«Als Schulpräsidentin habe ich mich wohler gefühlt»
Wieso treten Sie nach nur einer Legislatur wieder zurück?
In erster Linie wünsche ich unserer Gemeinde, dass wieder Ruhe einkehrt. Mit mir an der Spitze würden die dauernden Angriffe von aussen weitergehen. Das will ich weder mir noch den Mitarbeitenden in der Verwaltung zumuten.
Haben Sie sich zum Gemeindepräsidium überreden lassen vor vier Jahren?
Vielleicht. Eigentlich wäre ich ja gerne Schulpräsidentin geblieben. Aber nach der Rücktrittswelle im Gemeinderat 2018 wurde ich von den bürgerlichen Parteien angefragt – und habe schliesslich nach langem Hin und Her ja gesagt. Aber ich habe mich als Gemeindepräsidentin nie so wohl gefühlt wie vorher als Schulpräsidentin.
Wie waren die letzten vier Jahre?
Es war eine schwierige Zeit, sehr belastend. Auch für mich persönlich. Wenn man am Morgen aufsteht und nicht weiss, was als Nächstes kommt, ist es nicht einfach. Aber wir hatten auch einen schwierigen Start. Schon vor unserer Amtszeit gab es viele Abgänge in der Verwaltung. Wir hatten gar nie die Zeit, als Behörde richtig zusammenzufinden.
«Das Misstrauen in der Bevölkerung ist noch immer spürbar»
12.03.2022

Die Wahlen in Bubikon werden spannend
Bubikon bekommt einen neuen Gemeindepräsidenten. Beitrag in Merkliste speichern Und trotzdem treten alle wieder an.
Wer jetzt mehr neue Behördenmitglieder fordert, der soll sich zur Wahl stellen. Ich bin enttäuscht, dass sich nicht mehr Kandidaten gemeldet haben.
Wo hat der Gemeinderat Fehler gemacht?
Am ehesten in der Kommunikation. Aber da haben wir uns verbessert. Wir informieren schneller nach den Gemeinderatssitzungen. Und wir haben Infoveranstaltungen gemacht, um die Bürgerinnen und Bürger besser zu informieren.
Welche Reaktionen gab es auf Ihre Ankündigung, Schulpräsidentin werden zu wollen?
Praktisch kein e . Es hätten alle Parteien genügend Zeit gehabt, einen Gegenkandidaten aufzustellen. Erst jetzt, zehn Tage vor den Wahlen, kommen Leserbriefe, die meine Kandidatur kritisieren.
Sie wünschen sich, dass Bubikon wieder zur Ruhe kommt. Wie soll das möglich sein, wenn Sie wieder im Gemeinderat sitzen als Schulpräsidentin?
Ich bin kein Machtmensch. Egal wer Gemeindepräsident wird, er wird den Gemeinderat und die Gemeinde so führen können, wie er es für richtig hält. Meine Aufgabe würde sich darauf beschränken, die Schule im Gemeinderat zu vertreten und vor allem, die Schulgemeinde zu führen.
Erneut unruhige vier Jahre
Bubikon kommt einfach nicht zur Ruhe. Auch in den letzten vier Jahren gab es erneut Konflikte mit dem Gemeindeschreiber und es kam zu vielen Personalwechseln in der Verwaltung, wie bereits in der vorangegangenen Legislatur unter dem alten Gemeinderat. Ehemalige Mitarbeiter und die Parteipräsidenten erhoben Vorwürfe. In der Folge trennte man sich vom Gemeindeschreiber. Zwar hat der Bezirksrat seine Untersuchung eingestellt, aber im Gemeinderat spürt man die Unzufriedenheit und das Misstrauen aus der Bevölkerung noch immer.
Das Misstrauen in der Bevölkerung ist immer noch gross. Das haben Sie jeweils an den Gemeindeversammlungen erlebt.
