» sagt Staub deshalb. Jedes Jahr nimmt sie für ihren Sport mindestens einen Monat unbezahlten Urlaub. Ihre Karriere kostet sie jährlich zwischen 6000 und 9000 Franken, den Lohnausfall einkalkuliert.
Das klingt im Vergleich zu anderen Leistungssportlern nicht nach viel – doch Sponsoren sind kaum zu finden, obschon sie Dossier um Dossier verschickt. Entweder bekommt sie Absagen oder gar keine Antworten. Immerhin: In diesem Jahr wird sie erstmals von der Sporthilfe unterstützt. Und EM- und WM-Teilnahmen werden vom Verband organisiert und finanziert.
Die Ausgangslage kann frustrieren – doch für Staub geht es nicht mehr um die Anerkennung von aussen. Lange hatte sie Mühe damit und suchte 2023 deshalb auch eine Mentaltrainerin auf. Nun sagt sie: «Ich mache es für mich.» Und das nächste grosse Ziel hat sie vor Augen: die World Games 2025 in China. Dort will sie «zuoberst stehen».
Doch erst muss sie die Qualifikation schaffen – und die hat es in sich. Im massgeblichen Ranking belegt Staub zwar derzeit den zweiten Rang unter über 50 Athletinnen. Doch nur die ersten vier haben den Startplatz auf sicher. Und nur sechs können insgesamt starten. Ein ganz exklusiver Kreis – zu dem sich derzeit auch Staub zählen darf.