«Das Misstrauen in der Bevölkerung ist noch immer spürbar»
Hans-Christian Angele: Sie kamen 2021 in einer Ersatzwahl in den Gemeinderat und wollten frischen Wind ins Gremium bringen. Ist Ihnen das gelungen?
Angele: Ich denke schon. In den letzten Jahren war die Gemeinde vor allem mit internen Problemen beschäftigt und es blieb einiges auf der Strecke. Die Gemeinde hat sich kaum entwickelt in dieser Zeit. Immerhin konnten wir nun die Revision der Bau- und Zonenordnung und die Aktualisierung der Energieplanung starten. Das sind wichtige Projekte, um der Gemeinde Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
Thomas Illi: Sie können bereits auf eine vollständige Legislatur als Finanzvorstand zurückblicken. Ihre Bilanz?
Illi: Es ist uns sicher gelungen in den letzten Jahren, die Finanzen zu stabilisieren, nach schlimmen Jahren mit Millionenverlusten. In den vergangenen vier Jahren konnten wir aber jedes Mal einen positiven Abschluss präsentieren. Wir haben massiv Schulden abgebaut. Aber es kommen auch wieder grosse Investitionen auf uns zu.
Erneut unruhige vier Jahre
Bubikon kommt einfach nicht zur Ruhe. Auch in den letzten vier Jahren gab es erneut Konflikte mit dem Gemeindeschreiber und zu vielen Personalwechseln in der Verwaltung. Ehemalige Mitarbeiter und die Parteipräsidenten erhoben Vorwürfe. In der Folge trennte man sich vom Gemeindeschreiber. Zwar hat der Bezirksrat seine Untersuchung eingestellt, aber im Gemeinderat spürt man die Unzufriedenheit und das Misstrauen aus der Bevölkerung noch immer. Dies bestätigen auch die beiden Kandidaten für die Nachfolge von Präsidentin Andrea Keller (parteilos).
Die positiven Abschlüsse sind aber vor allem dank einer ordentlichen Steuererhöhung und rigiden Sparmassnahmen zustande gekommen.
Illi: Ja, aber Bubikon kann leider kein Steuerparadies sein. Aber wir mussten im ersten Corona-Sommer tatsächlich ein massives Sparprogramm lancieren. Nun müssen wir verhindern, dass wir in einen Investitionsstau geraten.
Angele: Das ist ein wichtiger Punkt: Die guten Abschlüsse sind vor allem darauf zurückzuführen, dass man Investitionen hinausgeschoben hat. Und die Steuerbelastung ist jetzt an der oberen Grenze.
Illi: Für die Bevölkerung gibt es wichtigere Faktoren als die Steuern, zum Beispiel gute Schulen, Einkaufsmöglichkeiten, intakte Natur und ein funktionierendes Vereins- und Dorfleben.
Angele: Lebensqualität braucht aber auch Investitionen. Die Menschen brauchen Entwicklungsmöglichkeiten. Im Moment kommt kaum Bauland auf den Markt und auch gewisse Gewerbebetriebe stossen an Grenzen. Unsere Wasserversorgung ist in die Jahre gekommen und die Abwasserreinigungsanlagen müssen mittelfristig erneuert werden. Auch Werkhof und Schulgebäude brauchen Renovationen.
Illi: Gerade bei Investitionen und Kosten ist es wichtig, dass wir dem Volk sagen, wie hoch der Preis ist für Infrastrukturvorhaben jeglicher Art. Es gibt nichts gratis. Und dann kann die Bevölkerung entscheiden.
Es ist gar nie so schlimm gewesen, wie es in den Medien dargestellt worden ist.
Thomas Illi (EVP)Der Gemeinderat hat eine Wagenburg-Mentalität entwickelt, die die Bevölkerung nicht goutiert hat.
Hans-Christian Angele (FDP)
Wie ist die Stimmung heute im Gemeinderat und in der Verwaltung?
Angele: Seit der neue Gemeindeschreiber im Amt ist, hat sich die Lage in der Verwaltung sicher beruhigt. Aber in der Bevölkerung spüre ich noch immer ein gewisses Misstrauen.
Illi: Es ist aber gar nie so schlimm gewesen, wie es in den Medien dargestellt worden ist. In der Verwaltung war die Stimmung nie so schlecht, wie man hätte meinen können. Die Untersuchung des Bezirksrats hat ja auch gezeigt, dass da gar nichts gewesen ist.
Angele: Ich war ja damals noch nicht im Gemeinderat. Und wenn man das von aussen erlebt hat, muss man sagen: Die Zustände waren wirklich unhaltbar. Der Gemeinderat hat dann eine Wagenburg-Mentalität entwickelt, die die Bevölkerung nicht goutiert hat.
Was unternehmen Sie, um das Vertrauen wieder zurückzugewinnen?
Illi: Kommunikativ haben wir sicher einiges gelernt und wir arbeiten daran im Gemeinderat. Ich wünschte mir aber, dass das auch die Bevölkerung tut. Wenn das kritische Engagement sich auch in einer positiven und konstruktiven Mitarbeit zeigen würde, wäre das sehr erfreulich.
