«Unsere Volksschule befindet sich im Niedergang»
Benjamin Fischer im Interview
Die SVP fordert in einem neuen Bildungspapier weitreichende Schulreformen – etwa Spezialklassen für fremdsprachige Kinder. Der verantwortliche Nationalrat Benjamin Fischer sagt, wie er jetzt Mehrheiten schaffen will.
Bildung, Gesellschaft, Familie: Der 33-jährige Zürcher Nationalrat Benjamin Fischer ist seit kurzem in der SVP Schweiz für diese Dossiers zuständig. In seiner Verantwortung ist ein neues Bildungspapier entstanden, das weitreichende Reformen in der Volksschule fordert. Manche Forderungen decken sich mit jenen der FDP, womit sie in mehreren Kantonen Mehrheiten finden dürften.
Herr Fischer, in Ihrem neuen Bildungspapier warnt die SVP vor «ausser Kontrolle geratenen Verständigungsproblemen» in den Schulen. Was bringt Sie zu diesem drastischen Schluss?
Unsere Volksschule befindet sich im Niedergang. Studien zeigen, dass jede zehnte Person in der Schweiz einfache Sätze nicht erfassen kann. Das sind fast eine Million Menschen! Gar jeder Fünfte hat Mühe, längere Texte zu verstehen. In Schulen mit vielen fremdsprachigen Kindern bestehen massive Verständigungsprobleme, die Lehrkräfte kommen nicht mehr zurecht.
Das klingt sehr pauschal – haben Sie konkrete Beispiele?
Ja, sogar aus eigener Erfahrung: Wir haben bis vor kurzem in Volketswil gewohnt. Mein älterer Sohn war im Kindergarten das einzige Kind ohne Migrationshintergrund. Heute spricht ein erheblicher Teil der Kinder in Städten und Agglomerationen kein Deutsch, wenn sie in den Kindergarten kommen. Die SVP fordert, dass alle Kinder in der Regelklasse Deutsch verstehen und sprechen.
Sie fordern, dass zugezogene ausländische Kinder zwingend bis zu ein Jahr in eine Integrationsklasse gehen müssen, um intensiv Deutsch zu lernen. Warum geht das dort besser als in der Regelklasse?
Sie stellen die falsche Frage. Ein Kind lernt in der Regelklasse gut Deutsch, wenn die Mehrheit der Mitschüler die Sprache beherrscht – das stimmt. Wir haben aber eine andere Realität: In der Agglomeration und den Städten sprechen sehr viele Kinder kein Deutsch. Es geht dort also nicht um die Frage, ob diese Kinder integriert oder separiert besser Deutsch lernen, sondern darum, ob der Unterricht überhaupt noch gewährleistet werden kann.
Mit gezielter Frühförderung würden die betroffenen Kinder bereits vor dem Eintritt in den Kindergarten Deutsch lernen. Aber da ist die SVP dagegen. Das passt nicht zusammen.
Kinder sollen in diesem Alter Kinder sein dürfen, und die Eltern sollen selbst entscheiden können. Wir möchten nicht, dass die Kinder noch früher als ohnehin schon in schulischen Strukturen funktionieren müssen.
Sie wollen in diesen Spezialklassen nur Kinder mit sprachlichen Defiziten spezifisch fördern. Was ist mit Kindern mit anderem Förderbedarf?
Sprechen wir jetzt einfach von Kindern, die ihre Stärken und Schwächen haben?
Wir sprechen zum Beispiel von Kindern, die eine Dyskalkulie, ein ADHS oder eine geistige Beeinträchtigung haben.
Viele dieser Fälle sind wegen des integrativen Unterrichts in der Regelklasse und kommen dort nicht mit. Die Integration ist gescheitert. Und zwar nicht wegen der Kinder mit Behinderung, sondern wegen der Verhaltensauffälligen. Viele Lehrkräfte, die den Beruf mit Herzblut ausgeübt haben, sind ausgebrannt, weil das System nicht funktioniert.
