Sie wecken schlafende Hunde in Uster
Tabuthema «behindert»
Mit dem Titel «Behindert» macht ein Künstlerduo aus Rüti aufmerksam auf unbeholfenes Verhalten in der Gesellschaft und diskriminierende Handlungen im Alltag.
Direkt neben dem Café am Stadtpark steht zurzeit ein kleiner Container mit einem aufgemalten Rollstuhlfahrer. Auf der einen Seite ist er als klassisches Piktogramm in Rot zu sehen – auf der anderen Seite sind die Umrisse des Rollstuhlfahrers etwas menschlicher gezeichnet: in Grün.
Tritt man näher heran, wird sichtbar, dass bei dieser Kunstinstallation mit viereckigen Bierdeckeln gearbeitet wurde: Die kleinen aneinandergereihten Flächen ergeben ein buntes Gesamtbild.
Für das Künstlerduo Jasmin Polsini und Valentin Weilenmann ein geeignetes Material. «Bierdeckel sind für uns ein sehr geeignetes Medium, da Jasmin auch darauf zeichnen kann, wenn sie an einem schlechten Tag im Bett liegen muss», sagt ihr Partner Weilenmann.
Mit der Installation, die schlicht «Behindert» heisst, zeigt das Duo mit dem klingenden Namen Schlafende Hunde wecken verschiedene Herausforderungen, die Menschen mit Behinderung heute in der Gesellschaft tagtäglich erleben.


Damit machen sie auf ein Tabu aufmerksam. Polsini ist mit ihrer Krankheit Ehlers-Danlos-Syndrom (EDS) selber betroffen. Seit einigen Jahren sitzt sie wegen dieser Bindegewebserkrankung im Rollstuhl.
Für das Projekt gab sich das Paar ein halbes Jahr Zeit, um Erfahrungen, Gefühle, Situationen, Gedanken, Metaphern und Ideen seines Alltags auf Hunderte von Bierdeckeln zu malen. Diese ergaben dann ebendiese zwei Seiten, die grüne und die rote.
«In unserer barrierefreien Kunstkiste thematisieren wir, was es heisst, in unserer Gesellschaft als behindert zu gelten», so das Duo aus Rüti.
Unbeholfenes Verhalten
Denn der Umgang im Alltag sei manchmal erschreckend diskriminierend. «Manche Menschen haben einfach kein Bewusstsein für ihre Mitmenschen», sagt Polsini. Sie treffe im Alltag auf eine Gesellschaft, die nicht wisse, wie sie mit Behinderung umgehen solle. «Daraus entsteht ein ambivalentes Verhalten, das zwischen Mitleid und Unverständnis pendelt.»
Die puzzleartig angeordneten Kacheln erzählen auf der roten Seite, wie unbedarft manchmal Sätze fallen, die für Menschen mit Behinderung sehr schmerzhaft anmuten. Das Paar hat einfach das eingefangen, was es im Alltag auch wirklich schon erlebt hatte. Zum Beispiel Bemerkungen rund um die Festtage, wenn das Personal in Supermärkten gestresst ist: «Es ist Weihnachten, da sind unsere Gänge halt vollgestellt.»
Auch Weilenmann als Partner einer Frau mit Behinderung kann davon ein Lied singen. «Wenn man im Rollstuhl sitzt, kann man nicht einfach wegrennen.» So sei man oft konfrontiert, und ein schnell dahingeworfener Satz sei nicht einfach zu verarbeiten.
«Ich glaube nicht, dass du so starke Schmerzen hast, dafür siehst du viel zu gut aus», ist ein weiterer Satz, den Polsini schon oft gehört hat. «Ein verpacktes Kompliment, das sehr verletzend wirkt, weil man sich nicht ernst genommen fühlt.»
Auch habe sie schon erlebt, wie Menschen den Rollstuhlplatz in den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht hätten freigeben wollen. «Ich erinnere mich an einen Moment, wo mich sogar ein Buschauffeur aus Zeitmangel nicht mitnehmen wollte», erzählt die Künstlerin aus Rüti.
Hoffnung und Inklusion in Grün
Auf der grünen Seite der Kunstinstallation hingegen klingt der Wunsch nach einer Gesellschaft an, die inklusiv funktionieren soll. Hier schimmert Hoffnung durch. Ein wichtiges Wort dabei: Verständnis.
Durch die Gegenüberstellung öffnet das Künstlerpaar den gedanklichen Raum für das Dazwischen. «Wir laden ein, darüber nachzudenken, wie wir als Gesellschaft von dem roten in den grünen Zustand kommen könnten», sagt das Duo.


Was, wenn Behinderte besser integriert wären? «Behindert ist leider noch immer ein Schimpfwort», sagt Polsini. Dabei fühle es sich für sie anders an: «Ich bin nicht behindert – ich werde behindert.»
Sie wünsche sich ein systemisches Mitdenken, sagt Polsini, sonst höre das nie auf. Tatsächlich: Ihre Kunst macht betroffen. Sie hinterlässt einen etwas bitteren Nachgeschmack. Irgendwie schämt man sich ein wenig für seine Mitmenschen – und wohl auch für sich selbst.
Die Inklusion von Menschen mit Behinderung werde in der Öffentlichkeit zwar oft als Ziel formuliert. Doch der Weg dorthin sei unklar, und die Verantwortung dafür werde an Institutionen oder Behörden abgeschoben. «Der eigentliche Diskurs liegt dabei noch zu oft bei Menschen, die ohne Behinderung leben», so das Duo.
Umso wichtiger sei deshalb auch die Subjektivität dieses Projekts: «Die Lebensrealitäten von Menschen mit Behinderung sind divers, genau wie ihre Bedürfnisse.» Um sich als Gesellschaft Gemeinsamkeiten bewusst zu
machen, müssten mehr Betroffene gehört werden, sagt Weilenmann.
Auch betroffen: Ältere Menschen
«Bei der Vernissage im Stadtpark kam eine ältere Frau auf uns zu. Sie war sehr berührt von der Installation, denn sie erlebt im Alter Ähnliches», erzählt Polsini. Dass die Menschen wenig Geduld hätten im Alltag, dass alles schnell gehen müsse und keine Zeit sei, auf jemanden zu warten, der zum Beispiel nicht so schnell gehen könne.
Die Gesellschaft werde immer älter, somit gebe es auch in dieser Bevölkerungsgruppe mehr Menschen, die Hilfe bräuchten und immer länger krank seien. Zudem gelten in der Schweiz 22 Prozent der Bevölkerung als behindert. Dies lasse auf eine Verschärfung der Situation in den kommenden Jahren schliessen, sagt das Künstlerpaar.
«Das Projekt geht alle etwas an und muss da gezeigt werden, wo Behinderung noch keinen Platz zu haben scheint», sagt Weilenmann. Das Paar will mit dem Projekt auf Tournee gehen und «Behindert» national bekannt machen.
Das inklusive, barrierefreie Kunstprojekt «Behindert» kann noch bis zum 5. September im Stadtpark Uster bestaunt werden. Die Installation ist für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen zugänglich. Ein barrierefreies WC befindet sich zwei Gehminuten vom Veranstaltungsort entfernt.