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Erneuerungswahlen

Wahlpodium: Kanti-Schüler nehmen Ustermer Stadtrat in die Mangel

Am Freitag stellten sich sowohl der aktuelle Stadtrat als auch zwei neue Kandidaten den Fragen der Fünftklässler. Dabei wurde auch zu unkonventionellen Mitteln gegriffen.

Die Stadtratskandidaten stellen sich den Fragen der Schülerinnen und Schüler (v.l.n.r.: Karin Fehr, Stefan Feldmann, Barbara Thalmann, Moderator Can, Beatrice Caviezel, Daniel Frei, Moderator Davide, Petra Bättig und Richard Sägesser).

Foto: Letizia Vecchio

Wahlpodium: Kanti-Schüler nehmen Ustermer Stadtrat in die Mangel

Am Freitag stellten sich sowohl aktuelle Stadtratsmitglieder als auch zwei neue Kandidaten den Fragen der Fünftklässler der Kantonsschule Uster. Dabei wurde auch zu unkonventionellen Mitteln gegriffen.

Die Aula der Kantonsschule Uster ist fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Geräuschpegel an diesem Freitagvormittag so, wie man es inmitten einer grossen Menge voller Jugendlicher erwarten würde.

Auf der Bühne sind mehrere Stehtische mit Namensschilder derer positioniert, die sich in den folgenden zwei Stunden den Fragen der Schülerinnen und Schüler, allen voran der beiden Moderatoren Can und Davide, stellen werden.

Die Anwesenden: Fast der gesamte amtierende Ustermer Stadtrat, darunter Präsidentin Barbara Thalmann (SP), Petra Bättig (FDP), Beatrice Caviezel (GLP), Karin Fehr (Grüne) und Stefan Feldmann (SP).

Auch die zwei Kandidaten, die sich neu zur Wahl stellen, haben den Weg ins Schulhaus gefunden: Richard Sägesser von der FDP sowie Ex-Nationalrat Daniel Frei von der GLP.

Als kleines Warm-up sollen sich die Kandidierenden kurz vorstellen und dabei möglichst viel Persönliches, weniger Politisches von sich preisgeben – so zumindest die Anweisung der Moderatoren Can und Davide.

Doch in der Realität schaffen es die meisten nicht, ihre politische Agenda bei den Antworten auszuklammern. Ein paar interessante Details kommen aber dennoch ans Licht.

So gibt Petra Bättig preis, am liebsten Falafel zu mögen – Newcomer Daniel Frei lebt mit seiner Frau, der GLP-Gemeinderätin und Kantonsrätin Claudia Frei sowie den fünf Kindern in einer Patchworkfamilie. Karin Fehr begann mit 48 Jahren Fussball zu spielen und skandiert «FC Bauma!» – die Sympathien der Schülerinnen und Schüler im Saal sind ihr nach diesem Aufruf gewiss.

Mehr Einheit als Kontroverse

Dann geht es ans Eingemachte: Die Kandidierenden sollen sich je nach ihrer politischen Ausrichtung auf der Bühne positionieren – ganz links bedeutet «nein», ganz rechts ein klares «ja» zu einem bestimmten Thema. Die erste Frage: «Sollte man auf kommunaler Ebene das Mindestalter der Wahlberechtigten auf 16 Jahre absenken?»

Fast alle Kandidaten – bis auf Newcomer Nummer 2, Richard Sägesser, positionieren sich auf der rechten, also auf der «Ja»-Seite. Sägesser sagt zu seiner Verteidigung: «Wir können ja nicht alle derselben Meinung sein.» Und führt weiter aus: «Ich bin der Meinung, dass zur Wahlberechtigung auch gehört, dass man in einer Gemeinde Steuern zahlt.»

Anders sehen es seine Mitbewerber, besonders die Grüne Karin Fehr gibt sich hier kämpferisch: «Wenn es nach mir ginge, könntet ihr auch schon auf kantonaler und nationaler Ebene abstimmen.»

