«Hinwil steht aktuell an einem Wendepunkt»
Gemeindepräsident Andreas Bühler
Der Standort Hinwil ist begehrt. Auch die SBB wollen dort ausbauen. Wie die Gemeinde auf die dynamische Entwicklung Einfluss nehmen will, erklärt Gemeindepräsident Andreas Bühler (SP) im Interview.
Die SBB wollen eine Serviceanlage für ihre Züge in Hinwil errichten. Sind die Pläne für Sie als Gemeindepräsident überraschend gekommen?
Andreas Bühler: Der Gemeinderat hat solche Pläne nicht ausgeschlossen. Wir wurden auch aus der Bevölkerung immer wieder gefragt, ob Hinwil betroffen sein werde. Als dann die Pläne letzten Herbst an uns herangetragen wurden, war das für uns aber doch überraschend.
Wer kam auf Sie zu, der Kanton oder die SBB?
Es waren die SBB.
Sie haben vor Wochenfrist erklärt, dass es mit Blick auf diese Serviceanlage einen koordinativen Planungsprozess zwischen SBB, Kanton und Gemeinde geben wird. Wie kam es dazu?
Bevor wir zu diesem Vorgehen gefunden haben, gab es viele Sitzungen zusammen mit den SBB, der kantonalen Baudirektion, dem Zürcher Verkehrsverbund und der Planungsregion Zürcher Oberland. Der Gemeinderat hat sich nicht einfach gegen eine solche Anlage gewehrt. Aber wir haben uns gesagt: Achtung, aufpassen! Schliesslich haben wir in der Wässeri nicht nur dieses eine Vorhaben, sondern noch viele andere.

Zum einen haben wir als Gemeinde Interesse, unser regionales Arbeitsplatzgebiet strukturiert zu entwickeln. Zum anderen gibt es ansässige Firmen, die sich vergrössern möchten, und neu an diesem Standort interessierte. Die Idee zu diesem koordinativen Planungsprozess kam von der Baudirektion. Das ist kein offizielles Mittel, sondern ein informelles Verfahren zur Koordination und korrekten Interessenabwägung. Dementsprechend ist es auch nicht rechtsverbindlich.
Was muss man sich unter diesem Prozess vorstellen?
In diesem koordinativen Planungsprozess ergibt sich die Möglichkeit für eine Auslegeordnung. Wir können schauen, welche Bau- und Infrastrukturvorhaben nebeneinander machbar sind, was sich gegenseitig ausschliesst und auch welche flankierenden Massnahmen nötig werden. Schliesslich gilt es, die Auswirkungen auf Raum, Umwelt und Verkehr sowie auf weitere Vorhaben auf dem übrigen Gemeindegebiet und in der nahen Umgebung mitzuberücksichtigen. Muss etwas reduziert oder gar ganz weggelassen werden? Es gilt, dafür zu sorgen, dass Hinwil weiterhin attraktiv bleibt, für Gewerbe und auch als Wohnort.
Wo bleibt da eigentlich der Bund? Immerhin gehört ihm das Areal des Armeelogistikcenters, wo die SBB die Anlage realisieren möchten. Das VBS dürfte auch nicht einfach so bereit sein, dort Platz zu machen.
Da muss ich an die SBB verweisen. Da die Bahn diese Idee öffentlich einbringt, müssen die SBB sicher auch entsprechende Gespräche geführt haben.
Wir haben in Hinwil grundsätzlich schon eine grosse Wachstumsdynamik.
Andreas Bühler
Gemeindepräsident (SP)
Die Anlage soll bis 2050 realisiert sein. Das ist noch sehr fern. Bis dahin kann sich viel ändern. Mit dem Leitbild 2040 der Gemeinde sind wir beim üblichen Planungshorizont von 15 bis 20 Jahren. Wie passen diese beiden Blickweiten zueinander?
2050 ist ein guter Horizont. Von unserem Leitbild ausgehend, gilt es ja nun, dieses übergeordnete Infrastrukturprojekt einer SBB-Serviceanlage ergebnisoffen mitzudenken. Wir haben in Hinwil grundsätzlich schon eine grosse Wachstumsdynamik. Diese gilt es in geordneten Bahnen zu haben.
Wohin soll sich Hinwil denn entwickeln?
Hinwil steht aktuell an einem Wendepunkt in seiner weiteren Entwicklung. Der Gemeinderat will dieses Wachstum umsichtig gestalten und Hinwil zielgerichtet und planvoll in die Zukunft führen. Gesichert werden soll ein gesundes und verträgliches Wachstum. Dieses Bewusstsein ist zu schärfen.
Was muss man sich da vorstellen, also punkto Wohnraum und Arbeitsplätzen?
Unser Industriegebiet hat eine gewisse Attraktivität. Und wie die Statistiker jüngst vorgerechnet haben, müssen wir von der Stadt bis ins Oberland bis etwa 2050 mit einem Bevölkerungswachstum von gegen 30 Prozent rechnen. Hier in Hinwil haben wir schöne, zentrale Wohnlagen, auch sehr attraktive am Bachtelsüdhang. Also ein breites Angebot für jedes Portemonnaie. Dem müssen wir Sorge tragen.

