Die lautesten Kritiker – und warum sie nicht in den Gemeinderat wollen
In Fällanden gibt es ein widerspenstiges Grüpplein, das dem Gemeinderat das Leben schwer macht. Doch weshalb will niemand aus dieser Opposition Regierungsverantwortung übernehmen?
Fällanden kennt das Prinzip der «Publikumsränge»: Von dort kommen pointierte Voten und harte Einwände. Kritiker melden sich an Info-Veranstaltungen und Gemeindeversammlungen zu Wort und oft mit scharfen Worten auf der Online-Meinungsplattform «Inside Fällanden». Der Schritt aus der Zuschauerrolle in den Gemeinderat bleibt für viele dennoch zu gross.
Beim Gemeinderat als scharfer Hund berüchtigt ist Roland Baldinger. Es ist zum Ritual geworden, wie er an Gemeindeversammlungen mit einem Zettelchen in der Hand zum Mikrofon schreitet und bewusst dem auf der Bühne versammelten Gemeinderat den Rücken zukehrt. Das Signal ist klar: Ich spreche zur Bevölkerung und nicht zur Regierung.
Das Ziel war es, nicht nur einzelne Gemeinderäte zu ersetzen, sondern alle.
Harry Eggimann
Gründer Bürgerinitiative Fällanden
Dem Votum zum aktuellen Traktandum folgt meist eine Generalabrechnung mit dem Gemeinderat, die auch mal minutenlang ausfallen kann.
Doch weshalb übernimmt ein Mann, der so viel kritisiert, nicht selbst das Ruder in der Exekutive? Für Roland Baldinger ist es eine Frage des Alters: «Ich mache mich lächerlich mit bald 77.»
Mit der SVP gescheitert
Einen Versuch, in den Gemeinderat einzuziehen, hatte Baldinger bereits in jüngeren Jahren unternommen. 2015 hatte sich durch den Tod von Heinz Stoop (SVP) eine Lücke ergeben.
Baldinger war damals ebenfalls in der SVP. Heute erinnert er sich zurück. «Einer musste a d Seck.» Also habe er sich gemeldet, um Stoops Nachfolge anzutreten. Ein «Himmelfahrtskommando» sei seine Kandidatur gewesen. Denn im Gegensatz zum parteilosen Gegenkandidaten Ruedi Maurer habe man ihn in Fällanden kaum gekannt. Im Oktober 2015 setzte sich Maurer an der Urne deutlich durch und ist bis heute Gemeinderat.
Einen weiteren Versuch will Baldinger nicht nur wegen seines Alters sein lassen. Für das Amt fehle es ihm an rhetorischem Geschick. «Diese Reden sind nicht meins. Deshalb brauche ich immer das Zettelchen für meine Wortmeldungen.» Doch in der Rolle des «Motzers» gefalle er sich eigentlich auch nicht. «Ich wäre der Erste, der schweigt, wenn der Gemeinderat gute Arbeit leisten würde.»
Viel lieber schreibt er über seine Missbilligung der behördlichen Arbeit auf «Inside Fällanden», wo Baldinger Teil der Redaktion ist.
Dennoch war Roland Baldinger eine Zeit lang Teil einer Behörde. Von 1990 bis 1994 war er Schulpflegemitglied. Zu der Zeit habe er sich ansonsten wenig um Fällanden gekümmert. Zu wichtig seien ihm die eigene Firma, seine Frau und seine drei Kinder gewesen.
Weg vom konfrontativen Stil
Auch der Fällander Harry Eggimann hatte bei politischen Themen immer ein Wörtchen mitzureden. Manchmal war es auch eines zu viel. Wie bei einer ausufernden Rede an einer Gemeindeversammlung in der rappelvollen Zwicky-Fabrik zum Thema Schulprovisorium, als ein paar andere Stimmberechtigte die Geduld verloren und ihm deswegen ins Wort fielen.
