Hinwiler erhalten mehr Hilfe im Seniorenalter
Eine Altersstrategie – und eine vergessene Gruppe
Nach 30 Jahren hat Hinwil nun eine neue Altersstrategie. Doch die Senioren plagen aktuell Hürden auf ihren Wegen.
1994 hat Hinwil ein Altersleitbild erhalten. Seither hat sich die Gemeinde aber massiv verändert. Die Altersstruktur gehört dazu. Anfang der 1990er Jahre war erst jede achte Person in Hinwil über 65 Jahre alt. Heute hat bereits jede fünfte diese Schwelle überschritten.
Da die Leute immer älter werden, wächst der Bedarf für die Langzeitpflege. Das alles kostet. Wie in der am Donnerstag vor rund 80 Besuchern vorgestellten neuen Altersstrategie zu lesen ist, rechnet der Gemeinderat mit einem Anstieg auf rund 11 Millionen Franken bis ins Jahr 2050. Das entspräche rund 30 Prozent der Steuereinnahmen der natürlichen Personen. Heute liegt dieser Satz mit 18 Prozent noch deutlich tiefer.
Grosser Beratungsbedarf
Mit der neuen Altersstrategie will der Gemeinderat dafür sorgen, dass es nicht so weit kommt. Und er setzt dabei auf die vielen älteren Menschen, die sich noch aktiv engagieren. Mit einer Umfrage und an einem Mitwirkungsanlass vor einem knappen Jahr wollte die Gemeinde von den Senioren wissen, wo sie der Schuh drückt.

Dabei wurden sechs Bereiche ausgemacht. Herta Huber (FDP), Ressortvorsteherin Gesundheit und Umwelt, präsentierte die Massnahmen. Der grösste Handlungsbedarf besteht im Informations- und Beratungsbereich. «Wir wollen eine zentrale Stelle als Drehscheibe für Dienstleistungen aufbauen», hielt sie fest. Dort sollen Ältere und deren Angehörige Fragen rund ums Alter schnell und unkompliziert klären können. Diese Stelle sei bereits «in der Pipeline».
Ausserdem soll der «Wegweiser 60+» jährlich aktualisiert werden. In sogenannten «Dorfspaziergängen» in den einzelnen Quartieren will der Gemeinderat von den Senioren erfahren, welche Verbesserungsmöglichkeiten es gibt, um den öffentlichen Raum altersfreundlich zu gestalten. Dazu gehören laut Huber auch die schon laufenden Verkehrsberuhigungen. Die öffentlichen sanitären Anlagen sollen ausgebaut und zusätzliche Sitzbänke aufgestellt werden.
Trottoirabsätze geben zu reden
Und dann ist da noch das «Absatz»-Problem. Wer mit Rollatoren oder dem Rollstuhl unterwegs ist, hat insbesondere seit der Strassensanierung im Dorfzentrum Mühe, die höheren Trottoirkanten bei den Fussgängerstreifen zu bewältigen. Eine Besucherin des Informationsanlasses regte sich darüber auf, dass sie bei der Beratungsstelle der Behindertenkonferenz statt Unterstützung nur fragwürdige Ratschläge erhielt. Sie solle doch bei ihrem Physiotherapeuten Techniken erlernen, wie sie solche Hindernisse überwinden können.


