Volketswil im Wahlkampf – ist das jetzt ein Aufstand?
Wütende Leserbriefe, viel Konkurrenz für die Bisherigen und ein Senkrechtstarter, der den langjährigen Gemeindepräsidenten herausfordert: In Volketswil ist der Ruf nach Veränderung gross. Vielleicht ist er aber auch nur laut.
Im Volketswiler Wahlkampf gehen die Emotionen hoch. Seit Wochen machen Leserbriefschreiber in der Dorfzeitung «Volketswiler Nachrichten» Stimmung gegen den amtierenden Gemeinderat, wobei vor allem Jean-Philippe Pinto (Die Mitte) im Fokus steht, der seit fast drei Jahrzehnten in der Volketswiler Regierung sitzt und seit neun Jahren Gemeindepräsident ist.
Nach anfänglichem Zögern hat sich mittlerweile auch das Abwehrdispositiv formiert und feuert zurück. Und so kritisieren die einen in den Leserbriefspalten, Pinto sei selbstzufrieden und blockiere wichtige Projekte in der Gemeinde, während die anderen dessen Sinn fürs Gemeinwohl und den Mut zu Veränderungen loben.
Die Gegner attestieren Pinto einen autoritären Führungsstil und machen mangelnde Kritikfähigkeit aus, die Befürworter heben seine Fähigkeit hervor, andere Meinungen zu integrieren und loben seine Dialogbereitschaft über Parteigrenzen hinweg. Hier ist Pinto schuld an der Stagnation, dort ist er ein Garant für Fortschritt und Wachstum.
Kein Gruppenkuscheln mehr
Ist Volketswil also hoffnungslos gespalten in zwei Parallelgemeinden? Tatsache ist: Der Wille zur Partizipation am politischen Geschehen ist gross, für die sechs Sitze im Gemeinderat bewerben sich nicht weniger als elf Kandidatinnen und Kandidaten. Kampfwahlen gibt es auch in die Schulpflege, die Sozialbehörde und die Rechnungs- und Geschäftsprüfungskommission.

Der laute Ruf nach Veränderung, der durch die Gemeinde hallt, ist dabei relativ neu. Obwohl es vor vier Jahren ebenfalls eine Kampfwahl in den Gemeinderat gab, war das Ganze damals – im Vergleich zu heute – das reinste Gruppenkuscheln.
Streitgespräch? Nein danke!
Während der Ton der Erneuerer zuweilen laut und ruppig ist, ist deren Speerspitze gegen das Althergebrachte deutlich weniger konfrontativ unterwegs: James Frei, Gewerbler, ehemaliger Präsident des Fussballklubs. Ohne Partei im Rücken konnte er vor einem Jahr die Ersatzwahl in den Gemeinderat deutlich für sich entscheiden. Und jetzt möchte er also das Präsidium.
Als Frei von dieser Redaktion zu einem Streitgespräch eingeladen wurde, sagte er dankend ab. Er wolle seine Kandidatur nicht im Rahmen einer öffentlichen Auseinandersetzung oder eines medial begleiteten Gegenüberstellens führen. «Eine solche Form des Austauschs erscheint mir derzeit nicht sinnvoll und nicht zielführend», so seine Begründung. Der kampferprobte Pinto, gestählt von 17 Jahren Kantonsrat, sagte zu.
Doch wie ist die Alltagsrealität in der Gemeinde jenseits der Kommentarspalten in der «VoNa»? Sind es nur ein paar wenige, dafür laute Stimmen, die einen tiefgreifenden Wandel einfordern, oder ist da tatsächlich so etwas wie eine kleine Revolution im Gange?
Mitbringsel für das Publikum
Spurensuche am Wahlpodium von vergangener Woche im «Wallberg». Die Tische im Foyer sind dicht belegt mit Flyern und Merchandising in eigener Sache. Auffällig viele Nastüechli-Packungen mit Werbebotschaft liegen herum. Daneben Kugelschreiber, Schoggiherzli, Pflästerli. Frei hat Feuerzeuge mit seinem Konterfei hingelegt. Pinto setzt auf orange Einkaufswagen-Entriegler, was ganz gut passt, trifft man ihn doch gerne beim Einkaufen an, wo sich leutselige Politiker mit den Kunden unterhält.

Mehr als 100 Interessierte sind an diesem Donnerstagabend in den Landgasthof gekommen, was gar nicht mal so schlecht ist in einer Gemeinde, in der sich vor vier Jahren nicht einmal 26 Prozent der Stimmberechtigten an die Wahlurne bemühten. Die Stimmung ist recht fröhlich.
Durchgeführt wird der Polit-Anlass vom örtlichen Industrie- und Gewerbeverein, aus dessen Vorstand auch schon Kritik an Pintos angeblicher «Politik des Zauderns» kam. Als diese Redaktion dem betreffenden Unternehmer vor einigen Wochen die Gelegenheit gab, die Sache direkt mit dem Gemeindepräsidenten in einem Streitgespräch auszudiskutieren, sagte dieser erst zu, und dann wieder ab. Er werde die kritischen Fragen direkt am Wahlpodium stellen, ein vorgängiges Streitgespräch wäre kontraproduktiv. Und Pinto? Er sagte auch hier sofort zu.
Es wird kurz spannend
Um es vorwegzunehmen: Wirklich kritische Fragen werden an diesem Donnerstagabend nicht gestellt. Die Ausgangslage mit zehn Personen auf der Bühne (eine Kandidatin hat sich entschuldigt) macht es von vornherein unmöglich, mehr als an der Oberfläche zu kratzen. Es ist naturgemäss hauptsächlich eine Vorstellungsrunde.
Auch der Ruf nach Veränderung erklingt in einem erwartbaren Mass, wenn irgendwo auf einem Podium neue Kandidaten auf bisherige Amtsträger treffen. Während die einen ihre Visionen und Forderungen unbefangen vorbringen und dabei auch mal an Substanz vermissen lassen, kontern die anderen mit Teilerfolgen, die sie im mühsamen politischen Abnutzungskampf erreicht haben wollen.



