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Liebe Politikerinnen, braucht es den Kampf am 8. März noch – oder ist er schon gewonnen?

Am 8. März ist Internationaler Frauentag. Ein Tag, der sich der Gleichstellung der Geschlechter widmet. Aber ist er eine veraltete Floskel oder notwendig? Diese Politikerinnen haben Antworten.

Von links: Edanur Akdemir (Juso), Rosmarie Quadranti (Die Mitte) und Anita Borer (SVP) sprechen über ihre Ansichten zum Internationalen Frauentag.

Fotocollage: ZO

Liebe Politikerinnen, braucht es den Kampf am 8. März noch – oder ist er schon gewonnen?

Internationaler Frauentag

Am 8. März ist Internationaler Frauentag. Ein Tag, der sich der Gleichstellung der Geschlechter widmet. Aber ist er eine veraltete Floskel oder notwendig? Diese Politikerinnen haben Antworten.

Seit 1911 steht der 8. März als Internationaler Frauentag im Zeichen der Gleichstellung. Das Hauptanliegen dieses Tages fokussierte sich auf die Gleichstellung der Geschlechter und das Frauenwahlrecht. Dass dieser Tag damals notwendig war, steht ausser Frage. Denn man bedenke, dass erst 79 Jahre später wirklich jede Schweizerin abstimmen durfte – sogar im Kanton Appenzell Innerrhoden.

Doch heute schreiben wir das Jahr 2025. Wie sieht es also 114 Jahre später aus: Müssen Frauen noch einen Kampf führen? Oder ist dieser bereits gewonnen? Und falls nicht, wo hapert es noch? Auf diese Fragen haben drei Oberländer Politikerinnen Antworten.

«Die Schritte nach vorn werden immer kleiner» – Rosmarie Quadranti (Die Mitte)

Rosmarie Quadranti mit Hund und Kinderwagen.
Rosmarie Quadranti (Die Mitte): Politikerin, Grossmutter, Hundehalterin – und zwischendurch kann sie auch über den 8. März diskutieren.

Rosmarie Quadranti ist Stadträtin in Illnau-Effretikon und ehemalige Nationalrätin. Die Mitte-Politikerin steht dem Internationalen Frauentag ambivalent gegenüber: Erreicht sei schon viel. Doch für die 67-Jährige geht es nur langsam voran.

Frau Quadranti, was sagen Sie zum Kampf am Internationalen Frauentag, haben wir den gewonnen?

Rosmarie Quadranti: Wenn wir von der Gleichstellung in der Schweiz sprechen, dann sind wir gut dran. Doch in anderen Bereichen bewegen wir uns nur in kleinen Schritten vorwärts.

Auf welche Anliegen spielen Sie an?

Die Finanzierung der Kinderbetreuung beispielsweise. Wir müssen diese endlich bezahlbar machen. Auch andere Themen, wie etwa Frauenhandel oder Prostitution, brauchen noch viel Aufmerksamkeit. Es braucht ebenfalls ein klareres Vorgehen gegen Gewalt an Frauen. Und wenn es mehr Frauen in Führungsgremien in der Wirtschaft und der Politik gäbe, wäre ich auch nicht unglücklich. Es stehen doch noch ein paar Dinge auf der Liste.

Sie kommen aus einer Arbeiterfamilie, in der Rollenbilder nicht so ausgeprägt waren. Ihre Eltern führten einen Familienbetrieb. Wie war das für Sie, in die Politik zu gehen, wo klar ein anderes Bild herrschte?  

Es ist wie ein Erwachen. In meinem Elternhaus war immer klar, dass ohne die Arbeitsleistung meiner Mutter der Betrieb nicht aufrechterhalten werden konnte. Auch wenn die Hausarbeit doch ziemlich einseitig verteilt war, hat man trotzdem gesehen, dass man miteinander arbeitet. Man sprach über das Geschäft und war gleichberechtigt. Ich merkte, wie etwas, das ich als selbstverständlich anschaute, gar nicht so selbstverständlich war.

Wie zeigte sich das?

Als ich in der Sicherheitspolitischen Kommission war beispielsweise, hat man versucht, mir weiszumachen, dass ich da eigentlich nichts zu sagen habe. So verklausuliert. Das ist jedoch themenbezogen, wie wenn es ums Militär geht. Ein Nationalrat hat mich gefragt, wie viele Diensttage ich hatte, als ich mich in der Kommission für Sicherheitsfragen geäussert habe. Ich konterte damit, dass ich auch in der Schweizer Armee war.

Ist es nicht anstrengend, sich immer wieder rechtfertigen zu müssen?

Klar denke ich oft: Gehts noch? Wieso muss ich mich jetzt rechtfertigen? Aber da merkt man mir wohl meine Erziehung an. Ich hatte eine Mutter, die immer mitgesprochen hat und gleichgestellt war. Deshalb spreche ich auch einfach mit. Alles andere interessiert mich nicht.