Von aussen gesehen verfügt Hinwil über zwei Besonderheiten: eine grosse Gesamtfläche mit sehr hohem Grünanteil und ein grosses Industriequartier. Ist das Industriequartier für Sie eigentlich Fluch oder Segen?
Ich möchte nicht von Fluch oder Segen reden, eher von möglichen Gefahren, die wir analysieren müssen, und Chancen, die wir packen möchten. In unserem Leitbild 2040 haben wir es so formuliert, dass wir von der Wässeri bis zum Bahnhof ein vorbildliches Arbeits-, Freizeit- und Wohngebiet schaffen wollen. Einen Schritt dahin machen wir mit dem Gestaltungsplan Fadwis. Dort wird das ehemalige Industriegebiet in eine Wohn- und Gewerbezone umgewandelt. Jetzt legen wir unser Augenmerk auf die Wässeri, ein Gebiet, das auch regional gefördert wird. Wir haben diese Besonderheiten: Wir leben in der Fläche, haben viel Industrie, haben ein immer dichteres Zentrum und daran anschliessend Wohngebiete an den Bachtelhängen. Vor dem Übergang in die Landwirtschaft liegen die exklusiveren Lagen. Dieser Querschnitt durch Hinwil entspricht eigentlich auch jenem des Kantons Zürich. Wir sind ländlich, dann urban und auch sehr industriell.
Die Grösse des Industriegebiets Wässeri ist beachtlich. Wo steht es im kantonsweiten Vergleich?
Wir haben hier tatsächlich das drittgrösste zusammenhängende Industriegebiet nach Zürich und Winterthur. Es gibt vielleicht noch andere Gemeinden mit etwas mehr Industriefläche. Diese ist aber in einzelne Teile zerstückelt.

Wie wichtig ist die Industrie für die Gemeindefinanzen?
Sie macht einen wesentlichen Teil unserer Steuereinnahmen aus. Die Firmensteuern bessern unsere Gemeindefinanzen deutlich auf. Gleichzeitig muss man sich aber auch bewusst sein, dass die Gemeinde im Gegenzug viel Infrastruktur aufbereiten muss.
Von Ihnen und vom Gemeinderat war zu hören, dass Hinwil schon viel für die Allgemeinheit zu tragen habe. Immerhin ist Hinwil auch der Bezirkshauptort. Möchten Sie diese Stellung lieber abgeben?
Nein, das ist nicht unsere Absicht. Wir leben ja mit diesen vielen Zentrumsfunktionen auf Bezirks-, Kantons- und auch Bundesebene. Wenn sich Hinwil aber weiterentwickelt, wollen wir dabei mitwirken. Wir sind es unseren Einwohnerinnen und Einwohnern schuldig, dass wir unseren Einfluss geltend machen.
Ich möchte hier nicht Einzelne nennen, sondern es ist die Menge.
Andreas Bühler
Gemeindepräsident (SP)
Die Kezo, der Verkehrsknoten Betzholz, das kantonale Tiefbauamt, das Bezirksgericht, das Postverteilzentrum, das Strassenverkehrsamt oder das Armeelogistikcenter: Welche Zentrumsfunktionen und Zentrumsinstitutionen sind eigentlich belastend?
Ich möchte hier nicht Einzelne nennen, sondern es ist die Menge. Viele haben grosse Auswirkungen auf den Verkehr, sei es auf der Strasse oder auf der Schiene. Lange waren wir uns im Gemeinderat nicht sicher, wie bewusst unsere Situation dem Kanton ist. Nach diesen vielen Gesprächen haben wir mit dem koordinativen Planungsprozess gemeinsam einen Konsens für das weitere Vorgehen gefunden, was wir sehr schätzen.
Aus Sicht der Bevölkerung dürfte der Verkehr das belastendste Element dieser Zentrumsfunktion sein.
Dem ist sicher so. Wir sprechen hier von vermehrter Kiesbewirtschaftung, neuen Deponien oder grossen, länger dauernden Bau- und Infrastrukturvorhaben, die aber auch einen Impact auf Dichte sowie Auswirkungen auf Raum und Landschaft auslösen können.