Welche Lösung schlagen Sie vor? Nicht jedes Kind mit ADHS ist ein Fall für die Sonderschule.
Es kann nicht sein, dass in jeder Klasse eines oder zwei Kinder sitzen, die alle anderen stören. Wir brauchen daher wieder Sonderklassen. Es sollte nicht nur um die Bedürfnisse der Schwächeren, sondern auch um jene der stärkeren Schüler gehen. Auch aus der Lehrerschaft ist diese Forderung zu hören. Wir waren schon immer gegen den integrativen Unterricht – ich freue mich, dass die FDP neu auch für die Abschaffung ist.
Mit einzelnen Förderlektionen ist es nicht getan. Die Politik hat zu wenig in die integrative Schule investiert.
Das sehe ich dezidiert anders. Es ist keine Frage des Geldes. Die Behauptung, es werde bei der Bildung gespart, stimmt nicht. Die Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen: Die Bildungsausgaben in den Kantonen steigen stetig.
Es gibt wegen des Bevölkerungswachstums auch mehr Kinder.
Das stimmt, es braucht mehr Infrastruktur, mehr Klassen. Aber auch gemessen am Bruttoinlandprodukt und den staatlichen Gesamtausgaben steigen die Bildungsausgaben stetig. Trotzdem nimmt die Qualität ab. Mehr Geld bedeutet nicht automatisch eine bessere Bildung – es muss richtig investiert werden. Kosten senken liessen sich zum Beispiel, wenn das krankhafte Diagnostizieren von angeblichen Fehlentwicklungen reduziert würde.
Unterstellen Sie damit falsche oder unnötige Diagnosen bei Schulkindern?
Diagnosen sind immer auch gesellschaftliche Phänomene und verändern sich über die Zeit. Heute müssen wir uns fragen, ob wir normale Verhaltensweisen von Kindern pathologisieren. Wenn in jeder Klasse die Hälfte der Schülerinnen und Schüler einen spezifischen Förderbedarf hat, dann haben nicht die Kinder ein Problem, sondern das System. Es liegt nicht in der Natur von Kindern, den ganzen Tag auf einem Stuhl zu sitzen. Praktische Tätigkeiten wie Werken, Bewegen oder Basteln dürfen nicht zu kurz kommen.
Werken oder Sport sind integrale Bestandteile der Stundentafeln. Trotzdem haben die Diagnosen zugenommen.
Verstehen Sie mich richtig: Die Lehrpersonen machen einen guten Job und sorgen für Abwechslung. Aber Kinder sind nun einmal sehr unterschiedlich, und nicht jede Abweichung ist pathologisch. Braucht es wirklich eine psychomotorische Abklärung, wenn ein Kind Mühe hat, eine gerade Linie zu schneiden?
Haben Sie Belege dafür, dass heute mehrheitlich unnötige Diagnosen gestellt werden?
Der Anstieg der Diagnosen und der Kinder mit besonderem Förderbedarf ist Beleg genug. Die Zahlen unterscheiden sich teilweise stark zwischen den Kantonen – auch das ist auffällig. Ich glaube einfach nicht, dass die Kinder heute so viel problematischer oder kränker sind als früher.
Eine wichtige Rolle schreibt die SVP in Ihrem Papier auch den Eltern zu. Sie sollen stärker am Lernerfolg der Kinder mitwirken. Was meinen Sie damit?
Eltern müssen verstehen, was ihr Kind in der Schule lernt, wo es stark ist und wo es Probleme hat. Dazu ist es wichtig, dass die Eltern die primäre Landessprache beherrschen. Statt Elterninformationen in allen Sprachen und mit Dolmetschern abzuhalten, müssten die Eltern verpflichtet werden, die vorherrschende Landessprache zu lernen. Das wäre auch wichtig für die Integration in den Arbeitsmarkt.
Und dafür würden flächendeckend öffentliche Sprachkurse angeboten?