Die westliche Welt erlebt gerade einen Rechtsrutsch. Haben Sie Bedenken, dass dasselbe mit der Gleichstellung passieren könnte, also dass wir wieder Rückschritte machen?

Um die Schweiz habe ich keine Angst. Dafür ist unsere Demokratie zu stark. Doch wenn ich in die Kriegsgebiete schaue, dann mache ich mir extrem Sorgen um die Frauen und Mädchen. Auch wenn ich in die USA oder nach Deutschland schaue, sind die Rechte der Frauen in Gefahr. Doch in der Schweiz ist es anders. Wir dürfen und können uns hier wehren. Wir dürfen Mängel beim Namen nennen, ohne zu fürchten, im Gefängnis zu landen. Bei uns ist es kein aussichtsloser Kampf wie in anderen Ländern.

Was halten Sie denn vom Wort Kampf, eignet sich das für den Internationalen Frauentag?

Das sehe ich etwas ambivalent. Wenn es beispielsweise um Gewalt an Frauen geht, muss man laut sein und das Problem klar benennen. Wenn es aber um Themen wie Gleichstellung geht, muss man das anders angehen. Man muss Bilanz ziehen von dem, was bereits erreicht wurde, und sehen, wo man sich verbessern kann.

«Mann und Frau dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden» – Anita Borer (SVP)

Anita Borer bei ihrer Arbeit.
Zwischen Kantonsratssitzung und Geschäft hat sich Anita Borer (SVP) Zeit genommen, über ihre Ansichten zum 8. März zu sprechen.

Anita Borer ist Kantonsrätin und ausserdem Präsidentin des Gewerbeverbands in Uster. Die heute 38-Jährige hat mit 19 Jahren begonnen, in der Politik mitzumischen. In Sachen Gleichstellung vertritt sie eine ganz klare Position: Sie ist erreicht, muss aber gehalten werden.

Frau Borer, was halten Sie vom Internationalen Frauentag?

Anita Borer: Dieser ist für mich kein Thema. Früher waren Frauen wirklich nicht gleichgestellt. Diese Zeit gab es. Doch heute sieht es anders aus. Wir sind gleichgestellt. Ich lebe das in jeder Beziehung. Im Beruf, in der Politik und im Privaten.

Gab es nie Momente, in denen Sie sich als Frau benachteiligt fühlten?

Ich kann mich wirklich an keinen erinnern.

Auch in der Politik nicht?

Absolut nicht. Ich begann sehr jung und war überrascht, wie herzlich und offen man mich empfing. Relativ schnell erhielt ich auch die Möglichkeit, zu referieren. So wurde ich von Anfang an mitgezogen. Haltungen gegenüber Personen hängen auch immer von persönlichen Erfahrungen ab. Mich stört, dass oft kategorisiert wird. Wer einem Mann anstatt einer Frau den Vorzug lässt, muss deswegen nicht frauenfeindlich sein. Manchmal kommt es mir vor, als würden mit der ganzen Gleichstellungsdebatte Mann und Frau gegeneinander ausgespielt.

Gibt es also nichts mehr zu verbessern?

Wer selbstbewusst ist, wer sich traut, etwas zu sagen, wird auch gehört. Da bin ich überzeugt. Ich zumindest habe hier keine anderen Erfahrungen gemacht in der Schweiz.

Was, wenn es um Rollenbilder in der Familie geht?

Ich finde, das ist eine private Angelegenheit, die niemanden etwas angeht. Jede Familie muss für sich selbst ausmachen, welches Modell sie lebt. Da steht es niemandem zu, das zu beurteilen. Hauptsache ist, dass es für alle Beteiligten stimmt. Manchmal finde ich, dass die Forderung nach Gleichberechtigung das Gegenteil bewirkt.

Wann beispielsweise?

Bei der Quote. Ich finde, dass es diese nicht braucht. Ich erlebte es einmal bei einem Verwaltungsrat, dass eine Frau der Quote wegen bevorzugt wurde. Das finde ich einfach nicht richtig, denn schliesslich möchte ich für meine Leistung beurteilt und nicht wegen meines Geschlechts bevorzugt werden. Wenn ich einem Mann vorgezogen werde, weil ich eine Frau bin, dann setzt das meine Leistung ja wieder runter. Das hiesse ja, dass ich nicht gut genug wäre, aber zum Handkuss komme, weil ich das korrekte Geschlecht habe. Ich will keine Quoten, ich will gleich behandelt werden. Ich finde Quoten einen Rückschritt in der Gleichstellung.

Haben Sie Bedenken, dass wir als Gesellschaft noch weitere Rückschritte machen?

In diesem Zusammenhang sehe ich die grösste Gefahr darin – und das muss man einfach offen ansprechen –, dass es Kulturen gibt, die die Gleichberechtigung nicht so sehen wie wir. Kulturen, in denen das Patriarchat gilt und der Mann das Oberhaupt ist. Also müssen wir dafür sorgen, dass derjenige, der hierherkommt, sich in unsere Kultur integriert und auch weiss, dass hier die Gleichberechtigung gilt.