Abgesehen von diesem «Weitschuss» mit einer SBB-Serviceanlage: Stehen noch andere Grossvorhaben der öffentlichen Hand an?
Ein gewichtiges Projekt ist der Ersatz der ins Alter gekommenen Kezo.
Wenn Sie die Kezo erwähnen: Wie ist die Haltung des Gemeinderats zu der Erweiterung der Gewächshäuser?
Da kann ich noch nichts dazu sagen, der Gemeinderat ist an der Erarbeitung seiner Antwort. Diese sollte demnächst vorliegen.
Zwischen dem Strassenverkehrsamt und der FBB gibt es noch eine grosse, freie Fläche, die der FBB gehört. Könnte nicht auch dort eine SBB-Anlage erstellt werden?
Ich kann nichts dazu sagen, was die SBB alles geprüft haben. Als Gemeinde sind wir damit konfrontiert worden, dass sie den Fokus auf dem Armeelogistikcenter haben.
Wir haben den Anspruch an die Einführung des Viertelstundentakts auf dieser Strecke.
Andreas Bühler
Gemeindepräsident (SP)
Bei dieser Freifläche würde mindestens auch die von der Gemeinde angepeilte zusätzliche Bahnhaltestelle Wässeri Sinn ergeben.
Ja, diesbezüglich stehen wir mit dem Zürcher Verkehrsverbund in engem Kontakt. Uns ist es ein Anliegen, dass der Kanton auch wahrnimmt, dass die Zahl der Arbeitnehmenden und Kunden in der Wässeri wächst. In diesem Zusammenhang haben wir den Anspruch an die Einführung des Viertelstundentakts auf dieser Strecke. Und auch bei der Verdichtung des Busnetzes sind wir mit den zuständigen Stellen im Gespräch.
Die Erschliessung von Hinwil West mit dem ÖV ist ja nur eine Problemstelle. Das Alpenblick-Quartier wartet auf einen Anschluss. Hinwil hat mit durchschnittlich 267 Metern vergleichsweise lange Wege bis zur nächsten Haltestelle, in Rüti oder Wetzikon liegt dieser Wert bei etwa 174 Metern. Was wird da von der Gemeinde unternommen?
Im Fall des Alpenblick-Quartiers hat der Gemeinderat seine Haltung kundgetan und die Initiative zur Ablehnung empfohlen, da es sich um ein Partikularinteresse eines Quartiers handelt. Gleichzeitig hat er aber auch erklärt, dass eine ÖV-Auslegeordnung für die ganze Gemeinde vorgenommen wird.
Bis wann darf diese erwartet werden?
Das wird im Lauf der nächsten Legislatur der Fall sein.
Zurück zu den Gleisen: Vom pensionierten Ustermer Verkehrsplaner Paul Stopper ist bereits ein Gleisanschluss für die Kezo ins Spiel gebracht worden. Ist das realistisch?
Wir haben ein Anschlussgleis ins Industriegebiet. Um auf dieses zu gelangen, muss aber über den Bahnhof Hinwil hinaus ins Trassee der Dampfbahn rangiert und dann wieder retour über den Bahnhof ins Industriequartier gefahren werden. Die Vorstellung dafür, dass auch die Kezo mit dieser misslichen Schienenführung angehängt werden könnte, fehlt mir. Immerhin haben wir da auch eine dicht befahrene Bundesstrasse und ein Fliessgewässer dazwischen. Und der angelieferte Kehricht kommt aus der Region und damit nicht per Bahn. Diese Abfallmenge wird sinken, gemäss Vorgabe des kantonalen Richtplans.

Wie wird die Bevölkerung auf die zusätzlichen Infrastrukturprojekte reagieren, die auf die Gemeinde zukommen?
Uns muss es gelingen, aufzuzeigen, dass der koordinative Planungsprozess in den kommenden zwei Jahren eine Chance ist, um die verschiedenen Folgen und Ansprüche unserer hoch entwickelten Gesellschaft gut aufeinander abstimmen zu können. Dazu muss jeder seinen Beitrag leisten. Die Wachstumsdynamik lässt sich nicht einfach aufhalten. Deshalb ist es entscheidend, konstruktiv steuernd auf diese einzuwirken. Gelingt dies, besitzt die aktuell herausfordernde komplexe Situation Hinwils das Potenzial, ein Vorteil für die Gemeinde zu sein und neue Zukunftsperspektiven zu eröffnen. Wir können diesen Anspruch als unser Pfand in die Waagschale werfen.
Gemeinderat informiert über Vorhaben
Der Gemeinderat Hinwil führt am Dienstag, 8. April, ab 19.30 Uhr im «Hirschen»-Saal in Hinwil eine öffentliche Informationsveranstaltung zum Thema Serviceanlage durch. Ausserdem präsentiert er einen Überblick über den Stand der pendenten Bauvorhaben im Industriegebiet West.