Nein. Es liegt in der Verantwortung jener, die sich integrieren wollen, die Sprache zu lernen. Wenn ich in ein anderes Land gehen würde, aus welchen Gründen auch immer, hätte ich doch das allergrösste Interesse, mich verständigen zu können. Wir fordern, dass die Eltern ihren Aufenthaltsstatus verwirken, wenn sie sich diesbezüglich nicht kooperativ zeigen.
In dieser Logik bräuchte es auch strengere Regeln für Expats. Diese leben aber mit ihren Kindern in einem Umfeld, in dem oft nur Englisch gesprochen wird.
Den Kindern von Expats mangelt es nicht an einer Zukunftsperspektive, wenn sie kein Deutsch sprechen. Sie besuchen häufig Privatschulen. Aber wir müssen dafür sorgen, dass wir eine funktionierende Volksschule mit hoher Qualität für alle haben.
Bei den Expats ist es in Ordnung, wenn sie keine Landessprache sprechen, bei anderen Ausländern nicht? Das müssen Sie erklären.
Nein, auch die Expats sollen eine Landessprache lernen. Es stört mich, dass Englisch im öffentlichen Raum derart dominant wird. Aber Expats verursachen kaum Probleme im Sozialsystem. Sie bezahlen Steuern. Sie sind gut ausgebildet. Und viele dieser modernen Nomaden ziehen nach einigen Jahren weiter.
Ihre Partei warnt vor Parallelgesellschaften in der Schweiz – aber für Expats gilt das nicht?
Die Gefahr von Parallelgesellschaften besteht vor allem in den Agglomerationen, wo der Wohnraum günstiger ist, wo es auch Sozialwohnungen oder Asylzentren gibt. Dadurch besuchen viele fremdsprachige Kinder die Schulen. Das führt dazu, dass viele Schweizer Familien wegziehen.
Zum Beispiel Ihre Familie? Sie sind von Volketswil nach Oberweningen gezogen.
Ja, wir sind kein gutes Beispiel. Wir sind umgezogen, weil meine Frau in Oberweningen aufgewachsen ist. Aber es hat auch mit den Kindern zu tun. Ich beobachte dieses Phänomen auch bei linksgerichteten Mittelstandsfamilien. Wenn die eigenen Kinder in die Schule kommen, finden sie Multikulti plötzlich nicht mehr so lustig. Dann zügeln sie weg. So entstehen Parallelgesellschaften.
Viele der Forderungen in Ihrem Bildungspapier entsprechen jenen der FDP. Sie kopieren freisinnige Ideen.
Sie sind witzig. Es ist genau umgekehrt. Das sind seit eh und je unsere Forderungen. Neu ist, dass sich auch bei den anderen Parteien und in der Gesellschaft etwas ändert. Wir können jetzt in mehreren Kantonen zusammen mit der FDP Mehrheiten schaffen. Zum Beispiel im Inkubatorkanton Aargau: Dort haben wir eine SVP/FDP-Mehrheit und Martina Bircher als neue SVP-Bildungsdirektorin. Auch in Zürich sieht es danach aus, dass Mehrheiten für eine vernünftige Bildungspolitik möglich sind.
Sie sprechen die Abschaffung von Frühfranzösisch an. Dazu gibt es in Zürich einen neuen Vorstoss.
Für die SVP ist eine Fremdsprache in der Primarschule genug. Welche das ist, müssen die Kantone selber entscheiden.
Wie werden Sie jetzt weiter vorgehen?
Wir werden unsere Vorstösse koordiniert einreichen – ob sie von uns, von der FDP oder von einer anderen Partei kommen, ist irrelevant. Es geht nur um das Ziel. Allein die SVP hat in sechs Kantonen Bildungsdirektoren, dazu kommen jene der FDP. Prioritär ist die Abschaffung des integrativen Unterrichts. Auch die sprachlichen Integrationsklassen wollen wir einführen, auch hier gibt es Mehrheiten mit der FDP.
Sie sind in der SVP Schweiz auch für die Bereiche Gesellschaft und Familie zuständig. Was beschäftigt Sie politisch abseits der Volksschule?