Nur einmal wird es kurz spannend. Als Herausforderer Dejan Malcic (SVP) zum wiederholten Mal pauschal einen Ausbau der Strassen verlangt, nimmt ihn Tiefbau- und Werkvorsteherin Karin Ayar (parteilos) in die Zange. Er solle doch mal einen konkreten, umsetzbaren Vorschlag bringen. Doch eine mögliche Diskussion wird gleich wieder abgewürgt – schliesslich befindet man sich in der Fragerunde, und das Publikum soll zum Zug kommen.
Ohne Pinto – geht das?
Vielleicht sagt am Ende ja nicht das am meisten aus, was die Kandidatinnen und Kandidaten sagen, sondern wie sie es tun. Und da könnten die Unterschiede zwischen den beiden Anwärtern aufs Präsidium nicht grösser sein. Frei steht wie die anderen Podiumsteilnehmer hinter einem Stehtisch. Er spricht ins Mikrofon und wirkt dabei so, als befände er sich in einem erweiterten Bekanntenkreis.
Pinto wiederum ist sichtlich angespannt, alles an ihm ist in Bewegung. Wenn er an der Reihe ist, tritt er ohne Mikrofon nach vorne an den Bühnenrand. Seine Stimme ist laut, die Gesten sitzen. Es scheint, als spreche er nicht nur zu den Leuten im Saal, sondern gleich zu ganz Volketswil.
Auch wenn am Ende mehr Fragen als Antworten bleiben, kann eines mit Sicherheit gesagt werden: Geschieht der Wechsel nicht am 8. März an der Urne, kommt es garantiert in vier Jahren dazu. So hat Pinto angekündigt: «Es werden meine letzten vier Jahre sein.»
Volketswil ohne Pinto? Irgendwie schwer vorstellbar.
Kandidaten für den Gemeinderat
Karin Ayar (parteilos, bisher)
Matthias Buob (FDP, neu)
Marcel Egloff (parteilos, bisher)
Sarah Fischer (parteilos, neu)
James Frei (parteilos, bisher), auch als Präsident (neu)
Michael Grüebler (Grüne, neu)
Michael Läubli (GLP, bisher)
Dejan Malcic (SVP, neu)
Ioana Mattle (GLP, bisher)
Sabrina Montilla-Ariano (parteilos, neu)
Jean-Philippe Pinto (Die Mitte, bisher), aus als Präsident (bisher)
RPK: Nichts wird mehr, wie es mal war
Mit dem Ja der Volketswiler Stimmberechtigten zur Einheitsgemeinde wird auch die Rechnungsprüfungskommission (RPK) neu strukturiert. Sie gibt neu zu allen Themen, über die die Stimmberechtigten entscheiden, eine Empfehlung ab – egal, ob es dabei um finanzielle Fragen geht oder nicht. Ausserdem kontrolliert sie, wie der Gemeinderat seine Arbeit erledigt, prüft abgeschlossene Geschäfte und nimmt den Geschäftsbericht unter die Lupe. Die RPK wird also von einer reinen Zahlenprüfungskommission zu einem politischen Aufsichtsorgan.
Karate statt Zahlen
Durch die Erneuerungswahlen am 8. März werden die Mitglieder dieser Kommission, die ab Juli tätig ist, bestimmt. Was auffällig ist: Alle bisherigen Mitglieder der RPK treten zurück. So auch der langjährige Präsident Michael Wyss (FDP). Und das, obwohl er die Neustrukturierung eigentlich befürwortet hat.
«Ich trete nach 14 Jahren in der RPK nicht mehr an, weil ich mich auf meine neu gegründete Einzelunternehmung und den Karatesport konzentrieren will», erklärt Wyss. Auch die anderen Mitglieder würden wegen persönlichen Gründen nicht mehr antreten, wegen Wegzügen zum Beispiel.
«Der Übergang wird klappen»
«Intern habe ich immer kommuniziert, dass ich die Umstrukturierung unterstütze, aber nicht als Mitglied zur Verfügung stehen werde», so Wyss. Deshalb hätten er und sein Team in den letzten Monaten die Übergabe an die neue Kommission vorbereitet. «Wir haben eine Geschäftsordnung aufgesetzt und uns dafür auch mit bestehenden GRP-Kommissionen aus anderen Gemeinden ausgetauscht. Das Gemeindeamt des Kantons Zürich hat uns dabei unterstützt und mittlerweile ebenfalls einen Leitfaden herausgegeben.»
Zudem werde er den neuen Mitgliedern bei der Übergabe zur Verfügung stehen, um die neuen Abläufe zu klären. «Es wird für sie sicher eine Findungsphase geben. Aber dank der Geschäftsordnung und dem Leitfaden wird der Übergang klappen.» (kof)