Greifensees Gemeindepräsidentin: «Wenn sich Türen öffnen, muss man hindurchgehen»
Die Karriereleiter hinauf
Monika Keller kandidiert gleich für zwei Ämter: das Präsidium des Zürcher Gemeindepräsidentenverbands und einen Platz auf dem FDP-Ticket für die Regierungsratswahlen 2027.
Gleich auf zwei politischen Bühnen könnte Monika Keller in den kommenden Wochen eine neue Rolle spielen. Die Gemeindepräsidentin von Greifensee bewirbt sich einerseits um einen Platz auf dem FDP-Ticket für die Zürcher Regierungsratswahlen 2027.
Andererseits wurde sie vom Leitenden Ausschuss des Gemeindepräsidentenverbands des Kantons Zürich (GPV) als Nachfolgerin von Jörg Kündig (FDP) empfohlen, der im März in Gossau nicht wiedergewählt worden war. Somit würde Keller Präsidentin des GPV werden. Über beide Kandidaturen, die sich gegenseitig ausschliessen, wird noch vor den Sommerferien entschieden.
Die 57-jährige FDP-Politikerin ist seit zwölf Jahren Gemeindepräsidentin von Greifensee. Zuvor war die promovierte ETH-Biologin vier Jahre lang als Gemeinderätin für das Ressort Sicherheit und Gesundheit verantwortlich.
Zudem vertritt sie seit 2023 den Bezirk Uster im Kantonsrat. Neben ihren politischen Engagements arbeitet sie beruflich als Konfliktberaterin an der ETH. Im Gespräch erklärt Keller, ob sie ihre politische Zukunft eher in den Gemeinden oder in der Kantonsregierung sieht.
Frau Keller, Sie öffnen gleich zwei neue Türen: Sie haben sich als Regierungratskandidatin aufstellen lassen, fast zeitgleich wurden sie auch als Präsidentin des GPV vorgeschlagen. Warum diese zwei Optionen?
Monika Keller: Die beiden Kandidaturen sind tatsächlich fast gleichzeitig entstanden. Im Frühling wurde klar, dass das Präsidium des Gemeindepräsidentenverbands frei wird. Mir war damals schon bewusst, dass ich mich beruflich verändern möchte: Meine Kinder sind ausgezogen, und ich habe diverse Weiterbildungen abgeschlossen. Das ist ein guter Zeitpunkt, den Horizont beruflich zu erweitern. Das Amt hat mich gereizt, weil ich meine langjährige Erfahrung als Gemeindepräsidentin auf kantonaler Ebene einbringen könnte. Deshalb habe ich meinen Hut in den Ring geworfen.
Trotzdem wollen Sie jetzt auch in den Regierungsrat?
Die Diskussion um den Regierungsrat kam etwas später auf. Als sich abzeichnete, dass die FDP möglicherweise nur mit einer Kandidatur antreten will, fand ich, dass die Delegierten eine Auswahl haben sollten. Für mich war wichtig, dass sich darunter auch mindestens eine Frau befindet. Schliesslich tritt mit Carmen Walker Späh eine Regierungsrätin zurück, und die FDP hat ihren Delegierten bisher immer auch Frauen auf die Shortlist gesetzt.
Am 23. Juni entscheiden die Delegierten ja erst, ob es überhaupt ein Zweierticket geben wird. Wie hoch sind Ihre Chancen? Und was würde eine Nomination für das GPV-Präsidium bedeuten?
Ich sehe meine Chancen als intakt. Über das Ticket entscheiden letztlich die Delegierten. Negative Auswirkungen auf die Kandidatur für das GPV-Präsidium sehe ich keine. Es war mir wichtig, dass ich meine zweite Kandidatur für den Regierungsrat im GPV offengelegt habe und wir das transparent diskutieren konnten.
Am 3. Juli folgt die Wahl fürs GPV-Präsidium. Könnte es passieren, dass Sie beides erreichen – und im GPV schon nach wenigen Monaten das Präsidium neu besetzt werden müsste?
Dieses Szenario haben wir tatsächlich bereits besprochen. Es gibt im GPV auch zwei Vizepräsidien, die dann einspringen könnten. Wenn beide Türen gleichzeitig aufgingen, würden wir die Verantwortung entsprechend organisieren. Natürlich wäre es schöner gewesen, wenn diese Optionen zeitlich gestaffelter gekommen wären, aber das lässt sich nicht steuern. Wenn sich Türen öffnen, muss man hindurchgehen. Irgendwann muss man ernten, wenn die Möglichkeiten reif sind.
Wenn Sie morgen Regierungsrätin wären: Für welche Bereiche würden Sie sich im Regierungsrat starkmachen?
Ein grosses Thema ist für mich der demografische Wandel. Was bedeutet es für unsere Altersvorsorge, unser Gesundheitswesen oder den Arbeitsmarkt, wenn die Geburtenraten sinken und die Bevölkerung eines Tages nicht mehr wächst, sondern schrumpft? Das ist eine Herausforderung, die viele Bereiche gleichzeitig betrifft und bereits heute mitgedacht werden sollte – etwa bei Investitionen in Schulhäuser. Ein zweites Thema ist die Digitalisierung: Künstliche Intelligenz wird unsere Gesellschaft und die Verwaltung stark verändern. Es stellt sich auch die Frage nach der Datensouveränität, also nach Abhängigkeiten von grossen Technologieanbietern. Hier müssen wir frühzeitig Antworten finden. Und schliesslich beschäftigt mich das Thema Sicherheit. Zu wenig Beachtung erhalten für mich insbesondere die Auswirkungen häuslicher Gewalt auf Kinder. Dort entstehen oft langfristige Folgen – für die Betroffenen, aber auch für Schule, Gesundheitswesen und Gesellschaft. Prävention und frühzeitige Unterstützung sind deshalb zentral.