Eggimann gründete im letzten Jahr die Bürgerinitiative Fällanden. Mit der Partei wollte er nach eigenen Angaben eine zusätzliche politische Kraft in Fällanden etablieren und aus der Gruppe ein ganzes Team für den Gemeinderat in Stellung bringen – inklusive sich selbst. Damit wollte er die Revolution in Fällanden: «Das Ziel war es, nicht nur einzelne Gemeinderäte zu ersetzen, sondern alle.»
Doch, wie Eggimann sagt, ist das auf zu wenig Interesse gestossen. «Ich hätte eine Gruppe gebraucht, die gross genug ist und mich unterstützt und ein ganzes Team auf die Liste der Wahlvorschläge setzt.»
Der ehemalige Hochschuldozent und Verlagsleiter der «Schweizer Illustrierten» tat sich schwer, die nötigen Leute zu finden. «Ich gehe nicht von Haustür zu Haustür. Das ist nicht mein Stil.» Er sei auch nie ein Vereinsmeier gewesen. «So fehlt mir in Fällanden die Hausmacht, um ins Amt gewählt zu werden.»
Weniger als zehn Personen hätten letztlich zu dem Kreis gehört. «Offensichtlich besteht in Fällanden doch kein Leidensdruck, sonst wäre das Interesse an einer Veränderung grösser.»
Was ist mit Harry Eggimanns Angriffslust geschehen? Ein Mann, der vor zweieinhalb Jahren den Gesamtgemeinderat noch mit einem Leserbrief im «Glattaler» hart kritisierte: «Ich hoffe sehr, dass wir nach den nächsten Wahlen einen Gemeinderat haben, der offen und ehrlich informiert und den Stimmbürger als Souverän akzeptiert. Und vor allem, dass das Gremium professionell arbeitet.»
Heute zeigt sich Harry Eggimann geläutert. «Der konfrontative Kurs bringt nichts – Kooperation statt Konfrontation ist jetzt mein Leitsatz.» Das habe er etwa beim Apéro nach den Gemeindeversammlungen gemerkt, als nur immer die gleichen Leute seine streitbaren Reden gelobt hätten. «Es werden keine Unbequemen gewählt. Meinen konfrontativen Stil hätte ich schon vor zwei Jahren ändern sollen.»
Alt Gemeinderat übt Kritik
Bereits einmal für zwei Amtsperioden sass hingegen Hans Peter Diethelm in den 1970er Jahren im Gemeinderat. Zudem war er Mitglied der Regionalplanung und aktiv in der Kirche.
An Info-Veranstaltungen und Gemeindeversammlungen nimmt er kein Blatt vor den Mund. Und in den Leserbriefspalten fährt er im Namen seiner mitgegründeten Bürgerlichen Interessengemeinschaft für gesunde Gemeindefinanzen (IGfgGF) Gemeinderäten namentlich an den Karren.
Auf Anfrage tönt es ein bisschen moderater. «Die Leistungen des Gemeinderats sind zwar kein Ruhmesblatt, aber auch keine völlige Katastrophe.» Als schlechtes Beispiel nennt Diethelm die Einsätze von temporären Springern in der Gemeindeverwaltung. Die müssen seiner Meinung nach radikal reduziert werden.
Noch einmal seinen Hut in den Ring werfen will der 76-Jährige aufgrund seines Alters allerdings nicht. «Zudem fehlt mir wegen meines vielseitigen, darunter gemeinnützigen Engagements die Zeit.» So berate er ältere Menschen bei der Lösung verschiedener Alltagsprobleme. Ausserdem verfasst Diethelm einen wöchentlichen Newsletter für Finanzfragen oder ist als Stadtzünfter im Vorstand der Stadtmusik Zürich. «Ich bin mir bewusst, wie zeitlich belastend ein Behördenmandat ist, wenn man es gut machen will.»
