Warum die Zukunft der Mitte in Rüti gestaltet werden könnte
Polit-Aufsteigerin Yvonne Bürgin
Die Mitte-Partei erlebt derzeit unruhige Zeiten. Doch die Krise wird auch Gewinnerinnen und Gewinner hervorbringen. Gut möglich, dass Rütis Gemeindepräsidentin Yvonne Bürgin eine von ihnen wird.
Irgendwann, so etwa zwischen dem Bündner Nationalrat Martin Candinas und der Zürcher Regierungsrätin Silvia Steiner, war auch Yvonne Bürgin an der Reihe.
«Ich bin der Meinung, dass mein Rucksack noch zu wenig gefüllt ist», sagte die Rütner Gemeindepräsidentin am 22. Januar gegenüber dem SRF-«Regionaljournal» – und stimmte damit in den immer lauter werdenden Absagen-Kanon für eine Bundesratskandidatur der Mitte ein.
Übrig geblieben sind heute zwei männliche Aspiranten und das unvorteilhafte Bild einer Partei, die sich nach den Rücktritten ihres Präsidenten und ihrer Bundesrätin selbst im Weg steht. Aus der Nationalversammlung mehren sich die unzufriedenen Stimmen. Wie sie die Nachfolge von Viola Amherd regeln wird, wird sich weisen müssen.
Klar ist indessen, dass sich mit diesen Disruptionen die innerparteilichen Verhältnisse klären und Dinge neu ordnen werden. Für jene Exponenten, die auf nationaler Ebene Ambitionen hegen, ist jetzt ein guter Zeitpunkt, sich vorausschauend zu positionieren.
Das gilt selbstverständlich auch für Yvonne Bürgin. Seit ihrem Eintritt in den Nationalrat im November 2023 hat sich die 54-Jährige in die Materie eingearbeitet und das wichtige Wechselspiel mit den Medien kennengelernt.
Als Mitglied der wichtigen Finanzkommission wurde sie zweimal in die SRF-Sendung «Arena» eingeladen, ein drittes Mal durfte sie im Januar über die Nachfolge von Viola Amherd diskutieren. Es waren Auftritte, mit denen sie ihr Profil schärfte und in denen sie Kante zeigte – extern wie intern.
Sie scheut die Führung nicht
Dass sie sich trotz ihrem steigenden Bekanntheitsgrad noch nicht für einen Bundesratsposten bereit sieht, darf man ihr zwar durchaus abnehmen. Doch gleichzeitig scheint sie allein schon mit ihrem Werdegang für eine tragende Rolle innerhalb der Partei prädestiniert.
Dafür spricht etwa, dass sie im Kantonsrat, wo sie ab 2013 während zehn Jahren politisiert hatte, sich weniger mit der Lancierung von Vorstössen als mit Kommissionsarbeit beschäftigte. Oder aber, dass sie erwiesenermassen die Führungsverantwortung nicht scheut – eine Qualität, mit der das Heer an potenziellen Mitte-Bundesratskandidatinnen und -Bundesratskandidaten zuletzt nicht unbedingt brillierte.
Es fällt auf, dass Yvonne Bürgin sich bislang immer richtig entschieden hat.
Mitte-Kantonsrat Jean-Philippe Pinto (Volketswil)
So präsidierte die Rütnerin ein Jahr lang den Kantonsrat und anschliessend vier Jahre lang die Mitte-Fraktion. Seit 2021 ist sie Vizepräsidentin der nationalen Partei, in ihrer Ortssektion war sie einst als Vize- und später als Co-Präsidentin tätig.
Und als es für sie 2022 erstmals darum ging, sich für ein Exekutivamt zu stellen, warf die Mutter dreier erwachsener Kinder – mit Erfolg – ihren Hut gleich für das Gemeindepräsidium in den Ring.
Ihr langjähriger Fraktionskollege im Kantonsrat, der Volketswiler Gemeindepräsident Jean-Philippe Pinto, sagt: «Yvonne Bürgin ist eine mutige, entschlossene Politikerin, die nicht zögert, sich zur Verfügung zu stellen, wenn sie es für richtig erachtet. Und es fällt auf, dass sie sich bislang immer richtig entschieden hat.»
Keine politischen Feindschaften
Zu konkreten Ambitionen – etwa hinsichtlich des vakanten Parteipräsidiums – will sich Yvonne Bürgin offiziell noch nicht äussern. Dass sie dennoch welche hegen könnte, scheint naheliegend. Schliesslich hatte sie bei ihrer Absage nachgeschoben, dass sie mit etwas mehr Erfahrung eine Bundesratskandidatur durchaus in Betracht gezogen hätte.