Sie stammen aus einer Familie mit politischer Tradition. Ihr Urgrossvater war Nationalrat, Ihr Grossvater Gemeindepräsident. War Ihr Weg in die Politik vorgezeichnet?
Ein Stück weit schon. Mein Vater war zwar politisch nicht aktiv, aber wir haben zu Hause oft diskutiert. Ich bin in einer Metzgerei und damit in einem unternehmerischen Umfeld gross geworden. Die liberale Haltung war mir deshalb immer nahe. Ich glaube, dass man Menschen eher überzeugen als bevormunden sollte. Wenn man wegen weniger Ausnahmen immer neue Regeln schafft, belastet man oft die grosse Mehrheit unnötig. Diese Grundwerte haben mich schliesslich zur FDP geführt. Als junge Mutter wurde ich 2010 in den Gemeinderat gewählt. Das war für mich eine Chance, um Führungsqualitäten zu erlangen und meine Projektmanagement-Erfahrung auf einer strategischen Ebene aufzubauen.
Was würde es für Sie bedeuten, das Amt als Gemeindepräsidentin niederzulegen, wenn Sie Regierungsrätin würden?
Das ginge natürlich nur mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Eines lacht, weil ich es spannend finde, auf der kantonalen Stufe dieses Exekutivamt ausführen zu dürfen. Das weinende würde all das betrauern, was ich heute hier habe. Ich bin hier schon sehr verankert und gerne Gemeindepräsidentin. Ich litte sicher an Abschiedsschmerzen. Aber ich werde ja weiterhin in Greifensee wohnen.
Als Präsidentin des Gemeindepräsidentenverbands hingegen führten Sie weiterhin das Amt als Gemeindepräsidentin aus. Was reizt Sie daran, Präsidentin des GPV zu werden?
Man ist viel im Austausch – mit Gemeinden, mit der kantonalen Verwaltung und mit verschiedenen Interessengruppen. Es geht darum, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und im Dialog zu bleiben. Man hat keine direkte Entscheidungsmacht im klassischen Sinn, sondern eher eine vermittelnde Rolle, kann aber Anliegen der Gemeinden einbringen und Einfluss nehmen. Schliesslich sind die Gemeinden die Basis unseres föderalen Systems. Genau diese Arbeit im Hintergrund reizt mich sehr. Man erhält einen sehr guten Überblick über das Zusammenspiel zwischen Gemeinden und Kanton. Zudem haben die Einschätzungen des GPV jeweils ziemlich viel Gewicht.
Wenn Sie in einem Jahr zurückblicken, woran würden Sie merken, dass sich einer dieser Schritte gelohnt hat?
Für mich hat es sich bereits gelohnt, wenn ich in einem Jahr sagen kann, dass ich etwas gelernt habe. Oft weiss man am Anfang gar nicht, was eine neue Aufgabe alles mit sich bringt. Genau das finde ich spannend. Ob im GPV oder in einem Wahlkampf: Beides wären Erfahrungen, an denen ich wachsen könnte.
Haben Sie neben der Politik auch kleine Pausen, die Sie geniessen können?
Als Gemeindepräsidentin wird man überall angesprochen – sei es am Wochenmarkt, wo ich mich im Vorstand engagiere und manchmal selbst Kaffee ausschenke, oder beim Einkaufen. Die Leute kommen mit ihren Anliegen auf mich zu. Das ist Teil des Amts. Ich versuche, mir bewusst kleine Inseln im Alltag zu schaffen und am Wochenende auch einmal wegzugehen. Wenn es möglich ist, gehe ich wandern oder schwimmen, mache Yoga und Krafttraining. Ganz trennen lässt sich das Privatleben vom Amt allerdings nicht.
Wofür soll man Monika Keller in zehn Jahren im Kanton Zürich in Erinnerung haben?
Ich möchte als jemand in Erinnerung bleiben, die den Dialog gesucht und mehrheitsfähige Lösungen ermöglicht hat. Viele Herausforderungen lassen sich heute nicht mehr innerhalb einzelner Direktionen lösen. Es braucht Zusammenarbeit über Departementsgrenzen hinweg, einen guten Teamgeist und langfristige Lösungen, damit der Kanton Zürich weiterhin prosperieren kann. Gleichzeitig sollen sich die Menschen abgeholt und ernst genommen fühlen.
Wer kandidiert für das FDP-Regierungsratsticket?
An der Delegiertenversammlung vom 23. Juni entscheidet die FDP Kanton Zürich zunächst, ob sie mit einer oder zwei Kandidaturen in die Regierungsratswahlen 2027 steigen will.
Neben Monika Keller stellen sich auch der in Gossau aufgewachsene Nationalrat Andri Silberschmidt, Kantonsrat Martin Huber sowie der ehemalige Stadtzürcher Gemeinderat Frank Rühli zur Verfügung. (eru)