Frauenquote für Maya Litz sekundär
Neben all diesen Männern fällt auch Maya Litz auf. Sie eckt immer wieder mit scharfen Voten beim Gemeinderat an. In der Vernehmlassung zum Ausgliederungsprojekt der Gemeindewerke vom letzten Jahr war etwa ihr Kommentar zu lesen: «Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Gemeinderat in einem unergründlichen Schlussmarathon, nach eigenem Gutdünken vor den nächsten Wahlen, möglichst noch seine Geschäfte durchbringen und gut bezahlte Posten schaffen möchte.»
Und vor ein paar Jahren schrieb sie in einem Leserbrief: «Es ist höchste Zeit, dass neue dialogbereite und bürgernahe Persönlichkeiten im Gemeinderat sitzen und dass im Präsidium eine neue Führungskultur einkehrt.»
Da Maia Ernst (GLP) und Rita Niederöst (SP) nicht mehr zur Wahl antreten und keine weiblichen Kandidaturen vorliegen, wird die Behörde künftig ohne Frauen besetzt sein. Weshalb also will sich Maya Litz nicht für den Gemeinderat bewerben? «Eine Frauenbesetzung ist für mich zweitrangig. Im Moment habe ich aus beruflichen Gründen und wegen meines familiären Engagements schlicht keine Kapazität.»
In welcher Partei sie sich sehen würde, darüber gibt Litz keine direkte Antwort, in ihrem sachpolitischen Engagement zeigt sie sich aber klar bürgerlich. «Ich bin zusammen mit der Mitte und der SVP Gründungsmitglied vom Verein Vernünftige Schulraumplanung Fällanden.» Litz sagt, ihr sei unter anderem eine «gleich gewichtete» Primarschule von der 1. bis zur 6. Klasse in allen drei Ortsteilen ein wichtiges Anliegen.
Litz schliesst jedoch nicht aus, dass doch mal noch ihr Name auf der Liste der Wahlvorschläge stehen wird, betont aber: «Das ehrenamtliche Engagement der Einwohnenden einer Gemeinde ist ebenso wertvoll und wichtig.»
Kampfwahlen in drei Behörden
Der Gemeinderat Fällanden wird in der neuen Legislatur von acht auf sieben Sitze verkleinert. Für die Erneuerungswahlen am 12. April kandidieren sieben Personen. Zur Kampfwahl kommt es, weil die Präsidentin beziehungsweise der Präsident der Schulpflege von Amtes wegen das siebte Mitglied des Gemeinderats ist.
Thomas Bürki (parteilos), Maia Ernst (GLP) und Rita Niederöst (SP) treten nicht mehr an. Zur Wiederwahl stellen sich Tobias Diener (FDP; einziger Kandidat fürs Gemeindepräsidium), Ruedi Maurer (parteilos), Christian Rossmann (FDP) und Heinz Rüegsegger (Die Mitte). Neu kandidieren Huldrych Thomann (SVP), Werner Schwendener (parteilos) und Stefan Zoller (SP).
Für die Schulpflege in Fällanden (fünf Sitze inklusive Präsidium) liegen acht Wahlvorschläge vor: Tanja Andrea Berger Koprowski (SP), Marleen Helbling (parteilos), Ulrich Hohl (FDP, auch wieder als Präsident), Beatrice Seiterle (FDP) und Mario Solis (GLP) wollen die Wiederwahl schaffen. Neu treten Manuel Cattaneo (parteilos), Michael Siegrist (SVP) und Stefan Spögler (Die Mitte) an.
Für die Rechnungsprüfungskommission (fünf Sitze inklusive Präsidium) bewerben sich sechs Personen. Die Bisherigen sind: Emilio Dorizzi (SVP) und Andreas Niederer (Die Mitte). Neu kandidieren Silvan Lipp (FDP, auch als Präsident), Timothy B. Passanah (Die Mitte), Tomasz Skraburski (parteilos) und Jürg Walder (parteilos). (dam)