Schuhhaus Walder in Brüttisellen feiert 150-jähriges Bestehen
6. Generation am Ruder
Mehr als 300’000 Paar Schuhe verkauft die Familie Walder aus Brüttisellen jedes Jahr. 2024 feiert das Schuhhaus Walder sein 150-Jahr-Jubiläum.
Für Daniel Walder war als Kind schon klar, dass er in die Fussstapfen seines Vaters treten möchte. «Sieht man sich die alten Freundschaftsbücher aus meiner Schulzeit an, steht bei mir unter Traumberuf ‹Schuhdirektor›», erinnert sich der 43-Jährige, der das Schuhhaus Walder in sechster Generation als Geschäftsführer leitet.
Ihm zur Seite stehen seine Schwestern Martina Walder und Sandra Furger. «Wir sind nicht nur Geschwister, wir sind auch gute Freunde», sagt Daniel Walder. Das zeige sich vor allem dann, wenn sich das Trio einmal uneins ist: «Wir haben eine gute Streitkultur und suchen gemeinsam nach Lösungen. Und wenn wir uns bei einem Projekt nicht einig sind, dann lassen wir es bleiben.»
Von der Knabenanstalt zur Schuhfabrik
Da die beiden Schwestern für den Einkauf verantwortlich sind und Daniel Walder für den Verkauf, seien Meinungsverschiedenheiten unausweichlich: «Wir sitzen auf verschiedenen Seiten des Tischs.»
Gegründet wurde das Schuhhaus Walder am 1. Oktober 1874 vom Seidenfabrikanten und Philanthropen Caspar Appenzeller als «Knabenanstalt Brüttisellen». Heimatlose Jungen sollten dort bei einer sinnvollen Tätigkeit eine fürsorgliche, christliche Erziehung geniessen.
Schon 1882 waren es nicht mehr heimatlose Knaben, sondern Arbeiterinnen und Arbeiter, die in Brüttisellen produzierten. Um die Jahrhundertwende beschäftigte die «Walder Appenzeller & Söhne» rund 800 Angestellte, die täglich 2000 Paar Schuhe herstellten. 1929 wurde der erste Schuhladen in Thun eröffnet. Die Filiale existiert noch heute.
Den Höhepunkt der Produktion erlebte die Firma 1965 mit gegen 800’000 Paar produzierten Schuhen. Doch bereits fünf Jahre später war die Situation eine andere. Daniel Walder: «Der Importdruck wurde zu gross. Zudem forderten die Gewerkschaften höhere Löhne. Es ging einfach nicht mehr auf.»
Vom Hersteller zum Händler und Immobilienunternehmer
Um die Schuhfabrik zu retten, fusionierte Walder 1970 mit einem deutschen Unternehmen. Schon ein Jahr später aber wurde die Produktion definitiv eingestellt. Walder wurde vom Produzenten zum reinen Schuhhändler.
Und dann gibt es da noch ein zweites Standbein: Denn mit dem Wegfall der Schuhproduktion entstand ein stattliches Immobilienportfolio, das es zu verwalten und zu entwickeln galt. Herzstück blieben die Gemäuer der Schuhfabrik. Dort, wo in Brüttisellen einst Schuhe produziert wurden, soll in den nächsten Jahren ein Ort entstehen, an dem gewohnt, gearbeitet und gelebt wird: Im September 2023 sagte die Gemeindeversammlung von Wangen-Brüttisellen Ja zum Gestaltungsplan für das Walder-Areal.
An die 200 Wohnungen sind im Zentrum von Brüttisellen geplant. Baubeginn ist voraussichtlich 2028. Daniel Walder ist auch Verwaltungsratspräsident der Walim AG, der Immobiliengesellschaft der Familie.

«Aber mein Herz schlägt ganz klar für Schuhe», sagt der Firmenchef. 2014 hatten Elisabeth und Hans-Peter Walder (5. Generation) die operative Leitung an die drei Kinder übergeben. «Sie liessen uns gewähren, auch wenn sie nicht mit allem einverstanden waren», so Daniel Walder und erwähnt als Beispiel das aktuelle Rebranding: Das grüne «A» im Schriftzug wird nach und nach aus den mittlerweile 28 Filialen entfernt. Schwarz-weiss und somit etwas moderner soll die Zukunft des Schuhhauses sein.

320’000 Paar Schuhe hat das Schuhhaus Walder im letzten Jahr verkauft. Dazu 95’000 Accessoires, wie Taschen, Gürtel oder Schals und 105’000 Furnituren. Dazu gehören Hilfsmittel wie Pflegemittel oder Schuhbürsten. Das ergab einen Umsatz von 38 Millionen Franken. 240 Mitarbeitende zählt das Unternehmen heute noch.
Die Bedeutung des stationären Handels ist nach wie vor gross
Mehr als 90 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet die Familien-AG nach wie vor im stationären Handel. Im Vergleich mit der Konkurrenz ist das viel. 28 Prozent des Schuhhandels in der Schweiz läuft mittlerweile online. Daniel Walder rechnet damit, dass der Anteil an online verkauften Schuhen auch in seinem Unternehmen ansteigen wird: «Aber mehr als 15 Prozent werden es bei uns wohl nie sein. Zu wichtig ist die Beratung im stationären Handel.»
Ein wichtiges Standbein dabei sind Kinderschuhe. «Ein Drittel unserer Kunden sind Kinder», sagt Walder. Die zweite, grosse Kundengruppe sind Kundinnen ab 35 Jahren. Die Altersstruktur seiner Kundschaft – bis 14 und dann wieder ab 35 – bereite ihm kein Kopfzerbrechen: «Eine modische Frau ist auch mit 80 noch modisch und bleibt uns als Kundin lang erhalten. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten massiv geändert.»
Mit der Beratung und der Qualität will sich das Schuhhaus Walder auch in Zukunft von der Konkurrenz abheben. Auf einen Preiskampf mit günstigeren Ketten will er sich nicht einlassen: «Da hätten wir keine Chance. Unsere Stärken sind die Qualität unserer Produkte, die Beratung und das tiefe und breite Sortiment.»
Ideen für die Zukunft
Er wolle die Werte des Familienunternehmens wahren und gleichzeitig mit dem Zeitgeist gehen, sagt Daniel Walder und erwähnt verschiedene Ideen für die Zukunft.
Eine solche Idee ist die sogenannte Regalverlängerung: Hierbei geht es darum, im eigenen Onlineshop nicht nur jene Artikel feilzubieten, die man an Lager hat, sondern auch solche, die noch beim Hersteller lagern. Bestellt ein Kunde oder eine Kundin, geht die Bestellung an den Hersteller und der versendet die Schuhe direkt an den Kunden. Das Schuhhaus erspart sich so das Lagerrisiko, und die Kundschaft profitiert von einer grösseren Auswahl.
Auch will er mehr «Swissness» in seine 28 Läden bringen. In der jüngst im Zürcher Einkaufszentrum Sihlcity eröffneten Filiale hat er ein «Swiss-Lab» für Schuhe aus Schweizer Produktion eingerichtet: traditionelle Marken wie Lienhard, Cybrus oder Ammann finden sich neben Start-ups wie Bold Matters und Cervo Volante.
Der Markt ist umkämpft, das Geschäft hart. Entsprechend stolz ist man bei der Familie Walder auf das Unternehmen und darauf, es bereits in der sechsten Generation zu führen. Die siebte Generation übrigens ist bereits geboren.