Hört man sich in ihrem näheren politischen Umfeld um, so findet man niemanden, der ihr einen weiteren Schritt nicht zutrauen würde. Jean-Philippe Pinto sagt: «In einer Führungsfunktion muss man spüren, wohin eine Partei geht, und sich den Aufgaben und Herausforderungen anpassen. Es hat mich folglich nicht überrascht, dass sie in Bern schnell angekommen ist.»
Rütis Gemeinderat Peter Weidinger, der die lokale CVP Rüti 20 Jahre präsidierte und seine heutige Gemeindepräsidentin bereits seit den 1990er Jahren und ihren Anfängen in der Sekundarschulpflege kennt, attestiert ihr «natürliche» Führungsqualitäten: «Sie holt Meinungen ein und stellt unbequeme Fragen, während sie selber mit Effizienz, Dossierkenntnis und einem ansprechenden Tempo vorangeht.»
Yvonne kann das.
SVP-Kantonsrätin Elisabeth Pflugshaupt (Gossau)
Und die Gossauer SVP-Kantonsrätin Elisabeth Pflugshaupt, die mit Bürgin zwei Jahre lang in der Finanzkommission gearbeitet hatte, bezeichnet sie als «fachkompetent», «kritisch» und «gerade»: «Sie macht sich ihre Gedanken, kommt zu einem Schluss und steht zu diesem. Deshalb kann sie in Debatten klar Kontra geben, ohne zu polemisieren. Und deshalb hat sie auch keine wirklichen politischen Feindschaften.»
Pflugshaupt sagt, dass sie froh ist, dass sich Bürgin aus dem Bundesratsrennen genommen hat. Zu früh sei der Zeitpunkt und zu gross die Gefahr gewesen, wegen mangelnder Erfahrung «verheizt» zu werden. Eine andere Führungsposition, so meint sie, wäre dagegen ein erster Schritt in diese Richtung. Die SVP-Frau ist überzeugt: «Yvonne kann das.»
Sie sagt: «Sag niemals nie»
Yvonne Bürgin selbst betont derweil, dass sie sich derzeit auf ihre Aufgaben konzentrieren möchte. Dass ihr Name für eine Bundesratskandidatur ins Spiel gebracht worden sei, schmeichle ihr. Aktuell sei der Zeitpunkt aber der falsche.
Sie sagt: «Ich habe vor der Wahl zur Gemeindepräsidentin davon gesprochen, dass ich zwei bis drei Legislaturperioden anstrebe, weil ich keine halben Sachen machen möchte. Das strebe ich immer noch an. Wir haben hier Projekte aufgegleist, beispielsweise das Gesamtsportanlagenkonzept. Die wollen wir umsetzen.»
Ich bin eine seriöse Schafferin und keine Pöschtlisammlerin.
Yvonne Bürgin
Darüber hinaus gibt sie zu bedenken, dass es intensiv sei, diese kommunalen Aufgaben mit der Arbeit in Bundesbern in Einklang zu bringen. Sollte ein anderes, zusätzliches Amt hinzukommen, müsste sie sich «erheblich umorganisieren». Und sowieso: «Ich bin eine seriöse Schafferin und keine Pöschtlisammlerin.»
All das klingt nicht unbedingt danach, als würde sich die Rütnerin für das frei werdende Parteipräsidium in Stellung bringen, dessen Besetzung die Partei sich nach der Bundesratswahl vom 12. März annehmen wird. Doch dies als Absage an die Ambitionen zu verstehen, wäre voreilig.
Denn Yvonne Bürgin ist selbstverständlich Politikerin genug, um ihre Karten nicht ohne Not auf den Tisch zu legen. Aktuell, so erklärt sie, mache sie sich in der Frage eine Pro- und Kontra-Liste. Und auf eine Bundesratskandidatur zu einem späteren Zeitpunkt angesprochen, meint sie je nach Gusto viel- oder wenigsagend: «Sag niemals nie.»
Plötzlich im Fraktionspräsidium?
Die Quizfrage geht deshalb an die Parteikollegen Jean-Philippe Pinto und Peter Weidinger: Wird Yvonne Bürgin sich statt für die Nachfolge von Bundesrätin Viola Amherd für diejenige von Parteipräsident Gerhard Pfister bewerben?
«Eher nicht, sie setzt vorderhand voll auf das Gemeindepräsidium in Rüti», tippt der Volketswiler Gemeindepräsident Pinto.
Der Rütner Gemeinderat Weidinger eröffnet dagegen ein interessantes Gedankenspiel: «Falls sich der aktuelle Mitte-Fraktionschef Philipp Matthias Bregy für das Parteipräsidium bewirbt, hätte er sicher keine schlechten Chancen. Womöglich könnte sein Posten frei werden. Yvonne ist als Sachpolitikerin gut darin, Kompromisse über die Parteigrenzen hinweg zu schmieden. Wer weiss, vielleicht wäre sie in dieser Position fast noch besser aufgehoben.»
Affaire à suivre.