Angele: Begrüssenswert wäre aus meiner Sicht, wenn jetzt auch neue Kräfte in den Gemeinderat gewählt würden, damit nicht wieder die gleiche Gruppe weiterarbeitet wie bisher. Neue Köpfe würden eine neue Dynamik bringen. Ich persönlich finde es auch nicht so gut, dass Andrea Keller im Gemeinderat bleiben will. Das erschwert die Ausgangslage für den neuen Gemeinderat.
Illi: Vor vier Jahren waren wir alle neu im Gemeinderat. Und als erstes haben uns die Stimmberechtigten das Budget verweigert. Es ist also auch nicht immer gut, wenn zu viele neue Köpfe in einem Gremium sind.
Bubikon weist Budget zurück
05.12.2018

Gemeindeversammlung
389 Stimmberechtigte hatten sich für die Gemeindeversammlung Bubikon am Mittwochabend eingefunden Beitrag in Merkliste speichern Wie wollen Sie denn die Bevölkerung mehr einbinden?
Angele: Wir werden nach der Konstituierung des neuen Gemeinderats eine Strategieentwicklung unter Einbezug der Bevölkerung an die Hand nehmen. Dort wollen wir Wünsche und Anliegen abholen und gemeinsam den Weg definieren, wie sich Bubikon langfristig entwickeln soll. Das wurde in der letzten Zeit vernachlässigt.
Illi: Man darf aber auch nicht vergessen, dass all die Verfahren und Diskussionen im Zusammenhang mit den Problemen in der Gemeindeverwaltung sehr viel Zeit beansprucht haben. Es war eine permanente Krisenbewältigung.
Wie soll sich Bubikon entwickeln? Durch Wachstum?
Illi: Es ist schon vieles passiert in den letzten Jahren und Jahrzehnten, vor allem, seit wir Teil der S-Bahn sind. Als ich Anfang der 90er-Jahr nach Bubikon gezogen bin, war es ein landwirtschaftlich geprägtes Dorf mit einigen Gewerbebetrieben. Und das hat sich schon sehr geändert. Ich würde mir aber wünschen, dass die beiden Dörfer Bubikon und Wolfhausen mental mehr zusammenwachsen.
Angele: Natürlich ist Wachstum wichtig, aber wir müssen definieren, welches Wachstum wir wollen. Stillstand ist selten gut. Und die zwei Dörfer sind auch eine Besonderheit der Gemeinde. Man darf aber nicht meinen, dass man immer dasselbe machen muss in beiden Dörfern, vor allem nicht, wenn es um öffentliche Infrastrukturen geht.
Wo liegen Ihre Stärken?
Illi: Ich kann eine grosse Erfahrung vorweisen in Behörden und Ämtern. Ich weiss, wie man Koalitionen schmiedet und Kompromisse sucht. Ich gebe mich als Journalist auch nicht mit vorschnellen Aussagen zufrieden, sondern hinterfrage die Sache. Prägend für mich ist auch meine militärische Führungserfahrung. Man kann nicht nur befehlen, man muss die Leute auch abholen. Das ist auch heute für mich noch wichtig.
Angele: Ich bringe eine langjährige Erfahrung als Führungskraft in Wirtschaft und Verbänden ein. Ich bin mich gewohnt, auch mit gegensätzlichen Interessen umzugehen. Daher möchte ich einen Gemeinderat, in dem diskutiert und um die bestmögliche Lösung gerungen wird, der aber dann auch zum Entscheid steht und diesen vertreten kann. Heute wird im Gemeinderat selten wirklich diskutiert. Und in der Verwaltung würde etwas mehr wirtschaftliches Denken nicht schaden: Wie führt man Prozesse effizient? Wie kommuniziert man? Wie behandelt man die Kunden? Auch die Zusammenarbeit in der Verwaltung zwischen den verschiedenen Abteilungen muss verbessert werden.
Was können Sie den Einwohnern versprechen?
Illi: Ich bin kein Fan von grossen Wahlversprechen. Aber ich möchte sicher zusammen mit dem Gemeinderat den angestrebten Strategieprozess in Gang setzen, damit wir in Bubikon gemeinsam vorwärtskommen.
Angele: Etwas, was wir sicher in den nächsten vier Jahren erreichen können ist, die Gemeinde Bubikon und die Verwaltung wieder zu einem Dienstleistungsbetrieb zu entwickeln. Das kann noch besser werden.
Thomas Illi (EVP)
1957 in Horgen geboren, in Wolfhausen wohnhaft seit 1994.
verheiratet, zwei erwachsene Söhne
Journalist BR / Geschäftsführer
Finanzvorstand/Vizepräsident im Gemeinderat Bubikon seit 2018
Hans-Christian Angele (FDP)
1957 in Horgen geboren, in Bubikon wohnhaft seit 1992
verheiratet, zwei erwachsene Töchter
Dipl. Ing.-Agr. ETH / Executive MBA HSG
Gemeinderat in Bubikon seit 2021, Vorsteher Ressort Hochbau und Planung