Statistiken würden zeigen, dass vor allem ältere Menschen ihr Wahlrecht wahrnehmen. «Wollt ihr etwa die alten weissen Männer über eure Zukunft entscheiden lassen?» fragt sie die Schülerinnen und Schüler. Im Saal brandet Applaus auf.

SP-Stadtrat Stefan Feldmann geht sogar noch ein Stück weiter: «Ich bin dafür, dass man auch ausländischen Mitbürgern ab einer gewissen Aufenthaltsdauer das kommunale Wahlrecht geben sollte – denn sie leben ja schliesslich auch hier.»

Es geht um steigende Mieten und hohe Steuern

Bei Frage Nummer 2: «Sollte das Zentrum von Uster autofrei werden?» positionieren sich die Kandidierenden wenig überraschend alle auf der Ja-Seite – schliesslich plant der Ustermer Stadtrat seit geraumer Zeit ein entsprechendes Konzept. Besonders Stadtratspräsidentin Thalmann wünscht sich ein «Feeling» innerhalb der Stadt, das mehr zum Verweilen einlädt.

Immer wieder weichen die Moderatoren ein wenig vom Protokoll ab und stellen provokante Fragen: «Was verdient man eigentlich als Stadtrat?» oder«Ist die GLP nicht nur ein Abklatsch der FDP»? Die Antworten kommen von Petra Bättig («Bei einem 40 Prozent-Pensum etwa 76’000 Franken») und Daniel Frei («Nein, sind wir nicht).»

Nach einer kurzen Pause, in der die Schülerinnen und Schüler den Kandidierenden ihre eigenen Fragen stellen können, geht es mit der «klassischen» Podiumsdiskussion weiter: Steigende Mieten und vergleichsweise hohe Gemeindesteuern in Uster werden mal mehr, mal weniger kontrovers diskutiert.

Immer wieder offenbart der neu kandidierende Sägesser dabei seine wirtschaftsliberalen Seite – so zeigt er sich skeptisch gegenüber der Frage, ob die Stadt Bauland an Genossenschaften verkaufen sollte, um günstigen Wohnraum zu schaffen. Mehr als einmal betont er den Wert der Eigenverantwortung. «Wir leben in einer Zeit, in der der Ruf nach dem Staat immer lauter wird. Ich finde das beängstigend.»

Daniel Frei dagegen gibt sich als der Vermittler zwischen linkem umd bürgerlichem Lager: «Der Markt allein regelt die Wohnungsnot nicht, aber eine Überregulierung wie beispielsweise in Basel wäre aber ebenfalls fatal.»

Der Sitz von Cla Famos wird frei

Am Ende sind es auch diese zwei, denen als neue Kandidierende nochmal das Wort erteilt wird. «Warum wollen Sie als Stadtrat antreten?», ist die Abschlussfrage der Moderatoren Cem und Davide, die mit viel Witz und Eloquenz durch den Anlass geführt haben.

Frei und Sägesser sind sich einig: «Eine Stadt wie Uster sollte eine echte Wahl haben.» Konkret bedeutet dies: Die beiden Kandidaten kämpfen um den Platz, der durch den Nicht-Wiederantritt von Cla Famos (FDP) frei wird.

Frei, der zwischen 2018 und 2019 im Nationalrat sass, betont, wie wichtig Kommunalpolitik sei: «In grossen Parlamenten gibt es viel Blabla, auf kommunaler Ebene kann man wirklich etwas bewegen.» Uster sei polarisiert, von der SVP, die an diesem Anlass gar nicht vertreten ist, käme im Parlament viel Gegenwind.

Es folgt ein Loblied auf die schweizerischste aller Eigenschaften: «Die Fähigkeit zum Kompromiss hat unser Land erst so erfolgreich gemacht. Dafür stehe ich. »

Sägesser betont zum Abschluss seinen Gestaltungswillen: «Ich möchte Lösungen für Uster suchen, die tragfähig sind. Darum will ich in die Exekutive.»

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