Gemeindepräsident Andreas Bühler (SP) bestätigte, dass die Absätze Dorfgespräch seien. Er habe sich beim Kanton ebenfalls über die hohen Kanten beschwert. Doch habe er nur zu hören gekriegt, dass es dort andere Prioritäten gebe. Immerhin ist nun beim Zebrastreifen vom Alters- und Pflegeheim hinüber zum Einkaufszentrum ein Prototyp für einen «rollatorfreundlichen» Übergang erstellt worden. Ein Teil der Trottoirkanten ist fast bis auf Strassenniveau abgefräst worden.
Er werde sich «hartnäckig dafür einsetzen», dass alle Übergänge vom Alterszentrum hin zu den umliegenden Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants und zum Gemeindehaus so ausgestaltet werden. Konkret handle es sich um fünf Passagen.
Ungewissheit ums Pflegeheim
Wo möglich werde die Gemeinde dafür sorgen, dass Senioren möglichst lange zuhause wohnen bleiben könnten. Dafür will sie auch das Spitexangebot überarbeiten und ein Netzwerk aufbauen, in welchem Freiwillige die Fachleute unterstützen könnten. Geprüft werde auch eine Tagesstätte, die betreuende Angehörige entlasten könne. Wie Huber festhielt, wolle die Gemeinde auch die Freiwilligenarbeit und Nachbarschaftshilfe koordinieren und die Entschädigungsfrage klären.
Anpacken will die Gemeinde auch die Förderung von altersgerechtem Wohnraum. Heute gibt es erst 29 Alterswohnungen der Stiftung Wohnen im Alter. Zusätzliche Standorte sollen geprüft und private Initiativen gefördert werden.
Und schliesslich beschäftigt den Gemeinderat auch noch das Pflegeheim. Aktuell werden dort 120 Plätze angeboten. In rund zwei Jahren will der Kanton entscheiden, welche Heime weiterhin über die obligatorische Krankenversicherung abrechnen können. Es zeichne sich ab, dass es in der Region zusätzliche Pflegeheimbetten brauche.

Eine Anlassbesucherin beklagte sich darüber, dass seit eineinhalb Jahren nichts mehr über die Umbaupläne im Pflegeheim zu hören sei. Auch die Situation mit dem Café sei unklar. «Wir wollen wissen, was mit unserem Heim passiert!» Diese Forderung wurde mit etwas Applaus quittiert. Doch Gemeinderätin Huber meinte, dazu könne sie nichts sagen. Und der ebenfalls im Hirschensaal anwesende Stiftungs-Geschäftsführer Matthias Fuhrer wollte nichts dazu sagen.
Demnächst wird der Gemeinderat den Abstimmungstermin für die von René Baumann eingereichte Initiative entscheiden. Diese hat zum Ziel, dass der Gemeinderat wieder mehr Einfluss auf die Stiftung Wohnen im Alter erhält.
Die aktiven Senioren und das kalte Wasser
Baumann hielt in der Fragerunde fest, dass er von dieser «Altersstrategie», die für ihn gar keine Strategie sei, entsprechend nichts halte. Sein Vorwurf: Sie gehe von falschen Grundlagen aus. Das wiesen die anwesenden Gemeinderäte und Moderatorinnen deutlich zurück.
Zu Baumanns Forderung nach besseren Busverbindungen und Quartierzentren, in denen eingekauft und Dienstleistungen für Ältere angeboten werden könnten, meinte Herta Huber, dass solche Zentren schwierig zu realisieren seien und teuer zu stehen kämen. «Aber ich nehme Ihre Idee gerne auf», meinte die Gesundheitsvorsteherin, schliesslich handle es sich ja um eine rollende Planung.
In der Schlussrunde kam dann noch ein Einwand, den die Gesundheitsvorsteherin tatsächlich als Manko ausmachte: «Es wurde bei der Altersstrategie eine grosse Gruppe vergessen – jene, die zwar schon älter sind, aber noch keine Hilfe brauchen», meinte ein Herr. Doch auch diese hätten Bedürfnisse, die es zu berücksichtigen gelte.
Als konkretes Beispiel erwähnte er die Badi-Runde, die in dieser Saison auseinandergefallen sei, da das Wasser im Becken nicht mehr erwärmt werde. Nun sei es vielen zu kühl. Zur Wassertemperatur werde er noch eine Antwort erhalten, meinte darauf Herta Huber. Sicher aber werde sie seinen Einwand über die «vergessenen» Senioren in die zuständige Planungsgruppe einfliessen lassen.
