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Kindlimann tritt zurück

Sie hört auf – und springt doch weiter

Die Gibswiler Skispringerin Rea Kindlimann (23) hat nicht nur die Saison vorzeitig beendet, sondern auch ihre Karriere. Obwohl es dort in letzter Zeit stets etwas bergauf ging.

Rea Kindlimann im letzten Dezember im Weltcup in Engelberg: Internationale Wettkämpfe in der Schweiz waren immer speziell für die Gibswilerin.

Foto: Keystone

Sie hört auf – und springt doch weiter

Die Gibswiler Skispringerin Rea Kindlimann (23) hat nicht nur die Saison vorzeitig beendet, sondern auch ihre Karriere. Obwohl es dort in letzter Zeit stets etwas bergauf ging.

Die Skisprung-Saison ist noch nicht ganz zu Ende. An diesem Wochenende gastiert der Weltcup-Tross in Oslo auf dem Holmenkollen. Eine legendäre Schanze, auf der Rea Kindlimann noch nie gesprungen ist – und wohl auch nie springen wird. Sie lässt nicht nur das Springen im norwegischen Skisprung-Mekka freiwillig aus, sondern hat ihre Karriere mit dem Weltcup-Springen in Lahti beendet. «Es ist ein Ort, den ich sehr gerne habe. Ein Abschluss dort war für mich das Schönste», sagt Kindlimann.

Ihr Rücktritt kommt gegen aussen sehr überraschend. Nicht nur wegen des Zeitpunkts kurz vor Saisonende. Rea Kindlimann ist mit ihren 23 Jahren zwar nicht mehr die allerjüngste Skispringerin, aber gehört auch noch lange nicht zum alten Eisen, auch wenn sie sich selber als «Teamoldie» bezeichnet.

Und: In ihrer Karriere ging es eigentlich langsam, aber beständig bergauf. In dieser Saison absolvierte sie beispielsweise so viele Weltcup-Einsätze wie noch nie. Zudem hat sie die Saison auf zweithöchster Stufe im Intercontinental Cup (ICOC) als 15. in der Gesamtwertung beendet – das ist ihr Bestwert.

Das Gefühl sagt es ihr

Die Gedanken an den Rücktritt trug sie indes schon eine ganze Weile mit sich. Spontan war der Entscheid nicht, er zeichnete sich in den letzten Wochen ab. «Ich habe gespürt, dass ich nicht mehr so viel opfern mag. Es fühlte sich langsam einfach so an, als ob es okay ist, jetzt den Rücktritt zu geben.»

Ein Bauchgefühl war es letztlich also, nicht etwa äussere Umstände. Denn die stimmen derzeit, findet Kindlimann. Sie, die sich auch schon ausserhalb der Kadergefässe von Swiss-Ski mit dem Trainer des SC am Bachtel durchschlug und ihre Karriere selber unter anderem mittels Crowdfunding finanzierte, hätte die Kriterien erfüllt, um in einem Swiss-Ski-Kader zu verbleiben.

Und sie beschreibt die Teamkonstellation unter dem seit letzten Sommer neuen Cheftrainer Christian Raimund als deutlich besser als noch vor ein paar Jahren. «Wir haben ein cooles Team und eine gute Zusammenarbeit mit dem Trainer und den Physios. Das pusht uns, und es ist ein sehr motivierendes Umfeld», sagt Kindlimann.

Wenn der Probesprung der Beste ist

Doch all das reicht nicht, um die Karriere fortzuführen. An Ende war es eine Frage von Aufwand und sportlichem Ertrag. «Es war zwar immer wieder mal ein Sprung gut. Aber meistens eben der Probesprung. Im ersten Durchgang folgte oft ein schlechter Sprung, und dann kam das Gefühl, nicht erfüllt zu haben. Das ist es, was über die Zeit sehr anstrengend geworden ist.»

Einmal in ihrer Karriere holte sie Weltcup-Punkte – vor gut einem Jahr als 28. im slowenischen Ljubno. Achtmal sprang sie im ICOC in die Top Ten, mit einem sechsten Rang vor anderthalb Jahren in Einsiedeln als Bestresultat. Die WM-Teilnahme in Trondheim vor einem Jahr zählt für sie zu den grössten Highlights, daneben aber auch die Teilnahme an der Junioren-WM in Kandersteg 2018, die Youth Olympic Winter Games 2020 in Lausanne und alle andern internationalen Wettkämpfe in der Schweiz im Weltcup. «Es war immer ganz speziell zu wissen: Ganz viele da unten kennen dich.»

«Steht sie noch?»

Kindlimann schaut mit vielen positiven Gefühlen zurück – auch auf die schwierigen Zeiten. Der Sport habe sie geprägt, sagt die 23-Jährige, «auf eine sehr positive Art». Selbständigkeit und Disziplin nennt sie als Eigenschaften, «ich kann auf mich hören, ich kann für mich einstehen. Und aus der Saison, die ich allein durchgezogen habe, konnte ich organisatorisch viel lernen. Da sehe ich schon einen Profit.»

Ihre Erfahrungen will sie künftig weitergeben an den Nachwuchs im Skiclub am Bachtel. Das Skispringen ist dort quasi eine Kindlimann-Familiensache – ihr Bruder Lars ist derzeit Skisprung-Chef, Mutter Sara war das über Jahre hinweg und ist noch immer stark engagiert im Verein. «Ich liebe die Sportart, daran hat sich nichts geändert», sagt Rea Kindlimann. Und es ist für sie durchaus denkbar, sich nicht nur beispielsweise als Trainerin zu engagieren, sondern nebenher selber auch mitzutrainieren. Denn künftig ganz ohne eigene Sprünge auszukommen, das kann sie sich nicht vorstellen. Verständlich, schliesslich übt sie den Sport seit 14 Jahren aus – also mehr als ihr halbes Leben lang.

Und hat dabei mehr erreicht, als es zu Beginn den Anschein gemacht hatte. «Das ganz kleine Mädchen, ganz ohne Potenzial, hat es doch noch geschafft», sagt sie in ihrem Rücktrittsvideo. Was nach Seitenhieb klingt, ist selbstironisch gemeint. «Ich hatte wirklich kein Potenzial zu Beginn, das sehe ich selber genauso. Es gibt ein Video, in dem man meine Mutter sagen hört: ‹Steht sie noch?› Ich bin aber immer auf den Füssen gelandet.»

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