Viel! Zuerst: Ich bin froh, dass die Wokeness-Welle so was von vorbei ist. Es lohnt sich nicht einmal mehr, darüber zu sprechen. In den USA schlägt das Pendel in die andere Richtung. Und dann beschäftigt mich die Rolle der Familie in der Gesellschaft.
Inwiefern?
Nehmen Sie mich: Ich bin 33 Jahre alt und habe drei Kinder. Als ich mit 28 das erste Kind hatte, sagten alle, das sei megafrüh. Früher wäre ich Durchschnitt gewesen, heute bin ich die Ausnahme. Die Schweizer finden es nicht mehr attraktiv, Kinder auf die Welt zu stellen – geschweige denn in jungem Alter. Dabei bräuchte die Schweiz mehr Kinder.
Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe?
Falsche Versprechen des Feminismus. Dass alle alles haben können, Familie und Arbeit locker unter einen Hut bringen und alles 50:50 zwischen den Partnern aufteilen können, ist eine Illusion. Viele merken jetzt, dass diese Idee auf Kosten der Lebenszufriedenheit geht. Es fällt viel mehr Arbeit und Mental Load an, und in vielen Branchen kann man nicht in Teilzeit Karriere machen.
Sie sprechen nur über Feminismus. Dabei sind Familien ja gleichermassen ein Projekt der Männer.
Ich kenne viele Väter, die gerne mehr Zeit mit den Kindern verbringen würden. So geht es mir auch. Aber gleichzeitig ist der Anspruch da, dass ein Vater das Geld verdient und Karriere machen soll. Daran hat sich kaum etwas geändert, auch wenn das häufig behauptet wird.
Dieser Anspruch ist doch veraltet. Heute sind Frauen im Schnitt besser ausgebildet als Männer.
Wenn die gut ausgebildeten Frauen Karriere machen wollen, sollen sie das unbedingt tun. Die gute Ausbildung und die guten Chancen der Frauen auf dem Arbeitsmarkt zeigen, dass die Gleichstellung erreicht ist. Die Frage ist, ob sie wirklich Karriere machen wollen. Politisch darf kein Modell diskriminiert werden. Wer sich entscheidet, voll für die Kinder da zu sein, soll genauso steuerlich entlastet werden wie Eltern, die ihre Kinder fremdbetreuen lassen.
Sie konstatieren, dass es schwierig ist, Beruf und Familie zu vereinbaren. Und Ihre Lösung sind Steuerabzüge für Hausfrauen und -männer?
Das ist ein zentraler Punkt. Das Ein-Ernährer-Modell darf steuerlich nicht benachteiligt werden. Und ich gehe sogar noch weiter: Das traditionelle Familienmodell, die Ehe als Institution, ist wieder sexy. Daran ändern auch die FDP-Frauen nichts, die eine Individualbesteuerung einführen wollen, um die Ehe als Wirtschaftsgemeinschaft auszuhebeln.
Wie kommen Sie darauf?
Bei den Jungen ist dieses Bedürfnis gemäss Studien wieder stärker. In unserer oberflächlichen Zeit nimmt der Wunsch nach traditionellen Werten, Stabilität und Geborgenheit zu. Wir sollten nicht immer so tun, als wären Ehe und Familie irgendein komisches Modell von gestern. Gerade Frauen empfinden es zunehmend als ‹Bschiss›, wenn man von ihnen erwartet, sie müssten alles gleichzeitig machen – die grosse Karriere und ein bisschen Mutter sein.
Jetzt sprechen Sie wieder über die Frauen. Wie ist das denn bei Ihnen als Mann?
Wenn ich morgens aus dem Haus gehe, habe ich auch manchmal ein schlechtes Gewissen, weil ich lieber bei den Kindern bleiben würde. Ich muss also auch Kompromisse eingehen. Meine Frau und ich sind ein super Team, wir teilen uns die Verantwortung klar. Besonders wenn die Kinder noch klein sind, braucht es eine gute Aufgabenteilung. Wie genau, muss aber jedes Paar selbst entscheiden.
