Bubikons Widerstand hat die Stadt Schaffhausen geprägt
Standortsuche für SBB-Serviceanlage
Die SBB sahen Bubikon als idealen Standort für eine neue Serviceanlage. Der Widerstand der Gemeinde zwang sie jedoch zum Umdenken. Nun rückt die Stadt Schaffhausen in den Fokus, die davon sogar profitieren könnte.
Es war ein Kampf wie zwischen David und Goliath: die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) gegen Bubikon. Und wie in der biblischen Erzählung hat das kleine Bubikon den Riesen besiegt. Die Auswirkungen dieses Widerstands reichen über die Region hinaus – sogar bis in den Nachbarkanton Schaffhausen. Doch eines nach dem anderen.
Die SBB haben in den letzten Jahren Standorte für eine neue Abstell- und Serviceanlage im Kanton Zürich gesucht. Diese wird notwendig, weil die S-Bahn-Linien im Rahmen des «Ausbauschritts 2035» erweitert werden und dafür 60 zusätzliche Doppelstockzüge gewartet werden müssen.
Schaffhausens Chance
Und obwohl das Oberland fest im Visier für diese Bauten war, soll künftig ein anderer Kanton die Züge beherbergen: Schaffhausen. Beim Güterbahnhof haben die SBB einen geeigneten Standort gefunden. Ein Grundstück, das sowieso schon ihnen gehört, mit einer Überbauung, die bereits bahnbetrieblich genutzt wird. Und dann auch noch in einer Umgebung, die schon seit Jahrzehnten darauf wartet, beachtet zu werden.
Die Stadt Schaffhausen hat das Areal entlang der Fulachstrasse seit einer Weile als Transformationsgebiet definiert. Dort sollen Wohnungen und Geschäfte entstehen. Bislang gab es dafür jedoch weder konkrete Pläne noch einen definierten Zeithorizont.
Im Grunde ein Deal, wie er im Lehrbuch steht.
«Schaffhauser Nachrichten»
Dass die Flächen nördlich des Bahnhofs, im Bereich der Güterhallen und im Gleisfeld, nun für die Pläne der SBB geprüft werden, kommt der Stadt gerade recht. Denn mit der Prüfung der SBB prüft nun auch die Stadt Schaffhausen die Möglichkeiten für das Areal – und hofft auf eine Mischnutzung. Nicht nur die Serviceanlage soll Platz finden, sondern auch ein gut erschlossenes Quartier mit mehr Grünflächen.
Im Grunde sei es ein Deal, wie er im Lehrbuch stehe, findet die Zeitung «Schaffhauser Nachrichten». Einer, der jedoch viel Widerstand aus dem Oberland erforderte.
Bubikons Widerstand
Denn ursprünglich sollte die Anlage im Oberland zu stehen kommen – es schien sogar so, als führe kein Weg drum herum. Auf einer Wiese in Bubikon in den Weilern Fuchsbühl, Brach und Wändhüslen sollte eine Abstell- und Serviceanlage von 8 Hektaren errichtet werden. Das entspricht einer Fläche von 20 Fussballfeldern.

Doch dagegen formierte sich Widerstand. Betroffene Landbesitzer und unmittelbare Nachbarn gründeten die IG Pro Brach Fuchsbühl. Sie kritisierten die Pläne in der Landwirtschaftszone und den Umgang mit verbleibender Kulturfläche, lancierten Protestaktionen und mobilisierten Politiker aus der Region.

So hoch war der Druck, der in Bubikon ausgeübt wurde, dass die SBB überraschend zurückkrebsten und neue Standorte evaluierten. Doch dass es das Oberland treffen würde, galt damals beinahe als sicher. Der «Ausbauschritt 2035» sieht unter anderem eine Erweiterung durch das Brüttener Tunnel vor – eine Linie, die den Bahnhof Effretikon entlasten soll.
Im September 2021 erklärte SBB-Infrastruktur-Planer Daniel Bösch bei einer Podiumsdiskussion, dass die Anlage zwingend in einer Region liegen müsse, in der viele Linien verkehrten, die nicht in Winterthur endeten – und das sei nun mal im Oberland. Beide Serviceanlagen in Oberwinterthur seien ausgelastet.
Nachdem Bubikon die SBB hatte verscheuchen können, stand zwischenzeitlich der Betzholzkreisel zur Debatte. Das Gelände sei nicht nur gross genug, sondern auch gut angebunden. Einer der Knackpunkte war jedoch die Lückenschliessung der Oberlandautobahn, die dem Projekt womöglich in die Quere gekommen wäre.

Auch die weiteren ursprünglich überprüften Standorte im Kanton, etwa Hombrechtikon (Feldbach) und Eglisau, kritisierten das Vorhaben der SBB. Diese versicherten stets, dass sie um eine bessere Alternative bemüht seien.
SBB haben Lehre gezogen
Eine signifikante Rolle im Widerstand gegen die Pläne für eine Abstell- und Serviceanlage spielte Paul Stopper (BPU), ehemaliger Verkehrsplaner und Ustermer Gemeinderat. Er warf den SBB vor, dass sie den Standort in Bubikon einfachheitshalber gewählt hätten, da die Wiese noch nicht verbaut worden sei. Hatte Stopper recht?
«Die SBB suchten zunächst einen Standort für eine Service- und Abstellanlage. Die Fläche in Bubikon wäre genügend gross gewesen», schreibt Reto Schärli, Leiter der Medienstelle der SBB.
Die SBB hätten jedoch eine Lehre gezogen: Da eine solche Fläche nicht einfach so zur Verfügung stehe, habe sich das Konzept für die Anlage geändert. Statt einer grossen sollen nun zwei kleinere Serviceanlagen gebaut werden – für das reine Abstellen prüfen die SBB die Erweiterung von bestehenden Abstellanlagen. Im gestaffelten Zeitraum 2035 und 2050.
So sprachen die SBB an der Medienkonferenz bezüglich des Standorts in Schaffhausen von einem Flächenbedarf zwischen 4 und 6 Hektaren. «Eine Aufspaltung des Projekts in Unterhalts- und reine Abstellanlagen macht Sinn, denn damit ist der Druck nicht so hoch, eine grosse, zusammenhängende Fläche zu finden», erklärt Stopper.
Zürich in Zukunft wieder Thema
Schon zuvor hatte Stopper eben solche Vorschläge im Rahmen einer Studie für das Forum Feldbach – auch Feldbach sollte einer der Standorte für die Serviceanlage sein – eingebracht, wie sie nun geprüft werden: Er trat stets für eine Aufspaltung des Grossprojekts ein und forderte eine Öffnung des Planungsperimeters auch auf Standorte ausserhalb des Kantons Zürich, namentlich an den Enden von S-Bahn-Linien, so, wie sich das die SBB schon damals als Planungsziel vorgaben.
Eine zweite Forderung von Stopper war ein Miteinbezug von Grundstücken und Gleisanlagen, die bereits der SBB gehören. «Es freut mich, dass sich die Dinge nun wirklich so entwickelt haben. Das zeigt, dass die SBB nun in die richtige Richtung ziehen», sagt er.
Vorerst kann das Oberland deshalb aufschnaufen. Vorerst. Denn für die Anlage, die etwa um 2035 entstehen soll, steht Schaffhausen im Fokus der SBB. Doch Mediensprecher Schärli versichert auf Anfrage, dass sich die zweite Serviceanlage, die im Zeithorizont 2050 benötigt wird, im Kanton Zürich befinden wird.
