Sie trägt viel Verantwortung – und will Olympia nochmals erleben
Oberländer Pferdeprofi
Estelle Wettstein ist erst 28 – und schon Eigentümerin des Fohlenhofs in Wermatswil. Doch auch im Dressursport hat sie trotz Rückschlägen noch viel vor.
Es ist sportlich ruhig um sie geworden – seit ihrem Auftritt an den Olympischen Spielen von 2021 in Tokio. Estelle Wettstein tauchte zuletzt nur noch vereinzelt in Resultattabellen von Dressurturnieren auf. Es ist jedoch eine vermeintliche Ruhe.
Im Alltag von Wettstein hat sich einiges getan. Schon vor rund zwei Jahren hat sie die Betriebsleitung des Fohlenhofs in Wermatswil übernommen. Mit erst 28 ist Wettstein seit Kurzem die neue Eigentümerin des Sport- und Handelsstalls.

Das Anwesen macht Eindruck, allein schon durch seine Grösse von rund 13 Hektaren – mit Reithalle, Sandplatz und weitläufigen Weideplätzen. Wettstein hat nicht nur stets 40 bis 45 Pferde in ihrer Pension. Sie zählt mittlerweile auch auf ein zehnköpfiges Team. Das ist ganz schön viel Verantwortung für eine Person ihres Alters.
Wettstein hat in der achten Generation von ihrem Vater Ernst als neue Eigentümerin den Hof übernommen. Dieser bleibt dem Fohlenhof auch nach der Übergabe als Ansprechperson und Trainer eng verbunden. «Er steht helfend zur Seite», bekräftigt Wettstein.
Der offizielle Führungswechsel innerhalb der Familie liegt in Anbetracht der Ereignisse auf der Hand. Vor bald drei Jahren wurde Estelle Wettstein so quasi ins kalte Wasser geworfen. Ihr Vater hatte einen Herzinfarkt erlitten. Zeit zum Überlegen blieb ihr da keine – sie war sogleich gefordert.
«Ich bin in die Aufgabe hineingewachsen», sagt sie rückblickend. Leiden darunter musste in der Zwischenzeit etwas der Sport. Aber für Wettstein war ebenso klar: «Der Fohlenhof ist langfristig das wichtigere Standbein.»
Die Paradepferde verloren
Schnell offensichtlich war da auch: Die Olympischen Spiele von Paris im Jahr 2024 würden für Wettstein so aus der veränderten Situation in Wermatswil nicht realistisch sein. Nach dem Herzinfarkt ihres Vaters war sie im Betrieb gefordert wie nie.
Und dann gab es noch sportliche Gründe. Die in Hinwil lebende Wettstein musste sich nämlich von West Side Story Old verabschieden – ihrem Olympia-Pferd, mit dem sie zahlreiche grosse Turniere bestritten hatte.
Dies, nachdem sich ihre Eltern getrennt hatten. Mutter Marie-Line Wettstein verkaufte die Oldenburger-Stute hinterher nach Deutschland. «Das war für mich ein harter Schlag. ‹Westi› und ich hatten noch so viel vor», sagt Estelle Wettstein.
Als wäre dies nicht genug, verlor die Oberländerin im selben Jahr noch Great Escape Camelot. Mit dem Wallach hatte sie seit 2021 gute Platzierungen auf Niveau Grand Prix geschafft. Die Besitzerin platzierte ihn allerdings nach Deutschland um.
«Solche Phasen erlebt jede Reiterin und jeder Reiter», sagt Wettstein. Sie nennt Andrina Suter als Beispiel, die an den letzten Olympischen Spielen in Paris für die Schweiz in der Dressur antreten durfte – und sich hinterher sogar von drei Top-Pferden trennen musste, weil der Besitzer andere Pläne mit ihnen hatte.
Geduld ist gefragt
Estelle Wettstein, die noch immer zur Schweizer B-Kader-Elite zählt, bestreitet deshalb ihre Wettkämpfe derzeit vornehmlich mit Quarterboy, den sie seit geraumer Zeit unter ihren Fittichen hat. Auch mit dem 15-jährigen Wallach erzielte sie gute Ergebnisse.
Zu einem Dressurpferd von internationalem Top-Niveau wird er sich aber nicht mehr entwickeln. «Viele Zuschauer, die Einwirkung von aussen – damit tut er sich an den Turnieren schwer», sagt Wettstein. Und dann könne man ihn auch in nichts hineinzwingen. «Quarterboy ist trotzdem ein tolles Pferd», betont sie.

Und so ist also Geduld gefragt, bis die Oberländerin wieder das entsprechende Pferd für höhere Aufgaben über einen Züchter, Besitzer, Mäzen oder Sponsor an ihrer Seite bekommt.
Erkennbar ist ein solches für einen Profi wie Wettstein sofort. An den Bewegungsabläufen, an der körperlichen Konstitution und der eigenen Motivation. «Sie wollen gefördert werden», sagt Wettstein.
Ein nächstes Olympia-Abenteuer ist für sie dennoch denkbar – ob als Trainerin oder Reiterin. «Im Pferdesport ist ja nicht im Alter von 30 fertig», sagt sie – und nennt Los Angeles 2028 als mögliches Ziel.
Die Schweiz hofft, dann sogar erstmals nach 24 Jahren an Olympischen Spielen wieder eine Dressurequipe für den Team-Wettbewerb stellen zu können.
Die Tage sind durchgetaktet
Für heuer schmiedet Wettstein allerdings noch nicht zu grosse Pläne. Sie spricht vielmehr von einer Übergangssaison. Als Nächstes sind verschiedene Kadertrainings und bis im März je ein Turnier in Deutschland und Italien geplant.

Auf dem Fohlenhof selbst hat sich für sie als neue Eigentümerin nicht viel geändert. «Das Team habe ich schon vorher gemanagt. Und ich sitze auch gleich viele Stunden auf dem Pferd», sagt Wettstein.
Ihre Tage in Wermatswil sind lang und streng durchgetaktet. Eine 60-Stunden-Woche ist für sie die Norm. Vormittags reitet sie mehrere Pferde und gibt Unterricht. Die Zeit über den Mittag nutzt Wettstein für den Austausch mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und das Abarbeiten von Pendenzen.
Nach einer kurzen Pause geht es schliesslich in der Reithalle weiter. Estelle Wettstein managt und betreut derzeit neun Pferde persönlich. «Es kann schon da und dort mal 20 Uhr werden, bis alles erledigt ist», sagt sie – und unterstreicht: «Ohne mein Team wäre es unmöglich, alles unter einen Hut zu bringen.»
Viel Zeit für Hobbys bleibt Wettstein neben der Arbeit auf dem Fohlenhof da nicht mehr. «Das ist bei anderen Selbständigerwerbenden doch nicht anders. Der Hof hat halt Priorität», sagt sie. Sofern kein Turnier ansteht, nimmt sie sich einzig den Sonntag frei. Diesen nutzt sie, um Sport zu treiben oder mit ihrem Partner etwas zu unternehmen. «Es gibt auch so immer wieder Möglichkeiten, Freunde zu treffen.»