Ja, das stimmt. Es gab aber auch Rechnungs-Gemeindeversammlungen, die in 25 Minuten vorbei waren. Je nach Traktandum wurde aber die Stimmung jeweils sehr emotional. Da hat man das Misstrauen deutlich gespürt.
Und wie wollen Sie das Vertrauen wieder zurückgewinnen?
Indem ich einen guten Job als Schulpräsidentin mache.
Jetzt gibt es auch Kritik an Ihrer früheren Arbeit als Schulpräsidentin. Wie ist das für Sie?
Es gab in all den Jahren nie kritische Stimmen. Wir waren in meiner Amtszeit sehr erfolgreich in der Schule. Die Kritik, die jetzt laut wird, ist nicht ganz fair. Natürlich hatten wir ein Defizit, aber wir mussten Vorgaben vom Volksschulamt erfüllen, mit steigenden Schülerzahlen umgehen, neue n Schulraum sowie Gruppenräume schaffen. Und demzufolge brauchte es auch Investitionen.
Worauf sind Sie stolz aus Ihrer Amtszeit als Gemeindepräsidentin?
Ich habe einiges ins Leben gerufen, zum Beispiel meine Bürgersprechstunde und den Weihnachtsapéro, der immer gut besucht wurde. Für die Vereine habe ich gemeinsam mit zwei Ratskollegen ein neues Konzept zur Jugendförderung erarbeitet. Aber wir haben auch die Finanzen wieder in den Griff bekommen. Die Gemeinde war schwer verschuldet, als wir sie damals übernahmen. Uns ist es aber jetzt gelungen, die Verschuldung abzubauen. Alleine im Jahr 2021 konnte die Nettoschuld pro Einwohner um mehr als ein Drittel reduziert werden.
«Vor unserer Amtszeit hat Bubikon über seine Verhältnisse gelebt»
Andrea Keller
Aber nur mit höheren Steuern und rigiden Sparrunden.
Natürlich, aber vor unserer Amtszeit hat Bubikon einfach über seine Verhältnisse gelebt. Jedes Jahr wurden Finanzlöcher in Millionenhöhe gestopft, indem einfach Fremdkapital aufgenommen wurde. Man hatte zwar einen tiefen Steuerfuss, aber dafür kein Geld. Man hätte nie unter einen Steuerfuss von 112 Prozent gehen dürfen.
Muss sich die Bevölkerung auf erneute Steuererhöhungen gefasst machen?
Es wird nicht ohne gehen. Für den jetzigen Investitionsstau ist nicht die Schule verantwortlich, wie behauptet wird, sondern die politische Gemeinde, die ihre Aufgaben nicht gemacht hatte. Und das baden wir nun aus. Rückblickend hätten wir als Schulgemeinde damals mehr insistieren müssen, als der Steuerfuss immer weiter gesenkt wurde. Wir wussten ja, dass Projekte anstehen. Das ist ein Vorwurf, den man mir zu meiner Funktion als frühere Schulpräsidentin machen kann.
Was haben Sie in den letzten vier Jahren als Gemeindepräsidentin gemacht, um das zu ändern?
Unser Schwerpunkt war, die Schulden zu reduzieren. Dazu braucht es Ertragsüberschüsse und die haben wir erzielt. Zudem haben wir eine Studie zu den Liegenschaften in Auftrag gegeben, um die fehlende Infrastruktur in der Schule aufzuzeigen. Da kommt einiges auf uns zu. Aber es sind die Stimmberechtigen, die sagen was ihnen wieviel wert ist und wann gebaut werden kann.
Was für ein Wahlresultat erwarten Sie?
Bis jetzt habe ich immer sehr gut abgeschnitten. Das wird wohl nicht mehr der Fall sein.
Treten Sie noch einmal an, wenn Sie in einen zweiten Wahlgang müssten?
Ich weiss es nicht. Vom Herz en her schon, weil ich gerne wieder für die Schule tätig sein würde. Die persönlichen Angriffe belasten mich aber schon, irgendwann ist die Schmerzgrenze erreicht.