Heisst das, dass es den Internationalen Frauentag noch braucht?

Ich finde, dass es den Kampf nicht mehr braucht. Wir haben die Gleichstellung erreicht. Jetzt gilt es, dem Sorge zu tragen und es weiter zu pflegen.

«Es braucht ihn nun mehr denn je» – Edanur Akdemir (Juso)

Die Präsidentin der Juso bei sonnigem Wetter.
Zwischen Universität und Polit-Präsidium findet auch die junge Edanur Akdemir (Juso) Zeit, um über den 8. März zu diskutieren.

Edanur Akdemir ist seit Ende letzten Jahrs Präsidentin der Juso Zürcher Oberland. Und für die 20-Jährige ist der Internationale Frauentag noch lange nicht vorbei. Dafür definiert sie den Tag neu. Denn: Heute kämpfe man schon lange nicht mehr nur für Frauen.

Frau Akdemir, was sagen Sie als Sozialistin, ist der Internationale Frauentag noch notwendig?

Edanur Akdemir: Er ist notwendiger denn je. Ich glaube, wenn man sich die weltpolitische Lage anschaut und merkt, wie wir uns immer weiter nach rechts bewegen, finde ich den 8. März sehr wichtig. Wir müssen uns an die Vorkämpfe erinnern und neue Kämpfe aufwerfen. Wir haben uns unsere Rechte hart erkämpft. Doch wir können sie auch wieder verlieren. Ausserdem hat sich der Kampf sowieso verändert.

Wie meinen Sie das?

Ich spreche nicht mehr vom Internationalen Frauentag, sondern von einem feministischen Kampftag. Denn wir müssen nicht nur für die Rechte von Frauen einstehen. Früher ging man davon aus, dass nur sie unter dem System leiden. Der feministische Kampftag schliesst jedoch alle Menschen ein, die unter patriarchalen Strukturen leiden. Er steht auch gegen Rassismus und Diskriminierung von Beeinträchtigten oder älteren Personen.

Wenn nicht nur für Frauen, für wen dann noch?

Das betrifft auch Transmenschen oder non-binäre Personen beispielsweise. Und selbstverständlich auch Männer.

Männer leiden unter dem Patriarchat?

Natürlich, sehr fest sogar. Man wirft mir ja immer vor, dass ich als Feministin einfach Männer hassen würde. Aber nur schon die Suizidrate von Männern ist alarmierend. Und wir müssen uns bewusst werden, dass wirklich alle unter Geschlechterrollen leiden.

Wo hapert es denn noch in der Schweiz?

Wo nicht? Reiche werden immer reicher, Arme immer ärmer. Die Altersarmut ist ein riesiges Problem, das wir ernst nehmen müssen. Ausserdem starb dieses Jahr in der Schweiz schon wöchentlich eine Frau durch häusliche Gewalt, gleichzeitig überlebt jede Woche eine weitere einen versuchten Femizid. Doch der Aufschrei bleibt aus, und die Politik bleibt untätig. Wir investieren lieber Hunderte Millionen Franken ins Militär. Ich finde das eine sehr schlechte Bilanz für die Schweiz.

Haben Sie Angst, dass wir Rückschritte in der Gleichberechtigung machen könnten?

Nun, als queerer Frau mit Migrationshintergrund bereitet mir der Rechtsrutsch selbstverständlich Sorgen. Und wir sehen ja, dass viele Länder um uns herum massive Rückschritte machen. Oft beharren wir auf der Ausrede, dass es uns in der Schweiz gut geht. Und ja, wir haben viele Privilegien. Aber genau deshalb dürfen wir nicht untätig bleiben. Privilegien sind kein Grund für Passivität, sondern eine Verantwortung. Ich nutze meine und versuche, die Welt zu verändern. Einen besseren Ort für alle zu schaffen.

Aber was heisst das nun konkret, haben wir nichts erreicht?

Doch, natürlich haben wir eine ganz andere Ausgangslage als noch vor 100 Jahren. Aber man sieht ja nur schon in der Politik, wie untervertreten Frauen sind. In Pfäffikon, meiner Heimatgemeinde, beispielsweise besteht der Gemeinderat aus fünf Männern und zwei Frauen. Das ist doch nicht ausgeglichen.

Wie sieht denn ein idealer Kampf Ihrer Meinung nach aus?

Den idealen Kampf gibt es nicht. Es kommt ganz auf die Situation an. Aber für mich heisst Kampf Widerstand. Und der kann viele Formen haben. Das könnte beispielsweise auch Ruhe bedeuten. Wir leben in einem kapitalistischen System, wo alles immer schnell und effizient gehen muss. Da wäre doch Ruhe oder eine Pause der perfekte Widerstand. Doch mein ganz persönlicher Kampf ist gegen die Mehrfachdiskriminierung und steht für die Befreiung aller Menschen.

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