«Ich hätte mir fast einen zweiten Kandidaten gewünscht»
Angehender Gemeindepräsident in Hittnau
Reto Huber (SVP) ist der einzige Kandidat für die Nachfolge von Gemeindepräsident Carlo Hächler (FDP) in Hittnau. Eine Situation, die ihm nur halb recht ist.
Wer durch Hittnau spaziert, kommt nicht auf die Idee, dass hier in rund einer Woche gewählt wird. Nirgends sind Plakate aufgestellt, auf denen in die Kamera lächelnde Politikerinnen und Politiker für sich werben. «Da es in den meisten Behörden so viele Kandidierende wie Sitze gibt, haben die Parteien sich darauf geeinigt, keine Plakate anzufertigen», sagt Reto Huber (SVP). Als einziger Kandidat für das Gemeindepräsidium blickt auch er ruhig dem Wahlsonntag entgegen. Fast zu ruhig nach seinem Geschmack.
«Einerseits ist es natürlich komfortabel, ohne Konkurrenz zu den Wahlen antreten zu können», sagt Huber. «Andererseits hätte ich mir einen zweiten Kandidaten gewünscht, um meiner Wahl die nötige Legitimation zu verleihen.» So bleibe stets die Frage offen: «Wäre ich auch sonst gewählt worden?»
Huber hat bei den Behördenwahlen 2022, als er in die Exekutive gewählt wurde, sogar mehr Stimmen als der aktuelle Gemeindepräsident Carlo Hächler (FDP) erhalten. «Wenn ich am 8. März in diesem Ranking vom Mittelfeld noch weiter aufsteigen könnte, wäre das natürlich schön fürs Ego», meint Huber schmunzelnd.
Digitalisierung vorantreiben
Der 52-Jährige ist gemäss offizieller Wahlliste «Vice President Digitalization and Projects» beim Kabelhersteller Huber+Suhner und verantwortet mit seinem Team die Umsetzung von Automatisierungs- und Digitalisierungsprojekten. Sein Schwerpunkt liegt auf der Produktentwicklung, der Produktion oder dem Supply Chain Management. Es können aber auch ökologische oder organisatorische Projekte sein. Zudem hat er auch schon übernommene Firmen in die Huber+Suhner integriert. «Dabei geht es auch um Menschen und ihre Ängste und Bedürfnisse.»
Mit diesen Welten muss er auch als Gemeindepräsident umgehen. «Gerade bei der Digitalisierung geht es auch viel um künstliche Intelligenz – da ist man bei der öffentlichen Hand natürlich eingeschränkt», sagt Huber. Trotzdem gebe es in Hittnau noch Luft nach oben in diesem Bereich.
Bisher hat er sein 100-Prozent-Pensum bei Huber+Suhner für sein Engagement im Gemeinderat nicht herunterschrauben müssen – trotz Arbeitsort am Hauptsitz in Herisau AR. «Doch das wird in Zukunft wohl unumgänglich werden.» Vorerst werde er mit unverändertem Pensum in die Legislatur starten und sich dann für eine sinnvolle Reduktion entscheiden.

Hätte er Wahlkampf führen müssen, dann wären «Klarheit, gegenseitiger Respekt und Verlässlichkeit» die Schlagworte seiner Kampagne gewesen. «Und ich will nicht ewig diskutieren müssen, sondern Taten sehen.» In diesem Punkt wird er sich an seinem Vorgänger Carlo Hächler orientieren. «Er hat in den letzten Jahren die Verwaltung erfolgreich reorganisiert und viel bewegt», lobt Huber. Und trotzdem: «Mein Stil wird wohl etwas kooperativer sein.»
Für die Gemeinde stehen weiterhin grosse Projekte an. Allen voran die Gestaltung des Luppmenareals, auf dem die Genossenschaft Alterswohnen Luppmenpark Neubauten mit Alterswohnungen plant. Die drei bestehenden, denkmalgeschützten Gebäude müssen saniert und der Park neu gestaltet werden, das Vorprojekt mit Nutzungsstrategie kommt im Juni an die Urne.
Doch auch die Planung der neuen Kindertagesstätte oder die räumliche Entwicklungsstrategie fordern viel Augenmerk. «Und nicht zuletzt die Gemeindefinanzen», sagt Huber, der in der aktuellen Legislatur für die Ressorts Finanzen und Soziales zuständig ist. «Der Wegfall des Eigenmietwerts wird unsere Gemeinde, in der wir eine hohe Eigenheimquote haben, stark treffen.»
Nur wenn die Bevölkerung eine Auswahl hat, kann sie auch wirklich wählen.
Reto Huber
Und doch, hätte Reto Huber einen Wunsch für Hittnau frei, wäre es folgender: «Ein aktives Einbringen der Bevölkerung in politische Themen und ein respektvoller Umgang, indem man auch andere Sichtweisen akzeptieren kann.» Alle anderen Themen würden sich von allein entwickeln.
Er ist kein Mann der grossen Töne, gibt zu, dass auch nach vier Jahren im Gemeinderat noch vieles eine grosse Herausforderung sei. Und doch kann er auch anders. Etwa wenn er auf einer Bühne steht. «Ich bin in zwei bis vier Chören aktiv – je nachdem, wo ich überall aushelfe.» Zudem ist er Co-Präsident des kantonalen Chorverbands, liebt es, Reisen zu planen, hört gerne Hörbücher und löst am liebsten Sudokus oder versucht sich an Escape Rooms. Vor 19 Jahren ist er mit seiner Frau von Winterthur nach Hittnau gezogen, der Sohn ist mittlerweile erwachsen.
Hätte er noch einen zweiten Wunsch frei, räumt er ein, würde er sich mehr Leute wünschen, die sich in Behördenämtern engagieren wollen. Denn obwohl nun zum zweiten Mal in Folge für den Gemeinderat und das Gemeindepräsidium keine Kampfwahlen anstehen, sieht er keinen Sinn darin, stille Wahlen in die Gemeindeordnung aufzunehmen. «Nur wenn die Bevölkerung eine Auswahl hat, kann sie auch wirklich wählen.»