Deshalb fahren am Abend keine Züge zwischen Rüti und Bauma
Ein durchgehender Bahnbetrieb der S26 ist schon lange ein Anliegen der IG Tösstallinie. Doch für den ZVV ist das zu teuer. Er erteilt den Plänen des Vereins eine Abfuhr, nicht zum ersten Mal.
Nach 21 Uhr ist Schluss: Ab dann fährt die S26 nicht mehr von Winterthur nach Rüti, sondern nur noch bis Bauma. Wer weiter nach Rüti will, muss auf den Bus umsteigen.
Paul Stopper, dem Präsidenten der IG Tösstallinie, ist das seit Jahren ein Dorn im Auge. «Die durchgehenden Verbindungen sind ein Markenzeichen des Zürcher S-Bahn-Verkehrs», betont er. «Nach Niederweningen fahren auch den ganzen Tag Züge», sagt er. «Und erst noch mit teuren Doppelstockfahrzeugen mit vielen Sitzplätzen.» Nur im oberen Tösstal und im Jonatal nicht. «Da wird mit verschiedenen Ellen gemessen.»
Besonders stört Stopper, dass die Buslinie 854 einen komplett anderen Fahrplan aufweist als die S26. Tagsüber beträgt die Umsteigezeit in Rüti von der S15 auf die S26 in Richtung Wald und Bauma nur 3 Minuten.
Am Abend wird es komplizierter. Während zwischen Rüti und Wald weiterhin Busse im Viertelstundentakt fahren, sieht es zwischen Wald, Fischenthal und Bauma anders aus. Zwar bedient die Buslinie 854 mehr Haltestellen auf dem Gemeindegebiet und nicht nur die Bahnhöfe.
Aber der Bus fährt nur einmal pro Stunde und braucht länger für die Fahrt. Zum Vergleich: Mit dem Zug ist man von Rüti in 27 Minuten in Bauma, mit dem Bus dauert es 34 Minuten. «Zudem bedeutet die Buslösung, dass man von weiter entfernten Orten wie Bern, Basel, Luzern et cetera in Rüti 20 Minuten sinnlos herumstehen muss», klagt Stopper.
Nicht alle Gemeinden sehen Handlungsbedarf
Eine Lösung zu finden, ist nicht ganz einfach. Stopper ist mit seiner Idee schon bei den Gemeinden vorstellig geworden – zum einen wegen Fahrplananpassungen beim Bus und zum anderen wegen der nächtlichen Züge.
Bei der Buslinie erhält die IG Tösstallinie dabei lediglich Rückendeckung aus Bauma. Bei der Vernehmlassung zum Fahrplan 2025/2026 des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV) stützte der Gemeinderat zwei Vorschläge der IG Tösstallinie: Der Bus soll halbstündlich verkehren und die Abfahrtszeit in Rüti um 15 Minuten vorverlegt werden, damit keine unnötigen Wartezeiten entstehen.
Von abendlichen Fahrten der S26 von und nach Rüti will der Baumer Gemeinderat aber nichts wissen. Die Buslinie, die zusätzliche Haltestellen auf dem Gemeindegebiet bediene, habe einen grösseren Nutzen.
Auch in Fischenthal sieht man keine Notwendigkeit von Zügen am Abend – und auch nicht von einem Halbstundentakt beim Busbetrieb. «Nach aktuellem Stand wird das bestehende Angebot mit der stündlichen Busverbindung zwischen Bauma und Rüti als funktional und praktikabel eingeschätzt», schreibt Gemeindeschreiberin Vanessa Fasser. «Die Buslösung bietet Flexibilität durch mehrere Haltestellen und wird als wirtschaftlich betrachtet.»
Bei der Verkehrskonferenz Oberland, der alle Gemeinden des Bezirks Hinwil angehören, wurde die Buslinie an einer Sitzung im Mai 2023 diskutiert. Wie aus einem Gemeinderatsbeschluss von Rüti zu entnehmen ist, sahen die Gemeinden damals keinen Handlungsbedarf.
Grosse Verbesserungen
Stoppers Ideen und Verbesserungsvorschläge sollen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich in den vergangenen Jahren einiges auf der Linie getan hat. Die SBB-Tochter Thurbo hat ihr Angebot stetig ausgeweitet.
83 Millionen Franken haben die SBB vor 2018 in deren Ausbau gesteckt. Mit dem damaligen Fahrplanwechsel wurde der langersehnte Halbstundentakt zwischen Winterthur und Bauma eingeführt – vorher war die Bahn im Hinketakt unterwegs mit variierenden Abfahrtszeiten.
Ausserdem verkehrt seither die S11 in den Stosszeiten von und nach Wila. 2019 wurde der Halbstundentakt auch auf dem Abschnitt von Bauma bis Rüti eingeführt – einfach nicht bis in die späten Abendstunden.
Dafür gibt es seit 2024 eine zusätzliche Verbindung von Bauma nach Winterthur am frühen Morgen und eine Verbindung nach Mitternacht.
Reicht dies Paul Stopper und der IG Tösstallinie nicht? «Der ÖV muss einfach gut sein, sonst wird er in ländlichen Gebieten nur schwerlich angenommen», sagt er dazu. «Wenn man zu Beginn einer Reise am Morgen weiss, dass man abends nur mit längeren Fahrzeiten und erst noch mit überlangen Wartezeiten in Rüti heimkommt und erst noch nur stündlich, dann entscheidet man sich eben bereits am Morgen für das jederzeit bereitstehende Auto.»
Zu teuer für den ZVV
Der pensionierte Verkehrsplaner aus Uster ist bekannt dafür, immer wieder neue Ideen für den Bahnausbau im Oberland vorzuschlagen – beispielsweise eine direkte Verbindung bis nach Chur.
Seine Ideen – auch für die Tösstallinie – lässt er zwar jeweils dem ZVV zukommen. «Aber die reagieren oft nicht einmal», ärgert er sich. Kürzlich hat er es trotzdem wieder einmal probiert – mit einem Brief an Regierungsrätin Carmen Walker-Späh (FDP). Dieses Mal gab es eine Antwort vom ZVV.
Das Begehren der IG Tösstallinie für eine Rückverlagerung der Spätkurse auf die Schiene sei dem Zürcher Verkehrsverbund bekannt. «Es wurde in den letzten Fahrplanverfahren jeweils im Detail geprüft», steht in der Antwort.
Dabei hat der Verkehrsverbund festgehalten, dass auf der Buslinie eine tiefe Nachfrage vorliegt. «Aus Kapazitätsgründen ist keine Umstellung auf den Bahnbetrieb erforderlich.» Ein Bahnbetrieb am Abend, wie von der IG gewünscht, würde zusätzlich Mehrkosten generieren – und zwar 650’000 Franken.
Stopper kann mit der Argumentation des ZVV – wenig überraschend – kaum etwas anfangen. Für ihn wären die Mehrkosten gut investiertes Geld – vor allem, wenn er andere Investitionen im ZVV-Gebiet anschaut. «Verglichen mit dem 540-Millionen-Projekt für eine nur drei Kilometer lange Tramlinienverlängerung ins Industriegebiet von Kloten wären die angeblichen Mehrkosten für den Schienenbetrieb im Tösstal ein Klacks.»